Marcel Kucera und Irina Kondratenko trafen sich zu einem Konzertabend
„Candlelight Classics“
in Bretten
Aktualisiert:
zurück

Opern und klassische Operetten sind „Krolocks“ wahres Metier
Marcel Kuceras „Cross Over“ Programm, durchzogen von pikanten solistischen Kabinettstückchen der Pianistin Irina Kondratenko, schwingt sich von „Caro Mio Ben“ zu „Time To Say Good Bye“

Pianistin Irina Konratenko begleitet Tenor Marcel Kucera bei seinem Cross Over-Programm im Brettener Bürgersaal. Kuceras umwerfende Stimme und Spiellaune zusammen mit Kondratenkos brillantem pianistischem Können machen den Abend zu einem Erlebnis.

Wie kommen diese beiden großartigen Künstler wohl in das Alte Rathaus der wenig bekannten, obwohl doch „großen Kreisstadt“ Bretten? So mag sich manch Insider fragen, wenn er den mit etwa sechzig Musikliebhabern nicht voll besetzten Bürgersaal betritt. Denn am Samstag waren dort, in der Nähe von Pforzheim, zwei Künstler zu Gast, für die man sonst ins ferne Prag oder Brünn reisen muss, um sie „live“ auf der Bühne zu erleben.
   Der Veranstaltungstermin ist leider nicht ganz glücklich gewählt, denn vom Weihnachtsmarkt, der zwar den mit Kerzen nur schwach erhellten Bürgersaal mit einem sanften Lichtschimmer verklärt, dringen in das Alte Rathaus doch immer wieder störend Tonfetzen in das anspruchsvolle Marathonprogramm.

Die beiden Künstler Marcel Kucera (Tenor) und Irina Kondratenko (Klavier) harmonieren musikalisch wunderbar. Dieses Foto beweist es auch optisch.

   Marcel Kucera, in Stuttgart und ganz Deutschland bei Musicalfans besonders bekannt geworden durch seine Rolle als „Graf von Krolock“ im „Tanz der Vampire“, beginnt den Abend ganz klassisch mit dem beliebten „Caro mio ben“ des Italieners Giuseppe Giordani. Mit “Ombra mai fu“ aus Georg Friedrich Händels „Xerxes“, César Francks „Panis angelicus“ und „Ave Maria“, der von Charles Gounod geschickt über Johann Sebastian Bachs Präludium Nr. 1 C-Dur gelegten Melodie, wird der Vorweihnachtszeit Genüge getan.
   Danach geht es in Kuceras eigentliches Metier, das Opernfach, in dem er sich, wie er sagt, auch wirklich am wohlsten fühlt. Mit
Giacomo Puccinis „Ch’ella mi creda“ aus “La Fanciulla del West” und „E lucevan le stelle“ aus „Tosca“ erreicht das Konzert seinen ersten Höhepunkt. Aus Giuseppe Verdis „Rigoletto“ folgt der Schlager „La donna é mobile“ und aus Francesco Cileas „L’Arlesiana“ die Arie „Il Lamento di Federico“. Kucera beweist mit seinem Programm, dass er neben seinem eigentlichen Fach des Heldentenors auch die stupende Technik und den metallischen Reiz der tenoralen Mittellage für das italienische Fach mitbringt. Die an diesem Abend fehlende Leichtigkeit der Spitzentöne, - das unerquickliche Dezemberwetter mag hierzu ein Gutteil beigetragen haben, - wird sich geben. Der Randova-Schüler ist auf dem Weg, eine große Karriere als Operntenor zu machen. Der Schwung und die Motivation, sich aus der fatalen Klammer des Musicals ganz zu lösen, ist offensichtlich vorhanden, und Kucera ist bestimmt nicht mehr zu stoppen.
   Aber ein Teil des Publikums wartet darauf und will es hören. So gibt es im letzen Teil des Programms doch wieder Musical. Der Weg zum Abschluß mit Popsongs wird geschickt über die opernnahe Operette gewählt, die den Künstler nach der Pause sofort in absolute Spiellaune versetzt. Gleich
Barinkays Lied „Ja, das alles auf Ehr'“ aus dem „Zigeunerbaron“ von Johann Strauß, das Kucera zum ersten Mal vor Publikum singt, beweist seine darstellerische Bühnenpräsenz. Danach folgt in tschechischer Sprache „Da geh’ ich ins Maxim“ aus Franz Lehárs „Die Lustige Witwe“, das im „100-Jahre-Heesters-Jahr“ natürlich jeder kennt, und zum Abschluss des Operettenblocks das brillant vorgetragene „Dein ist mein ganzes Herz“ aus „Das Land des Lächelns“, ebenfalls aus der Feder von Franz Lehár. Kucera, durch Aussehen, Attitüde, Spielfreude, Eleganz und Stimme eine Idealbesetzung für viele Rollen der klassischen Operette, wird ab 16. Februar unter der musikalischen Leitung von Caspar Richter und der Regie von Pavel Fieber am Mahen Theater Brünn die männliche Hauptrolle, den Danilo, in „Die Lustige Witwe“ spielen.
   
„Maria“ aus Leonard Bernsteins schon klassischem Musical „West Side Story“ und das berühmte Lied „The Impossible Dream aus Mitch Leighs „Man Of La Mancha“ leiten über zu zwei Nummern aus derzeit so beliebten Pop-Opern. Aus Frank Wildhorns „Jekyll & Hyde“, das zur Zeit noch in Köln gespielt wird, präsentiert Kucera Jekylls fatalen Entschluss zum Selbstexperiment mit „Dies ist die Stunde“. Und den „Krolock“, den er fast zwei Jahre in Stuttgart spielte, scheint der Künstler nicht, oder noch nicht, loswerden zu wollen. Allerdings hat er „Die unstillbare Gier“ aus „Tanz der Vampire“ inzwischen so verinnerlicht, dass ein unerklärliches Interpretationswunder geschieht. Man kann kaum glauben, dass der Song aus dem von Michael Kunze und Jim Steinman ziemlich simpel gestrickten Horrorstück stammt, das lange in Stuttgarts „South East End“ gespielt wurde und jetzt Hamburgs Bürger beglückt.
   Die brillante Konzertpianistin
Irina Konratenko hält sich als Begleiterin von Kucera bescheiden zurück und folgt zuverlässig den Intentionen des Sängers. Dann aber, wenn sie solistisch loslegt, bleibt einem fast das Herz stehen. Das gilt insbesondere für die beiden Konzertfantasien von Franz Liszt: Sowohl die Paraphrase auf Richard Wagners „O, du mein holder Abendstern“ aus „Tannhäuser“ als auch die „Rigoletto-Paraphrase“, der Giuseppe Verdis geniales Quartett „Holdes Mädchen, sieh mein Leiden“ zugrunde liegt, lassen aufhorchen und rufen Begeisterung beim Publikum hervor. Der delikate Anschlag der Pianistin, ihr männlich kräftiges Spiel und ihr Jeu perlé überzeugen. Schade, dass der Flügel dem Können der Kondratenko nicht ganz angemessen ist und im Diskant ungewöhnlich schrill klingt. Eine vorherige Stimmung hätte sich empfohlen.
   Peinlich, dass der Veranstalter am Ende des wunderbar professionellen Abends mit seinem „Fishing For Compliments“ die Zuschauer zu mehr Applaus anzufeuern versucht, sogar eine Aufforderung zum Trampeln wird gegeben, und das auch noch unter Hinweis auf die angeblich nicht allzu hohe Gage, die er den Künstlern zahlen kann. Mit dieser sicher gut gemeinten Aktion erreicht er beinahe das Gegenteil dessen, was er beabsichtigt. Ebenfalls peinlich: Das Fehlen der Künstlernamen auf dem ausliegenden Programmblättchen.
   Gott sei Dank stehen in Bretten erfahrene und arrivierte Könner auf der Bühne, die nicht wie Ladenhüter auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus angepriesen werden müssen. Die hervorragende Leistung von Marcel Kucera (Tenor) und Irina Kondratenko (Klavier) wird man so schnell nicht vergessen. Schade dass es „Time to Say Goodbye“ ist.


Kostenpflichtiger Download dieser Publikation über onpraArthur H. Maute
14. Dezember 2003

Fotos: Arthur H. Maute