Bertolt Brechts populäres Stück um Mackie Messer und Konsorten hat am 3. Dezember 2005 im Alten Schauspielhaus in Stuttgart Premiere. Georg Preuße ist Mackie Messer.
„Die Dreigroschenoper“
in Stuttgart
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Mary, Mackie und der Mond über Soho
Georg Preuße will Menschen erklären

Pressekonferenz im Stuttgarter Alten Schauspielhaus - Das Projekt "Die Dreigroschenoper" wird vorgestellt. Drei Protagonisten und der Regisseur haben sich um den Intendanten versammelt. Von links: Georg Preuße (Mackie Messer), Jan-Christof Kick (Tiger Brown), Carl Philip von Maldeghem (Intendant), Asita Djavadi (Polly) und Axel Stöcker (Regisseur). Im Mittelpunkt der Runde stehen allerdings weniger Bertolt Brecht, sein Werk oder die Inszenierung, sondern Georg Preuße und seine populäre Kunstfigur „Mary“. Dem Künstler gelingt es, sich hervorragend zu profilieren. – Foto: Copyright © Arthur H. Maute

„Das ist das Schönste am Schauspiel, dass man da Menschen erklären kann,“ sagt Mary Morgan. Im Hinblick auf die bevorstehende Premiere von „Die Dreigroschenoper“, die am 3. Dezember im Alten Schauspielhaus in Stuttgart über die Bühne gehen soll, möchte der Travestiekünstler Georg Preuße allerdings lieber nicht so heißen, denn er „will ja nicht, dass einige Karten kaufen, um mal zu kucken, wie Mary im weißen Anzug aussieht“. Er wird die Rolle von „Macheath, genannt Mackie Messer“ in Bertolt Brechts berühmten Bühnenstück spielen, der 1928 verfassten Variante von John Gays „Beggar's Opera“, deren Songs von Kurt Weill kongenial vertont wurden. Im Dezember will der Schauspieler den letzten Teil seiner „Wunschtrilogie“ abhaken, zu der „Draußen vor der Tür“ und „Cabaret“ gehören.

Der durch die Proben leicht lädierte Georg Preuße zeichnet ein plastische Bild seiner Annäherung an die Rolle des Mackie Messer und seiner selbst. - Foto: Copyright © Arthur H. Maute

   „Mary“ ist ein Star, zweifelsohne. Intendant Carl Philip von Maldeghem , erst kürzlich auf das Engagement von Stars für seine beiden Theater angesprochen, sagt dazu „Mag schon sein, dass wir mal jemanden engagieren, weil er ein Star ist.“  Das gelte aber ausschließlich für die Komödie, da gehöre es zum Konzept, die Menschen zu engagieren, „auf die wir neugierig sind, bei denen wir aber auch davon ausgehen, dass viele andere auf sie neugierig sind.“ Dagegen sei es im Alten Schauspielhaus wichtig, „erst einmal vor allem einen interessanten Spielplan zu machen“, der von der Klassik (in dieser Spielzeit Schillers „Kabale und Liebe“) „über Brecht bis zu zeitgenössischen Stücken reicht. Da ist für mich einfach das Kriterium, für jede Produktion einerseits das Stammensemble zu beschäftigen, und andererseits für jede Rolle die beste Besetzung zu bekommen, die ich bekommen kann. Herr Preuße und ich haben uns kennen gelernt, sind ins Gespräch gekommen, und es hat sich herausgestellt, der Mackie Messer gehört zu seinen Traumrollen.“
   Georg Preuße, der Funk- u. Fernsehtechniker gelernt und ein Informatik-Studium absolviert hat, war schon 1975 unter dem Künstlernamen „Mary Morgan“ aufgetreten und hatte schnell internationale Erfolge gefeiert. 1978 tat er sich mit Reiner Kohler zusammen und trat als „Mary Morgan & Gordy Blanche“ zunächst im Münchner Hilton und dann in der in der Lach- und Schiessgesellschaft München auf. 1980 wurde der Name des Duos gekürzt, und die beiden hießen von nun an „Mary & Gordy“. Seither feierte das Paar Erfolg um Erfolg, bis zum letzten gemeinsamen Auftritt 1987. Seit 1989 tritt Georg Preuße als „Mary“ solo auf.
   Preuße, der vorgibt, dass ihn die Tatsache, dass Gordy „nicht von Tuttlingen wegwollte, aus dem Schwabenländle“, die „Las-Vegas-Karriere“ gekostet habe, kennt Stuttgart bestens. Unter Woyda im Renitenztheater habe er schon gespielt, aber auch in der Liederhalle. Jetzt allerdings spiele er das erste Mal hier in einem wirklichen Theater, „und da kann ich den Stuttgartern vielleicht auch zeigen, was ich also zwischen der Trennung von Mary und Gordy, von Mary, in der Zwischenzeit dann getrieben habe, wenn ich mal nicht in Stuttgart war.“ Durch Friedrich Dürrenmatt sei er „zum Theater“ gekommen, „das war ‚Achterloo IV’, das haben wir geprobt in der Reithalle. Und dann ging es zu den Schwetzinger Festspielen. Das war 1988.“
   Auf die Frage, wo er denn sein Wissen über Menschen her habe, das offenbar mehr umfasse, als die Menschen im Zuschauerraum wüssten, entgegnete er, das hänge ja doch ein bisschen mit seiner Kindheit zusammen, in der er eben sehr krank gewesen sei. „Das, was ich gelernt habe, ist zuzuhören und zu sortieren, was richtig und was falsch ist.“ Und weiter: „Ich vergleiche die Menschen eigentlich immer ganz gerne mit einer Wiese. Wenn Sie eine Wiese sehn, dann haben Sie die Menschheit. Das sieht alles gleich aus. Und dann gehen Sie mal richtig darauf zu, beschäftigen sich mit einem Grashalm, und dann beschäftigen Sie sich mit dem nächsten, und Sie werden feststellen, dass jeder Grashalm anders ist. Und ich finde, es gibt nichts Schöneres, als diese Zeitverschwendung, sich mit Menschen zu beschäftigen, sich für Menschen auch zu interessieren. Und zwar freiwillig, dass man sie öffnet, dass sie von sich aus erzählen.“
   Als Schauspieler beschäftigt sich Preuße jetzt mit den fiktiven Menschen der Autoren. „Ich setze mich auch hin und schreibe mir eine Charakterisierung von Mackie Messer, auch in seiner Beziehung, ich habe mir auch so eine kleine Biografie geschrieben.“ Denn „er fängt ja nicht an zu leben mit dem ersten Satz, den er auf der Bühne sagt. Er hat ja vorher schon gelebt, er muss ja irgendwo herkommen“. Er versuche immer, zu erklären. „Warum ist dieser Mensch so? Was hat ihn eigentlich dazu getrieben, so zu sein?“ Und er ergänzt, Mackie Messers „Vater war vielleicht Kohlenhändler, man kann ja auch ein bisschen spinnen, man ist ja frei. Aber dass man so ein bisschen so ein Gerüst hat.“  Deshalb „bin ich meistens immer zwei Stunden vor dem Beginn im Theater und sitze vorm Spiegel und gehe meine Biografie vor dem Stück durch.“ Und zu Mary sagt er schmunzelnd, dass er eigentlich immer einen wirklichen Menschen spielen wollte, und „für mich ist eine Frau auch ein Mensch“.

Arthur H. Maute
15. November 2005