"Cabaret" im März 2000 in Wiesbaden

Kritik
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Anna Maria Kaufmann als Sally Bowles
"Cabaret" im Großen Haus der Hessischen Staatstheater

Anna Maria Kaufmann in Cabaret am Hessischen Staatstheater Wiesbaden
   Das im Song "Money, Money" beschworene Geld haben die Hauptfiguren im Musical Cabaret ja nun gerade nicht. Dieses musikalisch nicht besonders inspirierte, monotone Lied gibt jedoch die Atmosphäre der, trotz deutlicher Anlehnung an die Szenen des Films mit Liza Minelli, schlicht biederen Inszenierung (Achim Thorwald) in Wiesbaden ziemlich gut wieder.
   Als Zuschauer fragt man sich, warum gerade dieses Musical immer wieder gespielt wir. Rührt das etwa daher, dass es doch relativ leicht ist, sich an einen - dank Liza Minelli - weltweit erfolgreichen Film anzuhängen, so dass das Publikum nur deshalb zu dieser Show kommt, oder ist es die Reminiszenz an die Anfänge und späteren Verbrechen des Dritten Reiches? Letztere veranlaßten übrigens in der Wiesbadener Vorstellung am 28. März einige Zuschauer zu heftigem Applaus, als einem deutschen Mitläufer von einem Amerikaner deutlich die Meinung gesagt wird.
   Die von einer sogenannten "Cabaret-Atmosphäre", zu der ein wahrsten Sinne des Wortes blasser Conférencier (Selcuk Özer) beitragen muss, getragene schlichte und nicht gerade ungewöhnliche, sondern eher klischeehafte Handlung kann trotz des deutlichen politischen Akzents nicht wirklich interessieren. Im ihrem Mittelpunkt stehen zwei Paare, die Möchtegern-Künstlerin Sally Bowles (
Anna Maria Kaufmann) und der Autor und Amerikaner Clifford Bradshaw (Jochen Elbert) einerseits, und die Zimmervermieterin Fräulein Schneider (Ursula Illert) und der Jude Herr Schultz (Wolfgang Vater) andererseits. Deren Charaktere sind nun wirklich gar zu oberflächlich gezeichnet. Das muss man natürlich dem Autor (Joe Masteroff) anlasten. Selbst außergewöhnliches schauspielerisches Talent kann aus diesen Rollen, wenn wir von den Gesangsszenen der Sally Bowles absehen, nicht allzuviel herausholen.
   Nun lässt die Handlung zwar bei vielen Musicals zu wünschen übrig, in den meisten Fällen wird jedoch ein solcher Mangel durch die Musik ausgeglichen. Hier gibt es zwar einige Songs, so "Willkommen, Bievenue, Welcome" und "Cabaret" sowie die aus dem Film stammenden und für die Bühne freigegebenen Titel "Mein Herr" und "Maybe this time", die um die Welt gegangen sind. Der Rest der Lieder (Musik von John Kander, Gesangstexte von Fred Ebb) hinterläßt kaum bleibende Eindrücke.
   Die aus acht Musikern bestehende "Damenkapelle", die unter der Leitung des selbst am Klavier sitzenden Christoph Stiller spielte, vermochte weder vom Sound noch vom Drive her zu befriedigen. Was aus dem angehobenen Orchestergraben kam, klang einfach nicht. Lag es vielleicht daran, dass die für ein Opernhaus ungewöhnliche Tonanlage, deren Mischpult in der Mittelloge im ersten Rang untergebracht war, nicht zufriedenstellend ausgesteuert wurde? Jedenfalls wurden die singenden Darsteller und insbesondere die ziemlich faden Kit-Kat-Clubgirls (Choreographie Iris Limbarth) durch die schwunglose Band wenig motiviert.
   Der einzige Lichtblick der auf Stadttheater-Niveau sich bewegenden Vorstellung, die am 3. März Première hatte, war die Sally Bowles von Anna Maria Kaufmann. Die vielseitige Künstlerin, die die Traviata und Carmen singt, kann in dieser Rolle ihre eminente Stimme ganz anders und doch effektvoll einsetzen. Durch ihre Figur und eine über die Rampe zündende Darstellung kamen vor allem die Showauftritte sehr gut zur Geltung. Man hätte der Sängerin nur ein mitreißendere Kapelle und sprühendere Tanzgirls gewünscht. Zu Recht bekam die Kaufmann als Star des Abends den ihrer Leistung zustehenden begeisterten Applaus.

Arthur H. Maute
27.4.2000

Kritiken stellen grundsätzlich die Meinung des Autors, nicht die der MKV dar.

Fotos: Hessisches Staatstheater Wiesbaden

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