Am 29. September 2005 kehrte das Opernmusical von Andrew Lloyd Webber nach Deutschland zurück, nachdem es zuvor schon in Hamburg (1990) und Stuttgart (2002) gezeigt worden war. |
„Das Phantom der Oper“
in Essen Zuletzt geändert: zurück |
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Das Gespenst in der Mechanischen Werkstatt
Das „gefeierte Original“ schleicht durch das Essener Colosseum |
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Die unheimliche Spukgestalt, die Theatervorstellungen stört und mit Lüstern wirft, machte sich zuletzt in Stuttgart bemerkbar, als sie im Apollo Theater in „Elisabeth“ für technische Schwierigkeiten sorgte, ausgerechnet in einer Vorstellung, in der Bro’Sis-Star Ross Antony sein Debüt als Rudolf gab. Damals wurde die Show für ungefähr eine Dreiviertelstunde unterbrochen. Inzwischen ist der diabolische Saboteur im Essener Colosseum anzutreffen. Gar die Galapremiere des Musicals „Das Phantom der Oper“, das seine eigene Geschichte erzählt, wagte er am 29. September zu stören. Zwar dauerte es diesmal nur wenige Minuten, aber dafür gab es die unerwünschte Pause während einer der wirkungsvollsten Szenen, dem Abstieg zum unterirdischen See im Opernhauslabyrinth.
Das Leben des unglücklichen Menschen, das Gaston Leroux 1911 in seinem ursprünglich nur mäßig erfolgreichen Schauerroman „Le Fantóme de l’Opéra“ erzählt hatte, wurde in zahlreichen Filmen und im Musical auf sehr unterschiedliche Weise dargestellt. Die bekannteste und erfolgreichste Musiktheaterversion des Sujets ist die vom englischen Komponisten Andrew Lloyd Webber. Diese wird von der Stage Entertainment, die vor kurzem noch als Stage Holding firmierte, als „das gefeierte Original“ beworben. Es sei dahin gestellt, was „originaler“ oder origineller ist, Ken Hills Compilation-Musical, das 1976 aus Opern- und Operettenarien zusammengestellt worden war, Maury Yestons sich am klassischen Broadway-Musical orientierende Variante, die 1991 im Theatre Under The Stars in Houston, Texas uraufgeführt wurde, oder Webbers Pop-Opernversion, die 1986 im Westend herauskam. Yeston hatte übrigens seine Arbeit 1985 zunächst in der Schublade verschwinden lassen, nachdem er erfahren hatte, dass Sir Andrew, seit 1997 Baron Lloyd-Webber of Sydmonton, Chef der Really Useful Group, sich des wirklich nutzbringenden, profitablen Stoffes angenommen hatte. |
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Webber hat ambitioniert eine opernnahe Vertonung der Texte von Charles Hart und Richard Stilgoe (deutsche Adaption von Michael Kunze) mit gelungenen Soli und Ensembles verfasst, die nicht nur Elemente des französischen Musiktheaters, sondern auch eine durchaus ernst zu nehmende Parodie auf die zeitgenössische Oper enthält. Insofern ist das Phantom, das im Stück für diese Komposition verantwortlich zeichnet, seiner Zeit weit voraus. Doch während diese fremden Elemente das typische Musicalpublikum eher verschrecken, sind Songs wie „Denk an mich“, „Mehr will ich nicht von dir“, „Könntest Du doch wieder bei mir sein“ oder „Musik der Nacht“ zu Hits geworden, die von Sängern aller Sparten immer wieder gerne zum Besten gegeben werden.
Die Handlung, die mit zahlreichen Verwandlungen in prächtigen Bildern über die Bühne geht, beginnt in der Pariser Oper im Jahr 1905 mit einer Versteigerung von Überbleibseln der Ereignisse um das unheimliche Treiben eines Phantoms im vorhergehenden Jahrhundert. Neben einer Spieluhr, die an das traurige Ende des armen Gespenstes erinnert, gibt es einen riesigen Lüster, der teilweise repariert und mit elektrischem Licht versehen wurde. Und schon wird der Zuschauer mit Illuminationseffekten und donnernden Orgelklängen ins Jahr 1861 versetzt, während der Kronleuchter von der Bühnenrampe hinauf zum Dach des Hauses gehievt wird. Die Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Kruppsche „VIII. Mechanischen Werkstatt“, in die das Colosseum regelrecht „hinein“ gebaut wurde, ist so aus mehreren Gründen die passende Umgebung für die Bewegung der „schweren“ Last. Der Lüster eröffnet den ersten Akt und beschließt ihn auch wieder. Denn das Phantom sorgt dafür, dass das Gerät zurück auf die Bühne „stürzt“. Die Szene ist zwar aufwendig, aber weit weniger spektakulär, als man erwarten würde, denn der Leuchter fährt auch in Essen, von Seilen sicher getragen, nicht etwa ins Publikum, sondern ziemlich gebremst und gezielt auf die Position zurück, die er schon bei der Auktion im Prolog eingenommen hatte. Wenigstens etwas mehr könnte es dabei doch scheppern. |
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Bis die Drohung des enttäuschten Bewohners der Katakomben „Nun bist Du dem Untergang geweiht“, die zu dem Terrorakt führt, wirklich wahr wird, gibt es zunächst Unruhe während einer Probe der Oper „Hannibal“. Dabei werden gleich die neuen Operndirektoren und ein Mäzen namens Raoul Vicomte de Chagny eingeführt. Die verständlichen Probleme mit der Diva Carlotta helfen dem Ballettmädchen Christine Daaé zu ihrem denkwürdigen ersten Auftritt mit „Denk an mich“, auch hier in einer Galavorstellung. Christines Förderer, der „Angel of Music“ in der deutschen Version etwas sinnentstellt mit „Engel der Muse“ übersetzt, was, zugegeben, besser zur musikalischen Phrase passt, als „Engel der Musik“ -, war bis dahin hinter den Kulissen des Hauses unsichtbar geblieben. Jetzt tritt er aus dem Spiegel und gibt sich zu erkennen. Sogleich bringt er seinen Schützling in die Kellergewölbe der Oper und schippert ihn über einen unterirdischen See, den es tatsächlich gegeben haben soll. Kerzen tauchen aus dem Wasser und weisen den Weg zum mit riesigen Kandelabern und einer unheimlich klingenden Orgel ausgestatteten, gar nicht so üblen Heim des Phantoms. Das alles wird begleitet von dem Duett „Das Phantom der Oper“, in dem der Meister seine Schülerin zum Singen motiviert und schließlich zum hohen e treibt, bevor er von der „Musik der Nacht“ schwärmt, auf die Christine hören, die sie fühlen und die zu machen sie ihm helfen soll. Stattdessen reißt sie ihm die Maske vom Gesicht, wird dann aber von dem Entstellten doch gnädig entlassen. Jetzt aber bombardiert dieses Phantom die Direktion und andere Mitwirkende mit Briefen, in denen es Forderungen stellt und Drohungen ausspricht und straft die Primadonna Carlotta dafür, dass sie Christine nicht singen lässt. In der Oper „Il Muto“ von Chalumeau kann sie nur noch krächzen. Zuletzt aber belauscht der unermüdliche, aber in Christine verliebte Unruhestifter noch seine Gesangschülerin mit Raoul auf dem Dach des Opernhauses, und beobachtet, wie sie sich ihre Liebe erklären. Das schlägt dann doch dem Fass den Boden aus und den Lüster auf den Bühnenboden.
Im zweiten Akt ist alles offensichtlich wieder repariert. Ein Maskenball wird gefeiert, in der Hoffnung, dass das Ungeheuer jetzt endlich aufgegeben hat und verschwunden ist. Doch gerade auf diesem Fest erscheint das Phantom wieder und verlangt, dass seine inzwischen fertig gestellte Oper „Don Juan, der Sieger“ zur Uraufführung gebracht wird. Druck macht der dämonische Komponist durch eine weitere Serienbriefaktion und zwingt so das Ensemble zu schwierigen, für das Publikum sehr komischen Proben, die Voraussetzung für die Realisierung seines Opus sind. Jetzt aber entsteht bei den Beteiligten die Idee, dass sich der Urheber aller Schwierigkeiten und Plagen bei der Uraufführung seines schauerlichen Werkes vielleicht fangen lasse. Denn die Premiere wird er sich bestimmt nicht entgehen lassen. Also kommt es schließlich gegen den Widerstand Christines zur Aufführung. Das Opernhaus ist umstellt und mit Pistolen bewaffnete Ordnungshüter schwirren durchs ganze Haus, vom Orchestergraben bis zu den Logen. Nur mit einem hat man nicht gerechnet, dass das Phantom den Tenor Piangi während der Vorstellung ermordet und selbst die tragende Rolle an sich reißt. Christine merkt natürlich was, und reißt dem Verhüllten die Maske vollständig vom Gesicht. Sie wird wieder in die Katakomben verschleppt, aber die Verfolger sind dem Entführer auf den Fersen. Raoul, der beide bald auffindet, schwebt zunächst ein Weilchen in Lebensgefahr, wird dann aber zusammen mit der gefangenen Geliebten unerwartet und endgültig in die Freiheit entlassen. Das Phantom sorgt noch für eine letzte Überraschung, denn es verschwindet mit einem märchenhaften Zaubertrick. Nur seine Maske bleibt zurück. Zu dieser Schauergeschichte hat Andrew Lloyd Webber einen Strauß aus eingängigen und unvergesslichen Melodien gebunden, die teilweise, man denke nur an das Motiv von Christines Mitgefühl mit dem Phantom („In seinem Blick lag das Leid der ganzen Welt“), dem Operngenie Giacomo Puccini ziemlich nahe kommen. Gerade hier aber beginnt auch das Problem, denn die Songs verlangen klassisch geschulte und perfekte Stimmen. So manch ein Musicalensemble hat da seine Schwierigkeiten. In Essen überrascht Anne Görner als Christine und singt mit einem schönen klaren Sopran, der auch beim „dreigestrichenen e“ im Titelsong nicht versagt. In dieser Rolle darf sie jung sein und ist es auch. Nikolaj Alexander Brucker als gut aussehender Raoul bleibt in seiner Rolle dagegen ein wenig blass. Dafür trifft Laurie Ann McGowan als Primadonna die Launen und Empfindungen des in seinem Stolz getroffenen arroganten Stars genau. In ihrem Mienenspiel kann man lesen. Darüber hinaus scheut sie sich nicht, ihre Spitzentöne mit schriller Stimme zu bringen, die das Ende ihrer Sängerkarriere schon vorwegzunehmen scheinen. Der 1966 in Essen geborene Thomas Borchert als Phantom kommt darstellerisch am besten in aggressiven Passagen und in der Schlussszene herüber, und immer dann, wenn er sein Stimmvolumen voll ausspielen kann. Leider wirkt seine Verzweiflung auf dem Dach des Opernhauses unfreiwillig komisch. An diesem Auftritt müsste noch gefeilt werden, denn tatsächlich ist die Erkenntnis des Phantoms, dass sich die geliebte Schülerin von ihrem Lehrer abwendet, Bestandteil einer wichtigen Schlüsselszene. Ansonsten würde man sich einfach wünschen, dass Borchert genauer intoniert. Auf den Vergleich mit den anderen drei Phantomen darf man auf jeden Fall gespannt sein. Neben dem alternierenden Ian Jon Bourg soll als nächstes im Januar Ethan Freeman, noch vor Uwe Kröger, an der Reihe sein. Der besondere Zauber dieses Opernmusicals bleibt glücklicherweise auch in der Essener Wiederaufnahme erhalten. Dies ist vor allem dem Associate Director Arthur Massala zu verdanken, dem es zusammen mit dem Assistant Director Rainer Fried gelingt, der inzwischen fast 20 Jahre alten Inszenierung von Harold Prince wieder neues Leben einzuhauchen. Arthur H. Maute 1. Oktober 2005 |