
Das im Song "Money, Money"
beschworene Geld haben die Hauptfiguren im Musical Cabaret
ja nun gerade nicht. Dieses musikalisch nicht besonders
inspirierte, monotone Lied gibt jedoch die Atmosphäre
der, trotz deutlicher Anlehnung an die Szenen des Films
mit Liza Minelli, schlicht biederen Inszenierung (Achim
Thorwald) in Wiesbaden ziemlich gut wieder.
Als Zuschauer fragt man sich, warum
gerade dieses Musical immer wieder gespielt wir. Rührt
das etwa daher, dass es doch relativ leicht ist, sich an
einen - dank Liza Minelli - weltweit erfolgreichen
Film anzuhängen, so dass das Publikum nur deshalb zu
dieser Show kommt, oder ist es die Reminiszenz an die Anfänge
und späteren Verbrechen des Dritten Reiches? Letztere
veranlaßten übrigens in der Wiesbadener Vorstellung am
28. März einige Zuschauer zu heftigem Applaus, als einem
deutschen Mitläufer von einem Amerikaner deutlich die
Meinung gesagt wird.
Die von einer sogenannten "Cabaret-Atmosphäre",
zu der ein wahrsten Sinne des Wortes blasser Conférencier
(Selcuk Özer) beitragen muss, getragene schlichte
und nicht gerade ungewöhnliche, sondern eher
klischeehafte Handlung kann trotz des deutlichen
politischen Akzents nicht wirklich interessieren. Im
ihrem Mittelpunkt stehen zwei Paare, die Möchtegern-Künstlerin
Sally Bowles (Anna Maria Kaufmann) und der Autor und Amerikaner Clifford Bradshaw
(Jochen Elbert) einerseits, und die
Zimmervermieterin Fräulein Schneider (Ursula Illert)
und der Jude Herr Schultz (Wolfgang Vater)
andererseits. Deren Charaktere sind nun wirklich gar zu
oberflächlich gezeichnet. Das muss man natürlich dem
Autor (Joe Masteroff) anlasten. Selbst außergewöhnliches
schauspielerisches Talent kann aus diesen Rollen, wenn
wir von den Gesangsszenen der Sally Bowles absehen, nicht
allzuviel herausholen.
Nun lässt die Handlung zwar bei vielen
Musicals zu wünschen übrig, in den meisten Fällen wird
jedoch ein solcher Mangel durch die Musik ausgeglichen.
Hier gibt es zwar einige Songs, so "Willkommen,
Bievenue, Welcome" und "Cabaret"
sowie die aus dem Film stammenden und für die Bühne
freigegebenen Titel "Mein Herr" und
"Maybe this time", die um die Welt
gegangen sind. Der Rest der Lieder (Musik von John
Kander, Gesangstexte von Fred Ebb) hinterläßt
kaum bleibende Eindrücke.
Die aus acht Musikern bestehende "Damenkapelle",
die unter der Leitung des selbst am Klavier sitzenden Christoph
Stiller spielte, vermochte weder vom Sound
noch vom Drive her zu befriedigen. Was aus dem
angehobenen Orchestergraben kam, klang einfach nicht. Lag
es vielleicht daran, dass die für ein Opernhaus ungewöhnliche
Tonanlage, deren Mischpult in der Mittelloge im ersten
Rang untergebracht war, nicht zufriedenstellend
ausgesteuert wurde? Jedenfalls wurden die singenden
Darsteller und insbesondere die ziemlich faden Kit-Kat-Clubgirls
(Choreographie Iris Limbarth) durch die
schwunglose Band wenig motiviert.
Der einzige Lichtblick der auf
Stadttheater-Niveau sich bewegenden Vorstellung, die am 3.
März Première hatte, war die Sally Bowles von Anna
Maria Kaufmann. Die vielseitige Künstlerin, die die
Traviata und Carmen singt, kann in dieser Rolle ihre
eminente Stimme ganz anders und doch effektvoll einsetzen.
Durch ihre Figur und eine über die Rampe zündende
Darstellung kamen vor allem die Showauftritte sehr gut
zur Geltung. Man hätte der Sängerin nur ein mitreißendere
Kapelle und sprühendere Tanzgirls gewünscht. Zu Recht
bekam die Kaufmann als Star des Abends den ihrer Leistung
zustehenden begeisterten Applaus.
Arthur H. Maute
27.4.2000
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