Die Kopie der New Yorker Produktion von Disney's "Beauty and the Biest" in Stuttgart

"Die Schöne und das Biest" in Stuttgart
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Kunst oder Kitsch?
Disneys "Die Schöne und das Biest" in Stuttgart
Leah delos Santos und uwe KrögerEs ist schon seltsam: Hat man „Beauty and the Beast" schon am Broadway gesehen, so scheint dieser deutschen Produktion trotz aller Perfektion eine Dimension zu fehlen. Ist die Ursache hierfür die deutsche Übersetzung mit ihren teilweise unsäglichen Formulierungen wie „Märchen schreibt die Zeit, in des Dichters Kleid", ausgerechnet im Titelsong, oder die künstliche Umgebung eines Retortenbunkers „à la Las Vegas", während doch am Broadway einfach in einem „ganz normalen" Theater gespielt wird, oder fehlt nur die brodelnde Atmosphäre von 7th Avenue und Times Square, die das Palace Theatre im Zentrum der New Yorker Theaterlandschaft umgibt?
 Ich habe jetzt die fünfte Vorstellung nach der Premiere von „Die Schöne und das Biest" gesehen, und war doch trotz meiner Vorbemerkung wieder begeistert. Handelt es sich doch schlicht um ein Musical, das einfach nur Freude bereitet, und das man positiv gestimmt verläßt, was man nun von den meisten heutigen Theatervorstellungen wirklich nicht sagen kann. Gut, es soll Leute geben, die das Stück in der Pause verlassen, mit dem Argument, es präsentiere nun wirklich das niedrigste Niveau von Kitsch überhaupt. Nur: Definiert nicht sowieso jeder selber, was er/sie unter Kunst bzw. Kitsch verstehen will, gerade so wie es ihm/ihr in den Kram paßt? Wer Kunst nur in einem rostigen Stück Stahl sieht, direkt vom Schrottplatz in ein Museum plaziert, wer nur Musik liebt, die gezielt jede althergebrachte Harmonie vermeidet, wer sich nicht wundert, wenn „romantische" Bühnenbilder und Requisiten aus Allerweltsgegenständen wie Regenschirmen und Einkaufswagen zusammengestellt werden, wer begeistert applaudiert, wenn Sänger und Schauspieler gemeinsam auf der Bühne allerlei unappetitliche Arten von „persönlichen Geschäften" verrichten, der wird mit diesem Musical natürlich seine Schwierigkeiten haben. Ich nehme mir daher die Freiheit, an dieser Stelle meinen eigenen subjektiven Kunstbegriff zu definieren: „Kunst vermittelt Menschen über ihre Sinne, vorwiegend durch Sehen und Hören, Unterhaltung in der vornehmsten Bedeutung dieses Wortes, das heißt, sie bereitet Freude und fördert das positive Denken." Diese Definition macht z.B. endlose, ermüdende Diskussionen über Fragen wie, ob es sich jetzt um E- oder U-Musik handle, von vornherein überflüssig. Und wer wollte bestreiten, daß die Konzertmusik von Mozart bis Prokoffieff, das Musiktheater von Donizetti bis Bernstein, Unterhaltung eben in diesem besten Sinne sind. Und sollte Kitsch dann etwa das Gegenteil von Kunst sein? Dann werden sich bei dieser Definition wahre Abgründe für unsere Feuilletonisten auftun, ein Thema, das hier besser nicht weiter verfolgt werden sollte.
 Somit brauche ich mir also meine Freude an dieser neuen Stella-Produktion nicht verderben zu lassen. Ich kann mich weiter über den Gaston von Marc G. Dalio und Werner Bauer als seinen Adlatus Lefou amüsieren, auch kann ich das verhexte Schloßinventar mit seiner Show „o là là!" ohne Gewissensbisse bewundern, allen voran Victor Gernot als Lumière, der das gesamte Geschehen doch noch weit besser im Griff hat als der designierte Haushofmeister von Unruh Peter Faerber. Ich kann mich in die Rolle eines von der schönen Babette von Anne Mandrella verführerten Galans versetzen, und ich kann mit Horst Krüger als Vater Maurice den Verlust seines lieben Töchterchens beklagen, und mich doch bald danach über seine Rettung freuen. Ich kann auch getrost mit Christina Grimandi als Madame Pottine (mit dem englischen Originaltext im geistigen Ohr) über das herannahende Märchenglück der Schönen und des Biests, die sich als Traumpaar im Tanz gefunden haben, schon vor dem Finale träumen und schwärmen. Und schließlich kann ich ohne Reue die vielen, vielen großen Leistungen auch in kleinen Rollen des Ensembles bewundern, zu denen auch Wolf Steinbach gehört, der bis vor kurzem noch künstlerischer Leiter der Musical-Shows im Theater unter den Kuppeln in Stetten (bei Stuttgart) war.
 Jeder der Künstler trägt sein Können und seine Vielseitigkeit zum Gelingen des Musicals bei, so daß es wirklich ungerecht ist, einen Darsteller vor dem anderen zu nennen. Doch natürlich: was wäre dieses Märchen ohne die zentralen Figuren des Biests und der Belle. Uwe Kröger gefällt stimmlich viel besser, als in „Miss Saigon"; doch spielt er das Biest etwas zu lieb, als daß man Angst vor ihm bekommen könnte. Dies mag ein Zugeständnis an seine Fans sein, die „ihren Uwe" erst im Finale in voller Schönheit erblicken dürfen. Und die junge Leah Delos
Leah Delos SantosSantos, zart und zerbrechlich als die Schöne, tröstet über die Enttäuschung hinweg, daß man angeblich für diese Rolle keine geeignete junge deutsche Musicaldarstellerin gefunden habe. Sie spielt den „seltsamen" Bücherwurm von der ersten Dorfszene an, über das Vorlesen der Geschichte von König Artus bis zur Erlösung des Biests wirklich wie eine Märchenprizessin, und das mit einem durchaus akzeptablen Deutsch und einer süßen, mädchenhaften Stimme, die allerdings noch kleinere Probleme hat, wenn sie beim „Belten" in der mittleren Lage zu sehr forciert wird. Die professionelle Inszenierung, die bunten Sets, die preisgekrönten Kostüme, die schwungvolle Choreographie, und natürlich die fulminanten Lichteffekte, sowie der ausgezeichnete Ton, setzen Disneys Zeichentrickfilm gekonnt auf die Gegebenheiten der Bühne um, wobei erfreulicherweise viele der ursprünglichen Comic-Elemente erhalten bleiben. Manchmal dachte ich doch tatsächlich, ich säße im Kino. Und das will doch wirklich etwas heißen. Oder?

Arthur H. Maute
20.12.1997

Kritiken stellen grundsätzlich die Meinung des Autors, nicht die der MKV dar.

Foto: Stella AG
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