
„Eine Skulptur, die den Einflüssen des Wetters ausgesetzt ist, erhält durch die chemischen oder korrosiven Einflüsse eine einzigartige, oft sehr attraktive Oberfläche.“ So ist es in der freien Enzyklopädie Wikipedia nachzulesen. Operetten sind solche Skulpturen, sie haben durch jahrzehntelange korrosive Einflüsse eine veredelnde Patina erworben, sind dann aber im Laufe der Jahre in die Ecke gestellt worden und verstaubt. Wem es gelingt, diese nachhaltige Verschmutzung der Werke vorsichtig zu entfernen, der kann in vielen Fällen eine wundervoll erhaltene Oberfläche wieder ans Licht bringen. Nur wer dann noch gewaltsam versucht, mit dem Staub auch die Patina zu beseitigen, kann das Kunstwerk so beschädigen, dass der Schaden irreparabel wird. Nicht vielen Restauratoren gelingt es heute, die Qualitäten der Operette ins rechte Licht zu rücken. Doch in Brünn ist es Regisseur Pavel Fieber zweifellos gelungen, Franz Lehárs immer noch berühmte Operette „Die Lustige Witwe“ ohne eine der gängigen Beschädigungen zu entstauben.

„Die Operette ist ein Stück des zeitgenössischen unterhaltenden Musiktheaters, das von den Musikern und Regisseuren der Gegenwart verachtet und zerstört wurde. Die alten Zentren der Operette Wien, Berlin und Paris sind tot. Wir haben uns vorgenommen, die sträflich vernachlässigte und diskreditierte Operette wieder zum Leben zu erwecken.“ sagt Caspar Richter, der musikalische Direktor der Vereinigten Bühnen Wien, der die Einstudierung der neuen Produktion von „Die Lustige Witwe“ am Stadttheater Brünn besorgt und auch die Premiere am 16. Februar dirigiert hat. Und Pavel Fieber meint, dass man die Operette einfach nur richtig ernst nehmen müsse, gerade in „Die Lustige Witwe“ trüge die die Musik ungeheuer viel zur Charakterisierung der Personen bei, so dass kaum eine Nummer gestrichen werden könne, ohne den organischen Fluss der Handlung zu zerstören.

Das hört sich gut an. Außerdem kann mit der Entscheidung für eine der weltweit erfolgreichsten Operetten bei diesem Konzept ja wohl kaum etwas schief gehen. Als nächste Produktion hat man in Brünn „Die Fledermaus“ ins Auge gefasst. Diese beiden Renner aus dem silbernen und goldenen Operettenzeitalter bergen kaum ein Risiko für das Theater, wenn sie, wie beschrieben, sorgfältig und vorsichtig entstaubt werden. Das Stadttheater unter der Leitung von Theaterchef Stanislav Moša hat vor kurzem das Operettenensemble des Brünner Nationaltheaters übernommen. Für Moša und seine Mitstreiter steht also eine nicht ganz leichte Aufgabe bevor, wenn der mit der „Lustigen Witwe“ eingeschlagene Weg allen Ernstes weiter gegangen werden soll. Schließlich hat sich das Theater bisher vor allem durch seine Schauspiel- und Musical-Inszenierungen einen Namen gemacht. Was passiert also, wenn die berühmten Werke abgespielt sind, wenn man Stücke aus dem weniger bekannten, aber wenigstens 100 Operetten umfassenden Werkvorrat der zweiten Garde auswählen muss? Man darf wirklich darauf gespannt sein. Interessant ist auf jeden Fall, dass schon in diesem Monat ein Schritt auf weniger ausgetretenen Pfaden geplant ist. In einem für den 28. März geplanten Galakonzert wird es Ausschnitte aus weniger bekannten Operetten und Balletten von Oskar Nedbal geben.

„Die Lustige Witwe“, die in der tschechischen Übersetzung durch die Dramaturgin des Stadttheaters, Monika Bártová, aufgeführt wird, spielt in Paris zur Zeit der Uraufführung der Operette (28. Dezember 1905), wo sich Danilo Danilowitsch, die männliche Hauptfigur, gewisser Frustrationen in der Vergangenheit wegen, gerne bei den Grisetten im Maxim vergnügt. Diese Frustrationen wurden nicht zuletzt durch seine frühere Beziehung zu Hana Glawari, der „lustigen Witwe“, ausgelöst. Wegen Standes-, sprich Vermögensunterschieden, konnten die beiden ursprünglich kein Paar werden. Hana Glawari, in der Zwischenzeit verheiratet und auch schon wieder verwitwet, hat jedoch von ihrem verstorbenen Gatten 20 Millionen geerbt. Baron Zeta, der Botschafter des winzigen Balkanstaates Pontevedro, der Heimat von Hana und Danilo, fürchtet, dass das Geld seinem Vaterland, auf welche Weise auch immer, entzogen werden könnte. Hier will er deshalb Danilo ins Spiel bringen, der um Hana werben soll. Dieser will das jedoch, trotz seiner großen Liebe zu Hana eben gerade wegen ihres Vermögens nicht, erklärt sich aber bereit, Heiratskandidaten für die Witwe zu suchen. Als Danilo jedoch erfährt, dass Hana nach einer Heirat ihre Millionen verliert, kann er seine Liebe offenbaren. So werden die beiden also doch noch ein Paar, obwohl sich als Schlussgag herausstellt, dass eben diese Millionen Hanas neuem Ehemann zufallen werden.

Um die Szenen mit Danilo und der lustigen Witwe rankt sich eine amüsante Nebenhandlung, die sich um Zetas Frau Valencienne dreht. Der junge Verehrer Rosillon bedrängt Valencienne und bringt diese durch seine ständige Werbung schließlich mit Hilfe ihres Fächers, auf dem er naiv, aber deutlich, „Ich liebe Dich“ vermerkt hat, ziemlich in Verlegenheit. Doch am Ende hat Valencienne hat Gelegenheit, rechtzeitig „Ich bin eine anständige Frau“ auf dem Corpus Delicti zu notieren. Baron Zeta, der schon entschlossen ist, die lustige Witwe selbst zu ehelichen, verzeiht Valencienne. Happy End.

Am 16. Februar war Premiere der Produktion im Brünner Mahen-Theater. Da das neue eigene „große Haus“ des Stadttheaters noch nicht fertig ist, wurde der schöne alte Theaterbau für die Vorstellungen angemietet. Pavel Fieber, von 1997 bis 2002 Generalintendant am Badischen Staatstheater Karlsruhe und jetzt Intendant der Burgfestspiele Mayen, der das Stück hier in Szene setzte, hatte es übrigens schon im Oktober 2002 im Großen Haus des Ulmer Theaters inszeniert (Premiere 24. Oktober 2002). Von dort wurde wohl auch das Bühnenbild von Susanne Thaler übernommen, die in Ulm nicht nur für die Bühne, sonern auch für die Kostüme verantwortlich zeichnete. Fiebers Auffassung, Rollen und Handlung ernst zu nehmen, schuf eine Inszenierung, die ohne Mätzchen glaubhaft agierende Personen auf die Bühne stellt, die über die Rampe kommen, und nicht, wie heute oft üblich, nur singende Karrikaturen in der Mode von heute auf den Trümmern einer beliebten Operette von gestern sind. Zu Hilfe kommen hier auch die - abgesehen von den unglücklich gekleideten Grisetten - gelungenen Kostüme von Andrea Kučerová, die helfen, den wieder auferstehenden Zauber der Operette ins Publikum zu transportieren.

Die Szene wird beherrscht von einem gigantischen Reifrock, der nach oben in ein knappes Mieder übergeht. Das riesige Kleidungsstück, im ersten Akt noch als grotesker Baldachin über der Szene schwebend, erfüllt in den anderen beiden Akten vom Schnürboden herabgelassen, offen oder geschlossen, eine Reihe von Aufgaben, die allerdings mehr dekorativer Natur sind. Im zweiten Akt wundert man sich beispielsweise, dass der jetzt wie ein Zelt dastehende kolossale Rock nicht gleichzeitig als Pavillon für das Buffopaar eingesetzt wird; vielmehr marschieren Rosillon und Valencienne schnurstracks hindurch und verschwinden aus unerklärlichen Gründen im Bühnenhintergrund. Die Seiten der Bühne sind mit angedeuteten Malereien ausgestattet, deren Stilrichtung vielleicht am ehesten einer kuriosen Mischung aus Expressionismus, Belle Époque oder Dadaismus zugeordnet werden könnte, und die einen seltsamen, fast surrealistischen Kontrast zum Reifrock bilden.

Jana Botošová singt die weibliche Hauptrolle. Sie ist als Hana Glawari eine eindrucksvolle Erscheinung und entspricht dem Bild, das man sich von einer „seriösen“ lustigen Witwe macht. Sie singt mit einer schönen Stimme, die nur in der Höhe gelegentlich etwas angestrengt wirkt. Sehr eindruckvoll bringt sie das berühmte Vilja-Lied, das sie einfach und ohne übertriebene Emotionen vorträgt. Marcel Kucera ist eine passende Besetzung für den Danilo Danilowitsch. Seine Statur präsentiert den Eindruck eines gestandenen Mannes, so dass er dem Hallodri-Klischee dieser Rolle entkommt. So bleibt die Beziehung zu „seiner Hana“ glaubhaft und ohne zu viel Sentiment. Kuceras Bühnenpräsenz ist ausgezeichnet und die weitgehend baritonale Stimmlage der Rolle kommt ihm entgegen. So schafft der eigentlich sonst eher für Wagner prädestinierte Heldentenor eine erstaunlich leicht und schwebend wirkende, sympathische Operettenfigur. Magda Vitková als Valencienne steht Jana Botošová in nichts nach, ihre Stimme ist weit mehr als die einer Soubrette. Und Pavel Černoch als Rosillon ist nicht der typische Buffo, der den wilden, zudringlichen Verehrer spielt, sondern wirkt eher wie ein verliebter, schüchterner Konfirmand. Beide Figuren sind vom Regisseur tatsächlich mehr als ernst genommen. Das gleiche gilt für das Faktotum Njegus, blendend gespielt von Milan Horský, der bei jedem Auftritt die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich lenkt, Mitleid erregt und verständlich macht, dass er die vielfältigen an ihn gestellten Anforderungen nur mit seinem viel zu häufigen Champagner-Service und den reichlich getrunkenen Gläschen übersteht. Unter der Leitung von Caspar Richter spielt das Orchester des Stadttheaters die unsterblichen Melodien mitreißend und klangschön. Ganz besonders gut gelingt es Richter, die akustische Balance zwischen den Sängern auf der Bühne und den rauschenden Tönen aus dem Orchestergraben zu halten.

Zusammenfassend kann nur konstatiert werden, dass der erste Schritt des Stadttheaters Brünn vom Schauspiel und Musical in das Reich der Operette auf weitere interessante Produktionen aus diesem Genre hoffen lässt. Für das Bestehen weiterer Abenteuer in diesem Zauberland halten wir Stanislav Moša die Daumen.
Arthur H. Maute
8. März 2004