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Alex Melcher
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Alex Melcher
Sympathien für einen Mörder: Alex Melcher sammelt als neuer Lucheni in Essen Punkte
Alex MelcherEr ist fies, er ist schmierig, er ist durchtrieben, hinterlistig, gemein, rücksichtslos und brutal. Charaktereigenschaften, die nicht unbedingt dazu angetan sind, jemanden zu „Everybodys Darling“ zu machen. Und dennoch mag ihn das Publikum, liebt ihn sogar: Luigi Lucheni, Elisabeths Mörder. Als solcher hetzt er seit März 2001 Abend für Abend die einstmals schöne, aber inzwischen verhärmte Kaiserin von Österreich in die Arme des Todes, indem er ihr seine Feile zwischen die Rippen rammt. Tilt, game over!
   Als anarchistischer Killer treibt seit einigen Wochen ein neuer Anti-Held in der Ruhrstadt sein Unwesen: Alex Melcher. Nachdem Carsten Lepper auf dem Katastrophendampfer in Hamburg angeheuert hatte, war in der Altendorfer Straße weiß Gott guter Rat teuer. Ein adäquater Nachfolger musste her, einer, der den anspruchsvollen, ambivalent angelegten Part des Meuchlers ohne Qualitätsabstriche glaubhaft würde ausfüllen und ihm eventuell sogar eigene, neue Konturen verpassen könnte. Die Fußspuren, die der Vorgänger hinterlassen hatte bzw. würde, waren nämlich verdammt groß. Kein leichter Job: Ist der Lucheni mittelmäßig, leidet das ganze Stück.
Immer weiche Knie vorm ersten Mal
   Entwarnung! Der Neue hat sich als Abräumer entpuppt, punktet und macht durch sein intensives, dynamisches, grelles Spiel locker vergessen, dass er eben nicht mit dieser Rolle „aufgewachsen“ ist, sprich, von Anfang an als Lucheni dabei war. Hat sich das Publikum erst einmal an einen bestimmten Darsteller gewöhnt und eine Erwartungs- und Identifikationshaltung entwickelt, hat es der, der ihm nachfolgt, immer schwer. Der gebürtige Karlsruher hat die Herausforderung angenommen - und glänzend bestanden. Innerhalb von drei Wochen hat der Linkshänder den Part einstudiert und sich die Show dreimal angeschaut, um dann auf die Kaiserin und die Besucher los gelassen zu werden. „Da hatte ich schon verdammt weiche Knie “, bekennt er. Aber so ist es bei ihm immer. „Beim ersten Mal in einer neuen Rolle habe ich grundsätzlich riesiges Lampenfieber. Dann hasse ich meinen Beruf förmlich und frage mich, warum ich mir das eigentlich antue“. Aber es funktioniert immer – auch hier.
Ein Lucheni Marke Melcher
   Die Figur des Lucheni habe ihn eigentlich schon immer interessiert, verrät Melcher. Jetzt war die Gelegenheit, zu zeigen, dass er ihr auf der Bühne gerecht werden würde - und obendrein in der Lage war, ihr einen eigenen Stempel aufzudrücken. An eine 1:1-Kopie war von Anfang an nicht gedacht. Etwas Eigenes sollte schon dabei sein, sonst wäre das für ihn uninteressant gewesen. Die Freiheit zur individuellen Ausprägung des Charakters war Melcher zugesichert worden, und er nutzte sie weidlich. Dabei heraus kam zwar kein gänzlich anderer Kaiserinnen-Mörder, aber einer, der als solcher noch schleimiger, höhnischer, schmuddeliger, hinterfotziger und aufwieglerischer ist als alle anderen vor ihm. Er popelt ungeniert in der Nase, rülpst, kratzt sich am Gehänge und anderswo, ist ungepflegt und aggressiv. Keiner, den sich Lieschen Müller unbedingt als Schwiegersohn wünscht oder dem sie ein Zimmer vermieten würde.
   Mit vollem körperlichen und stimmlichen Einsatz und einer unvergleichlichen Mimik hetzt dieses Temperamentbündel siebenmal pro Woche durch die Handlung, beeinflusst sie, erklärt sie, treibt sie voran. Sein Credo: „Die Arbeit an einer Rolle ist wichtiger als der Erfolg“. Das bedeutet ein nicht endendes Bemühen nach Verbesserung und Perfektion. „Sonst stellt sich Routine ein, und die ist tödlich - und vor allem langweilig“.
   Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Carsten Lepper, der quasi aus dem Nichts auftauchte und von Null auf Hundert zum Shootingstar wurde, ist Melcher ein Mann mit Vergangenheit. Und die wurde nicht erst durch die seligen „Rent“-Tage, wo er im Düsseldorfer Capitol als Mark zur Premierenbesetzung zählte, begründet. Der Vollblutentertainer, der „nebenbei“ als Songwriter und Rockmusiker tätig ist, gilt als musical-ische Vielzweckwaffe und ist universell einsetzbar. Ein Mann für alle Fälle quasi. Notfalls, so eine respektvolle Frozzelei, könnte er im Colosseum auch die Titelrolle spielen.
Ein Mann für alle Fälle
   Er reüssierte als Alfred in der Wiener Vampir-Inszenierung, als Seymor im „Kleinen Horrorladen“ in Duisburg, als Magier bei „Tabalua & Lilli“ in Oberhausen sowie als Judas in „Jesus Christ Superstar“ in Tecklenburg. In St. Gallen, seine zweite aktuelle „Baustelle“, steht er in diesem Webber-Klassiker derzeit auf der anderen Seite und gibt den Jesus. Am 4. Januar ist er daselbst als solcher letztmals zu sehen. Vor seinem Engagement in Essen war Melcher als Cousin Kevin mit „Tommy“ durch die Niederlande getourt.
   Wäre da vielleicht trotzdem noch eine Traumrolle? „Das ist immer meine aktuelle“ sagt er, um nach einigem Überlegen zu ergänzen: „Der Radames in "Aidia" würde mich schon reizen“. Schaun ‘mer mal!

Jürgen Heimann
15. Dezember 2002


Foto: Stage Holding
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