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Dem Programmheft liegen mehrere Postkarten bei, auf denen ein Löwe, auf verschiedene Arten seltsam ausstaffiert, zu sehen ist. Man lernt, dass es sich um den Burglöwen handelt, ein Wahrzeichen der welfischen Macht von Herzog Heinrich dem Löwen aus dem 12. Jahrhundert, das den Braunschweiger Burgplatz ziert. In der Show „Braunschweich, Braunschweich“, die nach dem Erfolg im letzten Jahr am 3. Juli wiederaufgenommen wurde, wird dieses Symbol arg strapaziert. So tritt es zum Auftakt filmisch im MGM-Stil auf, brüllt jedoch nicht wie sonst, sondern kräht eher wie ein Hahn. Liegt es vielleicht daran, dass das Original der Skulptur nur in der Burg Dankwarderode besichtigt werden kann? Nur ein Braunschweiger mag über derart intime Kenntnisse seiner Heimatstadt, die sich übrigens als europäische Kulturhauptstadt für das Jahr 2010 bewirbt, verfügen.

Dem aus der Ferne angereisten Besucher erschließen sich naturgemäß viele der Gags nur schwer. Aber er merkt bald, dass gar manches nicht unbedingt typisch für Braunschweig allein ist, sondern auch andernorts spielen könnte. Am Anfang kommt die Parodie etwas mühsam in Fahrt, wozu vor allem einige zotige Einfälle und mal wieder, wie in Staatstheatern nicht unüblich, die Zurschaustellung des männlichen „Emblems“ gebraucht werden. Beim Publikum kann man damit immer punkten. Ansonsten steckt manches ernste Thema hinter dem sehr vordergründig scheinenden Klamauk. Und gelacht wird überhaupt nicht so viel, wie man erwarten würde. Manchmal bleibt einem das Lachen gar im Halse stecken, und oft gibt es auch absolut keinen Grund zur Heiterkeit. Wie dann, wenn nach der Pause Schuhe der dem Hitlerregime zum Opfer gefallenen Braunschweiger Juden vom Schnürboden herunterfallen, während deren Namen als Projektion über den kassettenartigen Hintergrund der Szene laufen. Das will gar nicht mehr enden. Umso schneller werden die Schuhe dann aber von den Trümmerfrauen in die Versenkung gekehrt. Verschwunden und vergessen die wohl stärkste Szene der Braunschweig-Show.
Als eine Art roter Faden zieht Cappuccino als Till E. durch die schrille Revue. Er orientiert sich dabei an der von dem Braunschweiger Hermann Bote geschaffenen Figur des Till Eulenspiegel. Cappuccino von der Jazzkantine, der eigentlich Karsten Löwe heißt und schon auf sechs Studio-Alben rappte, führt gewisser Maßen durch den Abend, tritt als Braunschweiger Original Harfen-Agnes auf, die sentimentale Lieder auf einer Gitarre begleitet haben soll, oder denkt in einer kabarettistischen Einlage über Braunschweig als Kulturhauptstadt nach.
Während das Stück inhaltlich zwar manchmal ins Schwarze trifft, gelegentlich jedoch befremdet und oft auch enttäuscht, kann die musikalische Komponente voll zufrieden stellen. Hier heißt es: Die Jazzkantine gibt den Ton an für die acht singenden Darsteller. Stephan Brauer, Mathias Förster, Andreas Goebel, Nadine Hammer, Anita Marietta Hopt, Michaela Kovarikova, Britta Krause und Stefan Reil sorgen Nummer für Nummer für den nötigen Wirbel und den aufrüttelnden Sound. Besonders in Erinnerung bleibt Nadine Hammers Hausfrauenversion von „Lili Marleen“ und das „live“ gesungene „hohe e“ in „Das Phantom der Oker“.
Den „Heimatabend mit der Jazzkantine“, für den fast die ganze Bestuhlung des Kleinen Hauses ausgebaut worden ist, hat sich Peter Schanz einfallen lassen. Er führt auch Regie in dieser Show voller gewollter Kontraste. Die Musiker, die einen Rock-Song nach dem anderen dröhnen lassen, leitet, vom Bass aus, der waschechte Braunschweiger Christian Eitner. Sein eigens für die Revue komponiertes Lied „Braunschweich, Braunschweich“ umrahmt den insgesamt gelungenen Abend.
Arthur H. Maute
7. Juni 2004
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