Logo von "Die Schöne und das Biest" von Martin DoepkeBericht über die Vorstellung vom 20. Januar 2005 im Festspielhaus Baden-Baden.

„Die Schöne und das Biest“ Tournee
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Die schöne Bella erlöst Mr. Hyde im verzauberten Märchenschloss
Doepkes Musical als Tourneeproduktion unter der Regie von Alexander Goebel


Bella(Sabine Neibersch), die Schöne, hat sich an Stelle ihres Vaters in die Residenz des Ungeheuers gewagt. Das Biest (Hans Holzbecher) verwöhnt sie mit einem wundervollen Kleid und mit Schmuck, und sorgt dafür, dass ihr Vater und die Schwestern „wieder reich“ sind. – Foto: BB-Promotion


„Die Schöne und das Biest“ mit der Musik von Martin Doepke ist eine hübsche musikalische Variante des bekannten Märchenstoffes, der von Madame Leprince de Beaumont 1757 unter dem Titel „Die Schöne und das Tier“ in seine wohl berühmteste Form gebracht wurde. Das Märchen wurde oft nacherzählt, verfilmt und auch als Musical produziert. Der deutsche Ableger der amerikanischen Disney-Show „Beauty and the Beast“ mit der Musik von Alan Menken war in Stuttgart bis zum 22. Dezember 2000 zu sehen. Nach wie vor am gelungensten jedoch ist vielleicht der Film von 1946, den Jean Cocteau mit Jean Marais als Tier und Josette Day als Belle gedreht hat. Sein Zauber ist bisher unerreicht.


„Und abends geht’s ab in die Schänke“, wo Dorfbeau Gustav (Dirk Witthuhn) seine großen Auftritte hat. – Foto: BB-Promotion

   Das Buch für das Musical von Doepke wurde nach der Idee und dem Konzept von Andrea Friedrichs und Hans Holzbecher von Christian Bieniek verfasst. Die Liedtexte sind von Elke Schlimbach und Grant Stevens. Friedrichs wird übrigens ab Herbst 2005 die Leitung des Deutschen Theaters München übernehmen, wo die Deutschlandtournee von „Die Schöne und das Biest“ am 2. Dezember 2004 startete. Die Uraufführung der Show war übrigens schon 1994 am Kölner Sartory Theater. Das Musical erhielt, wohl als Unterscheidungsmerkmal zur bekannteren Disney-Version (Premiere 1993 in Houston, Texas und 1996 am Broadway), den Zusatz „das deutsche Original“. Ein wenig Mogelei ist schon dabei, denn diese Bezeichnung erweckt den Eindruck, dass andere Varianten des Märchens Doepkes Stück kopieren. Gemeint ist, dass dieses Werk in Deutschland entstanden ist, und dass die Texte in deutscher Sprache geschrieben wurden. Die Autoren scheuten sich aber nicht, Anleihen bei dem schon 1991 entstandenen Disney-Zeichentrickfilm „Beauty and the Beast“ zu machen, sei es bei der Comicfigur des Gaston, der hier Gustav heißt und im Originalmärchen überhaupt nicht vorkommt, oder bei den verzauberten „lebendigen“ Möbeln und Gegenständen. Hier bevölkern ein Sessel, ein Cello und eine Statue die Szene.

Die gute Fee (Anja Kruse) arrangiert das Geschehen zum Besten für alle. Nachdem sie vor langer Zeit den Prinzen wegen seiner Lieblosigkeit in das Biest verwandelt hatte, lotst sie zunächst den Vater der Schönen zum verwunschenen Schloss, wo dieser überraschend freundlich aufgenommen wird. Die Fee gibt dem Biest deshalb eine zweite Chance. Wenn er die Liebe einer Frau erlangt, wird er vom bösen Zauber erlöst. Zu diesem Zweck zeigt sie auch Bella (Sabine Neibersch) den Weg zum Schloss. – Foto: BB-Promotion

   Doepkes Musik ist zweifellos zauberhaft und klingt häufig bewusst ein wenig altertümlich. Auch komische Elemente, vor allem für Bellas etwas beschränkten Verehrer Gustav und die Schwestern der Schönen erdacht, fehlen nicht. Einige Passagen schmeicheln sich ins Ohr ein und bleiben auch nach der Vorstellung noch in Erinnerung. Ein absoluter „Schlager“ ist dem Komponisten allerdings nicht gelungen.


Das „Biest“ (Hans Holzbecher) gleicht so ganz und gar nicht einem Tier. Vielmehr ist deutlich zu erkennen, dass sich hinter der verzauberten Gestalt ein Mensch verbirgt, der möglicherweise imstande ist, das Herz der Schönen zu gewinnen (Maske von Erika Sternberg).  – Foto: BB-Promotion

   Die Produktion kann nur an größeren Häusern gespielt werden, da sie einige Ansprüche an die Bühnentechnik stellt. Die Szenerie (Kordula Stövesand) besteht aus zwei verschiedenen Bildern, die sich ineinander verwandeln können. Dabei helfen fahrbare Vorhänge, die den Zauberwald darstellen, hinter dem sich das Schloss des Biestes verbirgt. Die Welt des Dorfes besteht aus einem mit Fachwerkhäusern bemalten Prospekt, einem Wagen, auf dem die einfache Behausung von Bella, ihren Schwestern und ihrem Vater herein oder hinausgefahren wird, und einem Tisch, der die Schänke andeutet, in der sich Bellas lästiger Verehrer Gustav und die Dorfbewohner aufhalten. Das ebenfalls bewegliche Schloss besteht aus einigen Wänden und Säulen und einer verfallenen Galerie, auf der sich das Biest bei seiner Erlösung in den Prinzen verwandelt.
   Die Kostüme (Maria Lucas) sind fantasievoll historisierend, lassen sich aber nicht ohne weiteres dem Stil einer bestimmten Epoche zuordnen. Das Lichtdesign von Fabrice Kebour setzt auf ständig wechselnde Farbtöne. Diese Farbwechsel wirken vor allem bei den Dorfszenen manchmal etwas aufgesetzt, und würden eher zu einer Revue passen. Alexander Goebels Inszenierung gibt sich handwerklich routiniert, doch fehlt ihr das besondere Flair und die zündende Idee. Die Tänze mit einem klassischen Pas de Deux, auf Halbspitze getanzt von Anique Bosch und Joeri Burger, hat sich Paul Kribbe ausgedacht. Den Koboldszenen hätte etwas mehr Phantasie bestimmt nicht geschadet. Zur „Welt der Magie“ ist weder dem Regisseur noch dem Choreographen viel eingefallen.
   Die musikalische Leitung hat Jerzy Janke, der auch am Piano sitzt. Die musikalische Supervision hat der Komponist selbst übernommen. Das Orchester spielt mit einem fast zu satten, etwas keybordlastigen Sound. Leider kann die Abmischung und Wiedergabe über die Tonanlage nicht befriedigen, bei der insbesondere die Textverständlichkeit leidet.
   Die aus Österreich stammende Sabine Neibersch erfüllt als Bella alle Wünsche, stimmlich wie optisch. Sie hat eine angenehme, vor allem in der Höhe schön klingende Stimme und bildet einen echten Kontrast zu ihren beiden schrillen Schwestern Ilse (Marny Bergerhoff) und Grete (Michaela Kaiser), deren bester Song zweifelsohne „Nur weil wir die Rosen in der Wüste sind, weil wir das Edelweiß an der Küste sind“ ist. David Morell als Kaufmann Wilhelm, der Vater der Schönen, gefällt mit „Meine tapfere Bella, komm heim“. Der Gustav von Dirk Witthuhn ist ein polternder, arroganter und für Bella gar nicht angenehmer Zeitgenosse, wenn er mit dem grotesken „Ich bin ganz einfach der Größte“ um die Schöne wirbt. Kati Farkas beklagt sich im verwunschenen Schloss äußerst flott mit „Mathildes Tango“ über den Fluch, der alle getroffen hat, nachdem der Prinz wegen seiner Hartherzigkeit in ein Tier verwandelt worden war. Anja Kruse verkörpert eine wunderschöne Fee, die alle Fäden in der Hand hält und letztendlich auch für die „Erlösung“ des Biests verantwortlich ist. Sie überrascht mit einer erstaunlichen tragenden Stimme.
   Das Biest, dessen Charakter Wut über sein Schicksal und Verzagtheit gegenüber der Schönen ausdrückt, wird von Hans Holzbecher gekonnt dargestellt. Mit „Ich, warum ich“ erweckt er wahrlich Mitgefühl beim Publikum. Doch wenn man den verwandelten Prinzen so sieht und brüllen hört, könnte man fast meinen, man sei im falschen Stück, denn leider erinnert die Maske (Erika Sternberg), die Artikulation und das gesamte Auftreten des Biests eher an ein menschliches Ungeheuer wie Mr. Hyde als an ein Tier. Im Programmheft wird erklärt, dass der verzauberte Prinz „durch die Worte der Fee schon frühzeitig als verzauberter Mensch erkennbar“ ist, in Fortführung der Ideen Cocteaus, wie man uns glauben machen möchte. Cocteau jedoch hat in seinem Film zwar das Tier in verschiedenen Facetten dargestellt, so als elegant gekleidete Erscheinung mit nettem teddyartigem, fast sympathischen Tierkopf, aber eben gerade auch als überaus blutrünstige Bestie.
   Abschließend bleibt nach der Verwandlung von Mr. Hyde in einen strahlend schönen Prinzen das krönende Schlussduett „Du hast mir Dein Herz geschenkt“ mit dem effektvollen Finale „Die Schöne und das Biest“ in besonders guter Erinnerung.
   Vom 8. bis zum 11. Februar gibt es Vorstellungen im Musical-Theater Bremen. Noch davor wird das Musical vom 25. Januar bis zum 6. Februar im Wiener Museumsquartier gespielt.

Arthur H. Maute
22. Januar 2005