"Kuß der Dryade" - LogoUraufführung von Kalmans "Der Kuss der Dryade" am 8. Juni 2002

Premierenkritik
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31 Darsteller küssten Kalmans Fantasie-Musical auf einer Amateurbühne wach
Uraufführung von „Der Kuss der Dryade“

Ensemble vor dem gelungenen Bühnenbild

Mut muss man dem Stettener Theater unter den Kuppeln schon zubilligen. Am letzten Samstag hatte ein Musical Premiere, dessen Titel man erst mal im Lexikon nachschlagen muss, erdacht von einem Komponisten, der zwar einen berühmten Namen trägt, der hier zu Lande allerdings nicht sehr geläufig ist. „Ein Fantasy-Musical für die ganze Familie“ nennen es die Produzenten. Es handelt sich um eine veritable Uraufführung, die im Überschwang der Begeisterung doppelt-gemoppelt gleich als „Welt-Uraufführung“ präsentiert wurde. Charles Kalman, nein, nicht Emmerich, hat die gefällige Musik zu einem reichlich naiven Libretto der Amerikanerin June Barbour (Übersetzung: Hartmut H. Forche) verfaßt.
   Auf der seit fast 40 Jahren bestehenden Freilichtbühne, dem früheren Old PIpes mit seiner Mutter
Naturtheater Stetten in Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart, werden vorwiegend Musicals und musikalische Shows geboten. Dabei sind jedoch, anders als bei üblichen Open-Air-Darbietungen, nur die Darsteller wirklich im Freien. Maximal 560 Zuschauer dürfen es sich unter einer der drei Kuppeln, nach denen sich der Theaterverein inzwischen auch benennt, gut geschützt vor Regen und Wind, bequem machen. Das Musiktheater startete 1981 mit der Operette „Im weißen Rössl“, nachdem vorher Schauspielklassiker und Märchen, später auch Mundartstücke, über die Bühne gegangen waren. Von da an gab es fast jedes Jahr ein neues Musical, so z.B. „My Fair Lady“, „Die Dreigroschenoper”, „Annie Get Your Gun”, „Der Mann von La Mancha”, „Oliver” oder „Der kleine Horroladen“. Hinzu kamen in letzter Zeit noch flotte Shows mit Ausschnitten aus bekannten Musicals. 20 000 Fans besuchen im Schnitt pro Jahr das Theater.
   Der Theaterverein profitiert vor allem von der angeschlossenen Tanzschule, die seit über 33 Jahren ein breites Angebot für Tanzwillige offeriert. Diese wiederum kann ihren Schülern dann im Rahmen der Stettener Young Old Pipes mit seiner Dryade
Musicals und Shows interessante Auftrittsmöglichkeiten bieten. Die Schule umfasst alles vom klassischen Ballett über Step zu Modern und Jazz Dance, und hat inzwischen mehr als dreihundert Schüler, die von zehn Lehrkräften unterrichtet werden. Daneben gibt es für Interessierte und Begabte eine Gesangsausbildung, die auf klassischem Ansatz basiert und mit den Schülern Songs aus verschiedenen Musicals bis zur Aufführungsreife erarbeitet. Schließlich wird auch Schauspielunterricht einzeln und in kleinen Gruppen erteilt, der die Darsteller systematisch auf ihren Auftritt vorbereitet.
   Eine Dryade ist in der griechischen Mythologie eine Waldnymphe, laut Programmheft eine Baumnymphe, was logisch klingt, da sie ja auch - wenigstens in diesem Musical - in einem Baum lebt, bis ein Mensch sie für einen kurzen Sommer daraus befreit. Wer das vor der Vorstellung nachgeschlagen hat, erwartet wohl so etwas wie ein griechisches Schäferspiel. Das Kreativ-Team des Theaters hatte allerdings die „pastorale“ Handlung, mindestens was Austattung und Kostüme angeht, entschlossen in eine nicht klar definierte und nicht allzu ferne Der Echozwerg und die Dryde
Vergangenheit verlegt. Der 70-jährige Flötenspieler mit dem amerikanischen Namen Old Pipes, um dessen Schicksal es in diesem Stück geht, sieht daher einem Alm-Öhi nicht unähnlich, so dass man während der ersten Szenen jede Minute erwartet, dass das Heidi von Johanna Spyri hinter seiner Hütte hervorlugt. Tatsächlich tritt auch gleich eine Kindergruppe auf, die den Zuschauern verrät, dass Old Pipes für ein kräftiges Flötenspiel, mit dem er seit Jahren das Vieh allabendlich ins Dorf getrieben hat, längst zu schwach geworden ist. Seine Melodien sind nicht mehr zu hören. Deshalb sind es die Kinder, die das Vieh heimlich ins Dorf bringen. Als Old Pipes die Wahrheit erfährt, will er dem Bürgermeister seinen Lohn zurückgeben. Hier kommt die Baumnymphe, genannt Chenette, ins Spiel. Zum Dank dafür, dass Old Pipes sie aus ihrem Baum befreit, küßt sie ihn gleich zweimal, und damit zwanzig Jahre jünger. Nun kann die Flöte wieder laut erklingen und weckt einen schon in Pension gegangenen Echozwerg, der jetzt wieder „Echo machen“ muss. Der Zwerg ist darob sehr verärgert und wiegelt die Dorfbewohner gegen Chenette auf. Old Pipes und Chenette gelingt es jedoch schnell, das wütende Volk wieder zu beruhigen. Der Sommer ist um und die Nymphe muss wieder in ihre Eiche zurück. Klar, dass der inzwischen mehrfach verjüngte Flötist darüber nicht besonders glücklich ist. Trotzdem gibt es ein Happy End, denn während eines plötzlich aufziehenden Gewitters schlägt ein Blitz in Chenettes Eiche. Entgegen der Erwartungen aller ist Chenette allerdings nicht tot, sondern wird, aus nicht ganz klar ersichtlichen Gründen, zu einer Sterblichen, und „Young Pipes“ kann sie in seine Arme schließen.
   Wenn Charles Kalman auch nicht Emmerich ist, so ist er doch der Sohn "Young Pipes" und Chenette sind vereint
von Emmerich Kalman, dem bekannten Operetten-Komponisten ungarischer Herkunft, dem Verfasser so erfolgreicher Bühnenwerke wie „Die Czárdásfürstin“ und „Gräfin Mariza“. Dieser war 1938 mit seiner Familie über Paris nach USA emigriert und starb 1953. Charles’ Name als Komponist findet meistens keine besondere Erwähnung, nicht einmal in Zusammenhang mit Berichten über die verunglückte Produktion „Der Blaue Engel“ im Berliner Theater des Westens 1992, zu der er Musik schrieb, und bei der Peter Zadek und Jérôme Savary Regie führten. Neben einigen weiteren Musicals hat Kalman konzertante Musik, Filmmusik und Lieder geschrieben. Viele der Songs in „Der Kuss der Dryade“ könnten vom Papa sein, alle sind frappierend kurz, wobei nicht klar ist, ob sie für diese Produktion eventuell gekürzt wurden. Da der Orchestergraben des Theaters für die vom Komponisten geforderte Anzahl von Musikern zu klein ist, wurden Kalmans Melodien (Musikalische Leitung: Sylvio Zondler) aufgezeichnet und die Darsteller müssen zu einem instrumentalen Playback singen. Das erfordert hohe Konzentration, insbesondere beim Einsatz, da der Dirgent fehlt: ohne „Takte zählen“ geht das nicht.
   Die Laiendarsteller sind den an sie gestellten Anforderungen außerordentlich gut gewachsen. An erster Stelle ist Maic Krummel als Old Pipes zu nennen, der sowohl darstellerisch als auch gesanglich befriedigte. Auch Markus Schneider als Old Pipes’ persönlicher Echozwerg überzeugte. Der hübschen Sonja Schaal als Chenette merkte man noch die geforderte hohe Konzentration an, so dass sie in Ihrem weißen Nymphenkostüm nicht so locker flockig über die Bühne schwebte, wie man dies von einem Feenwesen eigentlich erwartet. Wann immer Anneliese Henzler als 91-jährige Mutter von Old Pipes auftrat, im Lauf des Stücks ebenfalls durch Nymhenküsse verjüngt, beherrschte sie die Bühne. Regisseur Alexander Reuter hatte dafür gesorgt, dass das gesamte Ensemble harmonierte und dem Stück auch einigen Humor abgewann. Die giftgrün-gelben Kostüme der Echozwerge waren originell und ermöglichten diesen, den etwas langatmigen Ablauf des Stücks immer wieder aufzumischen. Die begabte Choreografin Karin Ould-Chih hatte nicht allzu viele Möglichkeiten, ihr Können zu zeigen. Das wird sie dann in der Musical-Show 2002 unter dem Titel „Eine Reise des Herrn L.“, die am kommenden Freitag, 14. Juni, im Stettener Theater Premiere hat, mit ihren Jazz- und Steptanzgruppen nachholen können. Übrigens sind alle tragenden Rollen des Musicals doppelt besetzt. Auf diese Weise kommt jeder der begabten Amateure auch seine Chance in einer der insgesamt 12 Vorstellungen.

Das Ensemble beim Schlussapplaus

   Die Vereinsvorsitzende Renate Hörz, die nach dem Happy End dem gutgelaunten Publikum eloquent alle Mitwirkenden vorstellte, bat auch den bejahrten „Charly“ Kalman auf die Bühne. Dieser bedankte sich allerdings nicht bei den an der Produktion Beteiligten, die für die Realisierung seines Opus neun Monate harter Arbeit investiert hatten. Er sei froh, dass das Wetter entgegen allen Befürchtungen trocken geblieben sei, meinte er lakonisch.

12.6.2002
Arthur H. Maute

Info:
Weitere Vorstellungen gibt es im
Theater unter den Kuppeln am 15.6., 22.6, 6.7., 13.7., 20.7., 27.7., 3.8., 9.8., 10.8., 6.9. und 13.9. jeweils um 20:30 Uhr. Karten gibt es Di. 14.30-18.00 und Fr. 15.30-18.00 unter Tel. 0711-795111.

Kritiken und Berichte stellen grundsätzlich die Meinung des Autors, nicht die der MKV dar.

Fotos: Jörg Witzsch

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