31 Darsteller küssten
Kalmans Fantasie-Musical auf einer Amateurbühne wach
Uraufführung
von Der Kuss der Dryade

Mut muss man dem Stettener Theater unter den Kuppeln schon
zubilligen. Am letzten Samstag hatte ein Musical
Premiere, dessen Titel man erst mal im Lexikon
nachschlagen muss, erdacht von einem Komponisten, der
zwar einen berühmten Namen trägt, der hier zu Lande
allerdings nicht sehr geläufig ist. Ein
Fantasy-Musical für die ganze Familie nennen es
die Produzenten. Es handelt sich um eine veritable
Uraufführung, die im Überschwang der Begeisterung
doppelt-gemoppelt gleich als
Welt-Uraufführung präsentiert wurde. Charles
Kalman, nein, nicht Emmerich, hat die
gefällige Musik zu einem reichlich naiven Libretto der
Amerikanerin June Barbour (Übersetzung: Hartmut
H. Forche) verfaßt.
Auf der seit fast 40 Jahren bestehenden
Freilichtbühne, dem früheren Naturtheater Stetten in Leinfelden-Echterdingen
bei Stuttgart, werden vorwiegend Musicals
und musikalische Shows geboten. Dabei sind jedoch, anders
als bei üblichen Open-Air-Darbietungen, nur die
Darsteller wirklich im Freien. Maximal 560 Zuschauer
dürfen es sich unter einer der drei Kuppeln, nach denen
sich der Theaterverein inzwischen auch benennt, gut
geschützt vor Regen und Wind, bequem machen. Das
Musiktheater startete 1981 mit der Operette Im
weißen Rössl, nachdem vorher Schauspielklassiker
und Märchen, später auch Mundartstücke, über die
Bühne gegangen waren. Von da an gab es fast jedes Jahr
ein neues Musical, so z.B. My Fair Lady,
Die Dreigroschenoper, Annie Get Your
Gun, Der Mann von La Mancha,
Oliver oder Der kleine
Horroladen. Hinzu kamen in letzter Zeit noch flotte
Shows mit Ausschnitten aus bekannten Musicals. 20 000
Fans besuchen im Schnitt pro Jahr das Theater.
Der Theaterverein profitiert vor allem
von der angeschlossenen Tanzschule, die seit über 33
Jahren ein breites Angebot für Tanzwillige offeriert.
Diese wiederum kann ihren Schülern dann im Rahmen der
Stettener Musicals und Shows
interessante Auftrittsmöglichkeiten bieten. Die Schule
umfasst alles vom klassischen Ballett über Step zu
Modern und Jazz Dance, und hat inzwischen mehr als
dreihundert Schüler, die von zehn Lehrkräften
unterrichtet werden. Daneben gibt es für Interessierte
und Begabte eine Gesangsausbildung, die auf klassischem
Ansatz basiert und mit den Schülern Songs aus
verschiedenen Musicals bis zur Aufführungsreife
erarbeitet. Schließlich wird auch Schauspielunterricht
einzeln und in kleinen Gruppen erteilt, der die
Darsteller systematisch auf ihren Auftritt vorbereitet.
Eine Dryade ist in der griechischen
Mythologie eine Waldnymphe, laut Programmheft eine
Baumnymphe, was logisch klingt, da sie ja auch -
wenigstens in diesem Musical - in einem Baum lebt, bis
ein Mensch sie für einen kurzen Sommer daraus befreit.
Wer das vor der Vorstellung nachgeschlagen hat, erwartet
wohl so etwas wie ein griechisches Schäferspiel. Das
Kreativ-Team des Theaters hatte allerdings die
pastorale Handlung, mindestens was Austattung
und Kostüme angeht, entschlossen in eine nicht klar
definierte und nicht allzu ferne Vergangenheit verlegt. Der
70-jährige Flötenspieler mit dem amerikanischen Namen Old
Pipes, um dessen Schicksal es in diesem Stück geht,
sieht daher einem Alm-Öhi nicht unähnlich, so dass man
während der ersten Szenen jede Minute erwartet, dass das
Heidi von Johanna Spyri hinter seiner Hütte hervorlugt.
Tatsächlich tritt auch gleich eine Kindergruppe auf, die
den Zuschauern verrät, dass Old Pipes für ein
kräftiges Flötenspiel, mit dem er seit Jahren das Vieh
allabendlich ins Dorf getrieben hat, längst zu schwach
geworden ist. Seine Melodien sind nicht mehr zu hören.
Deshalb sind es die Kinder, die das Vieh heimlich ins
Dorf bringen. Als Old Pipes die Wahrheit erfährt, will
er dem Bürgermeister seinen Lohn zurückgeben. Hier
kommt die Baumnymphe, genannt Chenette, ins
Spiel. Zum Dank dafür, dass Old Pipes sie aus ihrem Baum
befreit, küßt sie ihn gleich zweimal, und damit zwanzig
Jahre jünger. Nun kann die Flöte wieder laut erklingen
und weckt einen schon in Pension gegangenen Echozwerg,
der jetzt wieder Echo machen muss. Der Zwerg
ist darob sehr verärgert und wiegelt die Dorfbewohner
gegen Chenette auf. Old Pipes und Chenette gelingt es
jedoch schnell, das wütende Volk wieder zu beruhigen.
Der Sommer ist um und die Nymphe muss wieder in ihre
Eiche zurück. Klar, dass der inzwischen mehrfach
verjüngte Flötist darüber nicht besonders glücklich
ist. Trotzdem gibt es ein Happy End, denn während eines
plötzlich aufziehenden Gewitters schlägt ein Blitz in
Chenettes Eiche. Entgegen der Erwartungen aller ist
Chenette allerdings nicht tot, sondern wird, aus nicht
ganz klar ersichtlichen Gründen, zu einer Sterblichen,
und Young Pipes kann sie in seine Arme
schließen.
Wenn Charles Kalman auch nicht Emmerich
ist, so ist er doch der Sohn von Emmerich Kalman, dem
bekannten Operetten-Komponisten ungarischer Herkunft, dem
Verfasser so erfolgreicher Bühnenwerke wie Die
Czárdásfürstin und Gräfin
Mariza. Dieser war 1938 mit seiner Familie
über Paris nach USA emigriert und starb 1953.
Charles Name als Komponist findet meistens keine
besondere Erwähnung, nicht einmal in Zusammenhang mit
Berichten über die verunglückte Produktion Der
Blaue Engel im Berliner Theater des
Westens 1992, zu der er Musik schrieb, und bei der Peter
Zadek und Jérôme Savary Regie führten.
Neben einigen weiteren Musicals hat Kalman konzertante
Musik, Filmmusik und Lieder geschrieben. Viele der Songs
in Der Kuss der Dryade könnten vom
Papa sein, alle sind frappierend kurz, wobei nicht klar
ist, ob sie für diese Produktion eventuell gekürzt
wurden. Da der Orchestergraben des Theaters für die vom
Komponisten geforderte Anzahl von Musikern zu klein ist,
wurden Kalmans Melodien (Musikalische Leitung: Sylvio
Zondler) aufgezeichnet und die Darsteller müssen zu
einem instrumentalen Playback singen. Das erfordert hohe
Konzentration, insbesondere beim Einsatz, da der Dirgent
fehlt: ohne Takte zählen geht das nicht.
Die Laiendarsteller sind den an sie
gestellten Anforderungen außerordentlich gut gewachsen.
An erster Stelle ist Maic Krummel als Old
Pipes zu nennen, der sowohl darstellerisch als auch
gesanglich befriedigte. Auch Markus Schneider als
Old Pipes persönlicher Echozwerg überzeugte.
Der hübschen Sonja Schaal als Chenette merkte
man noch die geforderte hohe Konzentration an, so dass
sie in Ihrem weißen Nymphenkostüm nicht so locker
flockig über die Bühne schwebte, wie man dies von einem
Feenwesen eigentlich erwartet. Wann immer Anneliese
Henzler als 91-jährige Mutter von Old Pipes auftrat,
im Lauf des Stücks ebenfalls durch Nymhenküsse
verjüngt, beherrschte sie die Bühne. Regisseur Alexander
Reuter hatte dafür gesorgt, dass das gesamte
Ensemble harmonierte und dem Stück auch einigen Humor
abgewann. Die giftgrün-gelben Kostüme der Echozwerge
waren originell und ermöglichten diesen, den etwas
langatmigen Ablauf des Stücks immer wieder aufzumischen.
Die begabte Choreografin Karin Ould-Chih hatte
nicht allzu viele Möglichkeiten, ihr Können zu zeigen.
Das wird sie dann in der Musical-Show 2002 unter
dem Titel Eine Reise des Herrn L.,
die am kommenden Freitag, 14. Juni, im Stettener
Theater Premiere hat, mit ihren Jazz- und Steptanzgruppen
nachholen können. Übrigens sind alle tragenden Rollen
des Musicals doppelt besetzt. Auf diese Weise kommt jeder
der begabten Amateure auch seine Chance in einer der
insgesamt 12 Vorstellungen.

Die Vereinsvorsitzende Renate Hörz,
die nach dem Happy End dem gutgelaunten Publikum eloquent
alle Mitwirkenden vorstellte, bat auch den bejahrten
Charly Kalman auf die Bühne. Dieser bedankte
sich allerdings nicht bei den an der Produktion
Beteiligten, die für die Realisierung seines Opus neun
Monate harter Arbeit investiert hatten. Er sei froh, dass
das Wetter entgegen allen Befürchtungen trocken
geblieben sei, meinte er lakonisch.
12.6.2002
Arthur H. Maute
Info:
Weitere Vorstellungen gibt es im Theater unter den
Kuppeln am
15.6., 22.6, 6.7., 13.7., 20.7., 27.7., 3.8., 9.8.,
10.8., 6.9. und 13.9. jeweils um 20:30 Uhr. Karten gibt
es Di. 14.30-18.00 und Fr. 15.30-18.00 unter Tel.
0711-795111.
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Fotos:
Jörg Witzsch
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