Interview mit Sylvester Levay und Michael Kunze

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„Elisabeth" schlägt eine Bresche für das europäische Musiktheater: zum 10-jährigen Jubiläum eine große Geburtstags-Party in Essen
Interview mit Sylvester Levay und Michael Kunze


"Elisabeth" - Sylvester Levay und Michael Kunze mit Pia Douwes

Am kommenden Dienstag (3. September) feiert das Musical "Elisabeth" im Colosseum-Theater in Essen seinen zehnten Geburtstag. Aus diesem Anlass ein Interview mit den beiden Vätern des Erfolgs, Sylvester Levay (Musik) und Michael Kunze (Text).
   "Elisabeth" läuft seit zehn Jahren mit weltweitem Erfolg. Wie erklären Sie sich dieses internationale Phänomen?
   Sylvester Levay:
Michael und mir ist es gelungen, in diesem Stück nicht nur die geschichtlichen Inhalte zu erzählen, sondern auch die menschliche, psychologische Seite darzustellen, und zwar so, dass sich die Menschen von heute in dieser Geschichte wiedererkennen. Bei "Elisabeth" findet jeder irgendwo etwas, mit dem er sich identifizieren kann. Von daher ist es so, dass das Publikum mit dem Stück zusammenwächst. Das sieht man auch daran, dass die Aufführungen ja mittlerweile aus dem historischen und geografischen Zusammenhang von Wien und der österreichisch-ungarischen Monarchie herausgefallen sind.
   Die Geschichte funktioniert vor allem auf einer allgemein menschlichen Ebene. Die größte Distanz hat sicherlich das japanische Publikum, und doch funktioniert das Stück auch in Tokio und Osaka. Ganz wichtig ist dabei natürlich auch, dass den Menschen dort die Geschichte auf Japanisch erzählt wird. So gern ich mich für meine Musik loben lasse, so wichtig ist es mir, auf die Bedeutung der Sprache hinzuweisen. Schließlich legen Michael und ich bei der Zusammenarbeit nicht nur größten Wert auf eine ganz allgemeine Übereinstimmung von Geschichte und Musik. Wir arbeiten wirklich sehr eng zusammen und kümmern uns um die adäquate Vertonung jedes einzelnen Wortes. Diese Zusammenarbeit geht also bis in die kleinsten Nuancen des Werkes.
   Michael Kunze ist gebürtige Prager, Sie stammen aus Ungarn. Sie beide kommen also aus den Nachfolgestaaten der alten k.u.k-Monarchie. Hat dieser kulturelle Background einen Einfluss auf die Arbeit an „Elisabeth" gehabt?
   Sylvester Levay: Das hat sicherlich etwas damit zu tun. Der Stoff war uns beiden natürlich zutiefst vertraut. Aber es war schon Michael, der mit dem Stoff ankam. Er hatte ihn sozusagen inhaliert. Und das war mehr als die Geschichte, die ich vorher schon kannte.
   Herr Kunze, Sie haben es geschafft, die historische Figur Elisabeth von Österreich vom Sissi-Mythos zu befreien. Was ist das faszinierende an dieser Theaterfigur?
   Michael Kunze: Elisabeth ist eine Figur, die die Menschen seit ihrem Tod am Ende des vorletzten Jahrhunderts immer fasziniert hat. Lange vor dem Film-Mythos gab es bereits den „Elisabeth"-Mythos. Intellektuelle und Künstler haben sich immer schon für die Geschichte dieser Frau interessiert. Da reicht die Palette von Mark Twain bis Stefan Zweig. Und jede Zeit betrachtet diese Geschichte auf die ihr gemäße Weise. Es ist typisch, dass die 50er Jahre die Märchengeschichte von der bayerischen Prinzessin Sissi aufgegriffen haben. Uns dagegen hat interessiert, wie sich eine Frau gegen alle Widerstände durchsetzt, man kann auch in der heutigen Terminologie sagen, wir wollten eine Emanzipationsgeschichte erzählen. Doch wir zeigen auch, welche Folgen dieser Kampf um Emanzipation haben kann.
   Bei Elisabeth von Österreich führte er direkt in die Isolation. Insofern ist unsere Version der Geschichte ungeheuer modern. Frauen von heute erkennen sich in dieser ursprünglich mythischen Figur ganz konkret wieder. Sie sehen die positiven und die negativen Seiten dieser Emanzipation. Denn wir zeigen das Ganze nicht als eindimensionale Geschichte. Wir zeigen auch, was passieren kann, wenn die Selbstverwirklichung zu weit geht. Bei "Elisabeth" zeigen wir den Selbstmord des Kronprinzen Rudolph. Doch diese Gefahren lassen sich natürlich nicht nur auf Frauen beziehen. Heute setzen viele Elternpaare auf ihre persönlichen Karrieren, wobei dann die Kinder zu kurz kommen. Die Menschen im Zuschauerraum, Männer wie Frauen, haben also ganz ähnliche Probleme wie die Figuren auf der Bühne. Die Themenkreise die "Elisabeth" anspricht, sind eben absolut aktuell. Und das wird international verstanden.
   Warum eignet sich die Gattung Musiktheater so hervorragend für diesen Stoff?
   Michael Kunze: Der Stoff ist ein Mythos. Das heißt, es gibt in dieser Geschichte immer wieder Stellen, die man nicht mit Worten erzählen kann. Und genau deswegen eignet sich dieser Stoff für eine musiktheatralische Bearbeitung. Die Musik schafft eine Ebene, die all das zeigt, was von der Realität abgehoben ist. Musik braucht aber immer einen Raum, in dem sie diese Stellen mit Bedeutung füllen kann. Wenn Sie mich fragen, ob das Leben von Helmut Kohl musical-fähig ist, dann muss ich das mit "Nein" beantworten. Wenn eine Figur singt (singt mit Baritonstimme): „Ja, ich möchte Kanzler bleiben!", dann ist das lächerlich, dann bewege ich mich in einem mythenfreien Raum.
   Das gilt auch für die kürzlich in Berlin vorgestellte Angela Merkel-Oper?
   Michael Kunze: Nun ja, ich halte das eher für einen Gag. Beim Musiktheater geht es doch darum, dass das Unaussprechliche durch die Musik erfahrbar gemacht werden soll. Figuren ohne Tiefe eignen sich nicht für das Musiktheater. Tiefe und Geheimnis machen eine Figur musical-fähig. Denn nur dann hat der Komponist die Möglichkeit, mit seiner Musik die Geschichte um eine weitere Geschichte zu bereichern.
   Was empfinden Sie, wenn Sie hören, dass Sie mit „Elisabeth" den erfolgreichsten deutschen Musical-Exportschlager seit Bertolt Brecht geschaffen haben, ja B.B. hinsichtlich Umsatz und Zuschauerzahlen sogar noch übertroffen haben?
   Michael Kunze: Der Erfolg von „Elisabeth" ist vor allem etwas, was über den persönlichen Erfolg hinaus geht. Das hat eine Bedeutung für das europäische Musical. Ich glaube, dass Sylvester und ich mit unseren Stücken „Elisabeth" und „Mozart!" eine neue Form des Musiktheaters gefunden haben. Europa hat nun mal eine andere Musical-Kultur als der Broadway, und wir haben nicht versucht, den Broadway zu kopieren, wir haben etwas eigenes, spezifisch Europäisches gemacht, und das ist es, was die Leute honorieren. Ich denke, wir haben international gesehen eine Bresche für das europäische Musiktheater geschlagen, so dass das europäische Musiktheater wieder dort anknüpfen kann, wo es einmal stand. Denn die Geschichte lässt sich ja bis zu den Operetten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zurückverfolgen. Wenn Sie so wollen, geht sie bis zu Mozart zurück, wobei ich betonen möchte, dass ich mich nicht für Bertolt Brecht halte...
   Sylvester Levay: (lacht) Und ich bin beileibe nicht Mozart. Aber ich glaube auch, dass wir mit dem Erfolg unserer Stücke anderen Autoren Türen geöffnet haben.
   Hat sich der Broadway schon bei Ihnen gemeldet?
   Michael Kunze: Hinsichtlich „Elisabeth" kann ich bestätigen, dass in Amerika ein ernsthaftes Interesse vorhanden ist. Mehr können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.
   Wie beurteilen Sie die Essener Inszenierung?
   Sylvester Levay: Die Essener Inszenierung ist besonders gut. Das Colosseum Theater hat eine Riesenbühne, und trotzdem hat man nicht das Gefühl erdrückt zu werden. Auf diese Weise lässt sich die Geschichte einerseits sehr theatralisch andererseits sehr nachdenklich darstellen. Das ist das, was das Stück braucht. Außerdem ist die theatralische und die musikalische Umsetzung auf höchstem Niveau. Wir haben für Essen sogar ein paar Sachen geändert. Dadurch, dass das Stück so weit weg ist von den Originalschauplätzen, dachten wir, dass wir noch ein bisschen erklären müssen. Aus diesem Grund haben wir noch ein neues Lied geschrieben, ein Duett für Elisabeth und den Tod, und mit diesem Lied sind wir wirklich sehr glücklich.
   Was hat das Colosseum Theater Essen, was andere Bühnen in Deutschland nicht haben?
   Michael Kunze: Im Ruhrgebiet herrscht eine ganz besondere Atmosphäre. Essen im Besonderen hat eine Bevölkerung, die es gewohnt ist, mit neuen und frischen Formen der Kunst umzugehen. Das hängt mit der Folkwang-Tradition zusammen. Auf einen Nenner gebracht: In Essen versteht man etwas von hochwertiger Kultur für Menschen ohne höhere Bildung. Und genau das ist es, was wir hier machen. Wir machen kein hochkulturelles Musiktheater, aber wir machen auch kein billiges Entertainment. Man kann "Elisabeth" nicht so leicht in eine Schublade packen. Das spüren die Menschen, wenn sie in die Vorstellung gehen. Sie lassen sich überraschen. Und schließlich sind sie begeistert. Diese Aufgeschlossenheit, wie sie hier im Ruhrgebiet herrscht, gibt es sonst nirgendwo in Deutschland. Darüber hinaus bietet das Colosseum Theater hervorragende technische Möglichkeiten. Hier stimmen einfach alle Voraussetzungen.
   Rodgers/Hammerstein, Lennon/McCartney, Ulvaeus/Anderson und jetzt Kunze/Levay - die großen Komponisten der populären Musik arbeiten eigentlich immer als Duo. Welche Vorteile hat diese Arbeitsweise gegenüber dem Einzelkämpfertum?
   Sylvester Levay: Im Musical gibt es eigentlich nur einen Künstler von Rang, der Text und Musik alleine schreibt, das ist Stephen Sondheim. Alle anderen arbeiten als Duos. Ich selbst würde es gar nicht wollen, beide Verantwortungen zu tragen. Ich bin glücklich mit meinem Komponistenleben. Das ist etwas, was mich mit Arbeit und Zufriedenheit erfüllt. Ganz abgesehen davon, weiß ich überhaupt nicht, ob ich das allein könnte. Wenn man alles allein bestimmt, dann fehlt das Korrektiv. Ich weiß nicht, wie selbstkritisch ich wäre, wenn ich alles allein verantworten müsste. Dass wir zusammen arbeiten, ist schon die beste Lösung. Selbst Mozart hat mit einem Texter gearbeitet.
   Wie werden Sie den zehnten Geburtstag Ihres Werkes begehen?
   Sylvester Levay: Wir feiern am 3. September einen großartigen Abend mit vielen Gästen zugunsten der UNESCO. Da werden die Hauptdarsteller aus den internationalen Produktionen auftreten. Ich selbst werde an diesem Abend dirigieren. Und anschließend wird gefeiert. Wir sind beide sehr gesellige Menschen, wir ziehen uns nicht zurück, sondern werden mit den Menschen diesen Geburtstag feiern. Darauf freuen wir uns jetzt schon sehr.
   Nach einem derartigen Erfolg fällt es vielen Künstlern schwer, das nächste Projekt auch nur anzugehen. Womit werden Kunze/Levay das Publikum als nächstes überraschen?
   Michael Kunze: Wir arbeiten derzeit an einem neuen Musical. Unsere Vorlage ist "Rebecca" von Daphne du Maurier. Wir hoffen, dass wir im nächsten Jahr eine Workshop-Fassung vorliegen haben. 2004 soll das fertige Stück dann in London uraufgeführt werden.

Quelle: kick media ag
29.8.2002

Foto: Jürgen Heimann

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