Am 6. März 2005 gab es die von den geldanenen Gästen bejubelte Premiere im Apollo Theater Stuttgart. |
„Elisabeth“ in Stuttgart Aktualisiert: zurück |
|
Das wahre Märchen vom Wiener Hof
Eine bebilderte Geschichte über Sissi, die Kaiserin von Österreich |
![]() |
|
Es war einmal ein Mädchen, das lebte vor vielen Jahren in einem kleinen Schloss an einem wunderschönen See. Als zweite Tochter eines Herzogs hatte es am Heiligabend das Licht der Welt erblickt. Das Mädchen lebte 15 Jahre glücklich und zufrieden, bis ihm eines Tages der Tod persönlich erschien. Er warb um sie und wollte sie so bald wie möglich zu sich nehmen. Doch der freundliche Blick eines mächtigen Kaisers fiel auf das junge Mädchen. Der Kaiser machte das Mädchen zu seiner Frau. Das Mädchen aber, das jetzt Kaiserin war, wurde erwachsen und war einsam. Es verliebte sich in den Tod, der es geduldig Jahr für Jahr umschlich. Der Kaiser, der seine Frau sehr liebte, wollte ihr den Himmel auf Erden bieten. Aber der Tod, der noch mächtiger war als der Kaiser, gab nicht auf und holte die Kaiserin am Ende doch in sein Reich. Und obwohl die Kaiserin vor langer Zeit gestorben ist, lebt sie in den Gedanken der Menschen von heute noch weiter …
|
![]() |
|
So erzählt das Musical „Elisabeth“ die Geschichte der Kaiserin von Österreich. Zwar lautet der Untertitel der Stuttgarter Version dieser Show „Die wahre Geschichte der Sissi“. Doch eben mit dieser Wahrheit scheint es so eine Sache zu sein, denn Michael Kunzes und Sylvester Levays Werk setzt mehr auf Bühnenwirksamkeit als auf eine realistische Darstellung von Elisabeths Leben.
Das ist legitim. Außerdem macht es dem Publikum viel mehr Spaß, wenn die Charaktere plakativ gezeichnet sind, wenn Nebel wallen, Blitze zucken, und Emotionen vor allem durch Lautstärke produziert werden. Die Psychologie der Personen bleibt zwar größten Teils auf der Strecke. So, wie auch die Stimmen der Darsteller, die doch so wunderschön klingen, wenn man sie ohne das heute übliche Sounddesign hört. Aber Zuschauer, die von vibrierenden Hochleistungs-Verstärkeranlagen in Automobilen und von Surround-Systemen in Kinos und im Wohnzimmer geprägt sind, wollen auf den bombastischen Sound auch im Theater nicht verzichten. |
![]() |
|
Darüber hinaus erwartet der Zuschauer bei Eintrittspreisen zwischen 29 und 99 Euro pro Ticket schließlich die totale Verzauberung durch ein hoch technisiertes Bühnenspektakel: 46 verschiedene Szenenbilder, die sich durch eine Drehbühne mit fünf Hubpodien und einem Drehring in Bewegung setzen, sowie 450 nach historischen Vorbildern geschaffene Kostüme, 275 handgeknüpfte Perücken, hunderte von Scheinwerfern, 92 Lautssprecher - Effektanlage und Bühnenmonitore mitgezählt und 36 Funkmikrophone kommen zum Einsatz. Kann eine von einem derartigen Aufwand bestimmte Show überhaupt noch menschliche Gefühle transportieren?
Sie kann. Es kommt etwas über die Rampe, allerdings kaum Wärme, wie in den von vielen geschmähten Sissi-Filmen, die heute als „Kitsch hoch drei“ verurteilt werden, sondern eher Eiseskälte. Es ist ein böses Märchen, das da erzählt wird. Es beginnt damit, dass eine Stimme aus dem Off Elisabeths Mörder Lucheni befragt. Dieser baumelt, einen Strick um den Hals, mitten auf der Bühne. Tatsächlich hat sich der Anarchist 1910 nach elfjähriger Haft selbst mit einem Gürtel erhängt. Damals nahm kaum jemand Notiz davon. Lucheni, der sich von dem Strick durch einen schnellen Schnitt befreit, führt dann als zynischer Moderator voller Aggressionen durch das Programm des Abends. Er erklärt, er sei ja nur das Mittel zum Zweck gewesen. Eigentlich habe er den Prinzen Henri von Orléans ermorden wollen. Da dieser nicht erschien, habe er sich als Ersatz-Aristokratin die österreichische Kaiserin auserkoren. Doch wirklich schuld an der ganzen Misere sei das Liebesverhältnis zwischen Elisabeth und dem Tod. Sogleich schreitet der personifizierte Tod auf einer neonbeleuchteten Himmelsleiter herab und mischt sich unter die vampirähnlich man kennt das in Stuttgart bestens - aus den Gräbern des Habsburgerhauses herauszuckenden Hofschranzen, die Lucheni als Zeitzeugen gerufen hat. Die untergegangene Welt des 19. Jahrhunderts erwacht für einen Theaterabend nochmals zum Leben. Schnitt. |
![]() |
|
Sissi, die mit 15 Jahren noch vor kindlicher Begeisterung und Bewegungsdrang überquillt, beklagt sich bei ihrem Vater Max, Herzog in Bayern, darüber, dass er sich alles erlauben dürfe. („Mama hat heut’ Abend Gäste, das wird grauenhaft …“). So wie er möchte sie leben können, frei und ungebunden. Doch die Geschichte will es anders. Schnell wird Sissi gebändigt und statt ihrer ursprünglich als Braut vorgesehenen Schwester Helene mit ihrem Cousin, dem sieben Jahre älteren Kaiser Franz-Joseph, vermählt. Denn dieser übersieht bei einem von seiner Mutter Sophie arrangierten Familientreffen in Ischl die arme Helene einfach und verliebt sich auf den ersten Blick in Elisabeth. Die Hochzeitsglocken der Augustinerkirche, die der Tod selbst ertönen lässt, läuten den Untergang des Habsburger Reichs ein, dessen Zwängen sich Elisabeth unterwerfen muss. Während Brautvater Max und Schwiegermutter Sophie noch empört feststellen, dass ihre Kinder überhaupt nicht zueinander passen, erscheint der Tod auf dem Hochzeitsball und meldet seine Rechte an („Der letzte Tanz, der letzte Tanz, gehört nur mir allein …“). Der charakterschwache junge Kaiser, der sich der Autorität seiner Mutter beugen muss („Sie streng, sei stark, sei kalt, sei hart“), zeigt wenig Verständnis für die Rechte seiner Frau und Mutter seiner Kinder. Von allen im Stich gelassen, entwickelt Elisabeth ihre Willensstärke weiter („Ich will nicht gehorsam, gezähmt und gezogen sein … denn ich gehör nur mir“), und baut Hassgefühle auf. Michael Kunze: „Die Idee des Stückes ist eigentlich, dass der Tod in einer Zeit, in der das Habsburger Reich dem Untergang geweiht ist, diese Frau und ihre zerstörerische Kraft benutzt, um das Habsburger Reich zu zerstören“. Das frühzeitige Angebot des Todes, der sich als Retter aus aller Not zeigt und ihr helfen will, sich aus dem Leben zu stehlen, nimmt Elisabeth jedoch nicht an. Im Gegenteil, sie will selbst entscheiden, wann sie geht und macht das dem Tod später noch deutlicher („Wenn ich tanzen will, dann tanz ich so wie’s mir gefällt. Ich allein bestimm' die Stunde. Ich allein wähl die Musik“). Elisabeths Auflehnung gegen das Leben am Wiener Hof besteht zunächst darin, dass Sie Ihre Schönheit einsetzt. Sie pflegt sich und verbraucht die Milch, die das Volk so dringend nötig hat, für ihre ausgiebigen Bäder („Wollt ihr wissen, wer die Milch euch nimmt? Die ganze Milch ist nur für sie bestimmt. Für eure Kaiserin! Sie braucht sie für ihr Bad!“). Elisabeth stellt Franz-Joseph, der Einlass zu ihr begehrt („Elisabeth, mach auf, mein Engel. Ich, dein Mann, sehn mich nach dir“), ein „förmliches Ultimatum“. Sie will die Erziehung ihrer Kinder selbst übernehmen. Der Kaiser beugt sich den Wünschen seiner Frau. Sogleich tritt ihm Elisabeth in strahlender Schönheit entgegen. Diese Szene, dem berühmten Ölgemälde von Franz Xaver Winterhalter nachgestellt, ist der optische Höhepunkt des Stücks und löst stürmischen Beifall aus. Doch, nicht zu vergessen, auch hier ist der Tod allgegenwärtig.
|
![]() |
|
Kunzes Story erzählt gerade die Zeit, die auch in den drei Sissi-Filmen abgearbeitet wird, ziemlich ausführlich, die Zeit danach aber im Schnelldurchgang und auf Nebenschauplätzen. Hier kommt Lucheni als Verkäufer von Andenken mit seinen Kommentaren zum Zuge und eröffnet dem verblüfften Publikum, dass alles, was mit der österreichischen Kaiserin zu tun hat, sowieso und letztendlich nur Kitsch sei („Was blieb von ihrem Leben, als Bodensatz der Zeit. Kitsch!“).
Elisabeths Sohn Rudolf wächst ohne die Zuwendung seiner Mutter auf („Mama, wo bist du? Kannst Du mich hören? Mir ist so kalt. Nimm mich in den Arm“). Der Tod nimmt die Stelle der Mutter ein und verkündet dabei dem kleinen Buben schon seinen frühzeitigen Tod („Sie hört dich nicht. Ruf nicht nach ihr! Ich bin dein Freund. Wenn du mich brauchst, komm ich zu dir“). Mutter und Sohn gehen weitgehend getrennte Wege und Rudolf bleibt isoliert. Er trifft wieder auf den Tod, der ihn an seinen ersten Besuch erinnert (mit dem kuriosen Text „Die Schatten werden länger. Es ist fünf vor zwölf. Die Zeit ist beinah um“). Während Elisabeth sich mit Heinrich Heine und ihren eigenen Gedichten befasst, und Sophie dem Kaiser publikumswirksam Damen aus Frau Wolfs Salon zuführen lässt, hofft Rudolf in seiner Mutter eine Bundesgenossin für die Sache der Liberalen gegen die Deutschnationalen und die Antisemiten gefunden zu haben. In seinen Schwierigkeiten wendet er sich an die Kaiserin („Wenn ich dein Spiegel wär’, dann würdest du dich in mir sehn.“ und „Mutter ich brauch dich … nur wenn du für mich beim Kaiser bittest, ist es noch nicht zu spät“). Elisabeth lässt Rudolf jedoch eiskalt im Stich („Ich bitte nie, ich tu’s auch nicht für dich“). Der Tod mit seinen schwarzen Engeln zeigt Rudolf schließlich einen Ausweg. Er spielt ihm eine Pistole zu und hilft ihm so beim Selbstmord. Die Tragödie von Mayerling 1889 und die ebenfalls dabei getötete Mary Vetsera werden von Kunze glatt unterschlagen. |
![]() |
| Im Übrigen werden das weitere Leben und die ruhelosen Reisen der Kaiserin nur angedeutet. Sie spaziert dazu vor ihrem die Koffer schleppenden Gefolge über den Drehring. Als sie zum Schluss nochmals Franz-Joseph gegenüber steht, findet sie, dass es Zeit ist, dass beide sich eingestehen, dass die Wunder, die sie wollten, einfach nicht geschehen sind („Wir sind wie zwei Boote in der Nacht. Jedes hat sein eignes Ziel und seine eigne Fracht“). Inzwischen ist Elisabeth über 60 Jahre alt, und der Tod meint, dass es nun Zeit ist, dass Lucheni mit der Feile kommt. Der Tod will seine Geliebte zu sich zu holen und beauftragt den Anarchisten, sie zu ermorden. Noch im Sterben befreit Elisabeth sich von Ihrer dunklen Robe. Ganz in weiß wird sie vom Tod sanft emporgehoben und in den Bühnenhintergrund getragen. Was sang Lucheni zu Beginn des zweiten Aktes? „Kitsch!“ Die Uraufführung von „Elisabeth“ war am 3. September 1992 in Wien. Regie hatte Harry Kupfer. Schon damals zeigte sich Michael Kunzes Geschick, kurze publikumswirksame Szenen zu schreiben, und diese durch den Conférencier Lucheni einigermaßen verständlich zu machen. Nur so ließ sich das lange und komplexe Leben von Elisabeth auf einen einzigen Abend schrumpfen. Außerdem hat der Autor ein untrügliches Gespür dafür, was beim Publikum ankommt. In den Jahren nach der Wiener Premiere wurde das Stück in einigen Teilen geändert und ergänzt. In die Essener Produktion von 2001, auf der die Stuttgarter Version beruht, wurde das für die Deutschland-Premiere neu komponierte Duett zwischen Elisabeth und Tod „Wenn ich tanzen will …“ zu Beginn des zweiten Aktes eingefügt. Sylvester Levay hatte für Wien eine Musik geschrieben, die, wie er sagt, „klassische und moderne Elemente zusammenfügt ... da ist, glaube ich, für ein älteres und auch für ein jüngeres Publikum der Schlüssel drin, dass es für beide Ohren inhaltlich stimmt“. Größtenteils sind es einfache Melodien und Phrasen, die teilweise leitmotivischen Charakter haben, und die sich leicht im Gedächtnis mit nach Hause tragen lassen. Sie sind rockig-poppig arrangiert und machen die filmartig aneinander gereihten Szenen erst effektvoll. Diese Kombination kommt noch heute an, obwohl manch einer meint, dass Levays Musik nicht gerade auf der Höhe der Zeit und der aktuellen Popmusik sei. Am gelungensten und von den Fans am meisten geliebt sind wohl bis heute „Ich gehör nur mir“, „Wenn ich tanzen will“, „Boote in der Nacht“ und natürlich „Der letzte Tanz“. Der musikalische Leiter Klaus Wilhelm, der zwar sagt, dass bei Kunzes DramaMusical die Geschichte im Vordergrund stehe, und die Musik die Geschichte nur bediene, sorgt trotzdem dafür, dass die teils ausgewogenen, teils schrägen Klänge seines ausgezeichneten Orchesters nicht im Hintergrund bleiben. Denn schließlich kommt Musical von Musik. Das Bühnenbild von Paul Gallis im blau-goldenen Säulenportal schafft Atmosphäre. Seine großartige Szenerie lässt die Erinnerung an die Bilder von Hans Schavernoch in der Wiener Produktion schnell verblassen. Die Kostüme von Yan Tax sind stimmig und Elisabeths große Robe in der Winterhalterszene vergisst man nicht so schnell. Das Lichtdesign von Reinier Tweebeeke unterstreicht die jeweilige Stimmung der einzelnen Szenen hervorragend. Und das Tondesign von Jeroen Ten Brinke, abgesehen von gelegentlicher Übersteuerung, entspricht wohl den Erwartungen der Besucher. Es soll aber auch Musicalgänger geben, die immer Oropax bei sich tragen. Die Inszenierung stammt ursprünglich von Eddy Habbema, der sich am 11. Oktober 2004 im Apollo Theater noch der Hauptdarstellerin Maike Boerdam, die von sich sagt, dass sie soviel wie möglich über Elisabeth gelesen habe, stellt die Kaiserin in ihrem Wandel von der 15jährigen Sissi bis zur 60jährigen Elisabeth überaus glaubhaft dar. Ihre Stimme wandelt sich auch von fast kindlichem Ausdruck mit wachsendem Selbstbewusstsein zu Kraft und Wohlklang. Zudem macht ihr blendendes Aussehen sie zu einer wahrhaften Kaiserin. Trotzdem beherrscht der aus der Ukraine stammende lyrisch-dramatische Tenor Olegg Vynnyk als Tod immer wieder die Szene. Obwohl von den Autoren als Popstar konzipiert, wirkt er mit seinem strahlend blonden Haar und in seinem schwarzen Mantel eher wie eine klassische Figur. Er gebraucht seine ausgezeichnete Stimme routiniert und verlässt sich nicht nur auf die Rockelemente seiner Partie. In der etwas schizophrenen Rolle des Lucheni, gleichzeitig Mörder, Entertainer und Kommentator, kann Carsten Lepper seine große Wandlungsfähigkeit in Gesang und Spiel demonstrieren. Ivar Helgasson, der den Kaiser Franz-Joseph spielt, überzeugt mit schöner Stimme, bleibt aber als Persönlichkeit blass. Aus dem ganzen Ensemble, in dem jede Rolle adäquat besetzt ist, ragt besonders die schöne, klassisch geschulte Stimme der Sophie, gespielt von Susan Rigvava-Dumas, heraus. „Elisabeth“ soll im Apollo Theater mindestens ein Jahr lang gespielt werden. Gelegentlich hört man auch, dass mit einer Laufzeit von zwei Jahren gerechnet wird. Dies wird allein der Ticketabsatz entscheiden. Die Show wird natürlich viele Freunde des Musicals nach Stuttgart locken. Aber es werden auch Leute kommen, die gern wissen wollen, was es mit der „wahren Geschichte der Sissi“ auf sich hat. Die gelungene Inszenierung und die Qualität der Darsteller wird sie schnell darüber hinwegtrösten, dass es mit der Wahrheit eben so eine Sache ist. Arthur H. Maute 8. März 2005 |