Das Motto der Spielzeit, das Carl Philip von Maldeghem,
der Intendant des Alten Schauspielhauses und der Komödie im Marquardt in Stuttgart, für die Spielzeit 2005/2006 gewählt hat, lautet „Momentaufnahmen einer menschlichen Welt“. Einer derjenigen, die in seinem Spielplan dieses Motto mittragen, ist Jean-Paul Sartre mit „Geschlossene Gesellschaft“, einem der Hauptwerke des Existenzialismus, das der Chef selbst in Szene setzen wird. Das bekannteste Zitat aus diesem Stück „Die Hölle, das sind die anderen“ ergänzt er um die Freiheit, sich aus dieser Hölle in eigener Verantwortung zu befreien. Diesem atemberaubenden philosophischen Text, der im März und April nächsten Jahres im Stuttgarter Alten Schauspielhaus die Theaterbesucher faszinieren soll, wird in der Komödie in der gleichen Jahreszeit ein Stück aus der zweiten Kollektion des Intendanten gegenübergestellt. Das lebensbejahende romantische Stück „Verzauberter April“ nach Elizabeth von Arnims Buch „Enchanted April“, in dem vier Frauen unterschiedlichen Charakters in den mediterranen Frühling aufbrechen, von Matthew Barber umgearbeitet, wurde zu „New Yorks Lieblingskomödie“. Die Broadway-Premiere war 2003. Übrigens hatte Mike Newell schon 1992 das Thema verfilmt. Ein doppelter Höhepunkt für das Frühjahr 2006.
Zehn Stücke in Auftrag gegeben
Im Alten Schauspielhaus, das „ein Ort für moderne Klassiker und klassisches, spannendes Erzähltheater“ sein will, sollen aber gleichzeitig neue Stücke präsentiert werden. „Ich habe die Erfahrung gemacht, und auch einen Reiz darin gesehen, Stücke in Auftrag zu geben und zu entwickeln. Und das wird für uns ein Schwerpunkt der nächsten Jahre sein“ sagt von Maldeghem. Das sei viel spannender, als auf und ab das zu spielen, was die Verlage im Angebot haben. „Derzeit gibt es acht bis zehn Stücke, die wir in Auftrag gegeben haben, die im Entstehungsprozess sind, gemessen an der Größe dieses Hauses eine beachtliche Anzahl.“
Friedrich Schiller und Tennessee Williams
Eröffnet wird die nächste Spielzeit im Alten Schauspielhaus am 10. September allerdings mit einem Klassiker, mit „Kabale und Liebe“, einem der großen Dramen von Friedrich Schiller, inszeniert von Klaus Hemmerle. Darauf folgt dann im Oktober mit „Die Glasmenagerie“ ein ganz konträres Stück, eines der berühmtesten Werke des amerikanischen Schriftstellers Tennessee Williams, Von Maldeghem erklärt, der Autor, dem mit diesem Stück 1944 der Durchbruch gelang, wünsche sich, dass es auf gar keinen Fall naturalistisch-realistisch aufgeführt werden solle. Es gehe vor allem darum, dass man sich das Seelenleben der Charaktere vorstellen kann. Inszenieren wird Tanja Richter, die mit ihrem Ensemble „Fliegen ab Stuttgart“ 2003 den Theaterpreis der Stuttgarter Zeitung gewonnen hat.
„Mary“ als Mackie Messer
Die Funktion des traditionellen Musicals zur Jahreswende nach „Anything Goes“. „Cabaret“ und „Herzen im Schnee“ - wird dieses Mal „Die Dreigroschenoper“ übernehmen. Die Überraschung ist, dass die Partie des Mackie Messer von Georg Preuße gespielt werden soll. Der vor allem als „Mary“ bekannt gewordene Darsteller hat unlängst im Berliner Dom als „Jedermann“ große Erfolge gefeiert.
Stuttgarter Köpfe
Im vergangenen Jahr waren „Stuttgarter Köpfe“ als ein Schwerpunkt der vielseitigen Kollektionen des Intendanten angekündigt worden. Manfred Zach, der lange Jahre Regierungssprecher bei Lothar Späth war, und der Autor des politischen Enthüllungsromans „Monrepos“ ist, gehört gewiss zu diesen Köpfen. Er schrieb die Staatskomödie „Schlossplatz“ als Auftragswerk für das Haus. Es gehe um einen amtierenden Ministerpräsidenten, der um jeden Preis an der Macht bleiben wolle. Er habe mit seinem etwas trockenen Image zu kämpfen. Auch mit den Medien in Gestalt eines mächtigen Rundfunkintendanten habe er Schwierigkeiten. Und er fürchte die Intrigen der Vorgänger und der Kabinettskolleginnen und kollegen. Genau richtig terminiert sei das Stück. Es spiele vier Monate vor der Landtagwahl. Und „wir spielen es vier Monate vor der Landtagswahl“, kündigt der Intendant an.
Zu den „Stuttgarter Köpfen“ gehört auch Felix Huby. Er schrieb das Stück für die zweite Uraufführung und wird den ersten „Tatort für die Bühne“ unter dem Titel „Bienzle und der Mord am Neckar“ vorstellen. Die Platzierung im Alten Schauspielhaus sei ganz bewusst, denn es passiere ein Mord an einer Stuttgarter Schleuse, und man wolle die Theatermaschinen da auch arbeiten lassen. Natürlich werde Dietz-Werner Steck auch im Theater die Rolle des Kommissar Bienzle spielen.
Gesprochenes Wort gegen vertanzten Klassiker
Was fehlt noch? Natürlich der große europäische Klassiker Shakespeare. Seit der Uraufführung im Jahr 1969 wird John Crankos „Der Widerspenstigen Zähmung“ vom Stuttgarter Ballett immer wieder erfolgreich auf den Spielplan gesetzt. Von Maldeghem möchte jetzt dem „vertanzten“ Stück die „gesprochene“ Version gegenüber stellen. Es handle sich um eines der besten Stücke über Geschlechterkampf. Allerdings müsse man sich jedoch sehr klar die Frage stellen, mit welcher Aussage man das Stück heute spielen könne.
Nicht „My Fair Lady“, sondern „Mythos Marlene“
Die Komödie habe in der nächsten Spielzeit den „bisher vielleicht anspruchsvollsten Spielplan“, sagt der Intendant. „Die meisten Stücke sind nicht boulevardeske Stücke, die aber trotzdem gute Unterhaltung ermöglichen.“ Die Spielzeit beginnt am 16. September mit George Bernard Shaws „Pygmalion“, der Vorlage zu dem bekannten Musical „My Fair Lady“. Es sei ein pointiertes, tiefsinniges und humorvolles Stück, „mit dem erweiterten Reiz, dass Walter Schultheiß den Doolittle spielt und die Eliza von der Alb kommt.“ Von Maldeghem schlägt so zwei Fliegen mit einer Klappe: Die schwäbische Position ist so zugleich mit einer klassischen Komödie besetzt. Die Eliza wird Bettina Schönenberg spielen.
Die musikalische Position dagegen wird im Mai 2006 mit „Mythos Marlene“ besetzt, eine Fortsetzung der Reihe, die mit „Heesters“, „Comedian Harmonists“ und „Swing Sisters“ begonnen hat. Drei Stücke über Marlene Dietrich waren geprüft und verworfen worden. So kommt es schließlich zu einer weiteren Uraufführung. Jo van Nelson, der auch an „Swing Sisters“ beteiligt war, schreibt ein „Marlene-Märchen“. Die Deutsch-Amerikanerin Sona MacDonald, eine Ausnahmeerscheinung, ist gefragte Schauspielerin und gefeierter Musicalstar und wird als Marlene auf der Bühne stehen.
Die Mausefalle - im Dunkeln
Am ehesten gehören die anderen zwei für die Komödie geplanten Stücke, in die Rubrik Boulvardtheater. „Die Mausefalle“, die seit 1952, also mehr als 40 Jahre, ohne Unterbrechung im Londoner West End läuft, kommt im November, und gleich danach im Januar Peter Shaffers „Komödie im Dunklen“. Eine Überraschung des Intendanten: In Agatha Christies Kriminalstück wird Susan Stahnke, die nach einem Fach- oder Imagewechsel sucht, eine 60jährige alte Jungfer spielen. Peter Shaffer ist vor allem durch „Amadeus“ bekannt geworden. Seine „Black Comedy“ entstand bereits 1965 und wurde durch seinen Kunstgriff, im Dunkeln spielende Szenen für den Zuschauer sichtbar zu machen, zu einem seiner größten Erfolge.
Programme für Kinder und Nachtschwärmer
Für Kinder gibt es als spannende Abenteuerreise voller Witz und Humor Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ in einer eigenen Fassung von Paul Christopher. Und bei den cocktailhaltigen Nachtprogrammen wird „Piaf: die Suche nach Liebe“, der Soloabend mit Asita Djavadi, wegen großer Nachfrage wieder aufgenommen. Außerdem wird es ein musikalisches Kochstudio unter dem Titel „Scharf, aber geschmacklos geben“, bei dem das, was dabei entsteht, auch tatsächlich aufgegessen werden darf - alles im Preis inbegriffen.
Unterm Dach, juhe
Für das Theater unter dem Dach gibt es nach wie vor Interesse. „Shirley Valentine“ und „Das Tagebuch der Anne Frank“ werden wieder aufgenommen. Hinzu kommen „Escape“, ein aktuelles Jugendstück über Ausgrenzung und Gewalt an der Schule und „Iranische Nächte“, ein dramatischer Diskurs über religiöse Toleranz und Radikalisierung.
Arthur H. Maute
14. April 2005