Am 17. Mai 2008 gab es in den Heilbronner Kammerspielen ein ganz besonderes Konzert, an dem die ganze Familie Kemmer beteiligt war. Es spielte nicht nur der musikalische Leiter des Heilbronner Theaters Klavier, Keyboard und Flöte, sondern mit dabei waren auch seine Frau, die Schauspielerin und Sängerin Cornelia Bielefeldt, und sein Sohn Philippe am Bass. Aus dem Heilbronner freien Orchester war der Konzertmeister Mihai Bulfinsky mit seiner Violine gekommen und am Schlagzeug saß Christoph Sabadinowitsch, ebenfalls aus Kemmers Orchester.
Zudem hatte Nicolas Kemmer einen ganz prominenten Gast geladen, den Bluesmusiker Rudy Rotta. Er hatte den Ausnahmegitarristen und Sänger vor 2 Jahren beim Jazz-Festival in Alassio kennen gelernt. Obwohl Blues nicht zu Kemmers Spezialgebieten gehört, wollte er unbedingt mit Rotta musizieren. Dieser, in Italien geboren, hat den Blues tief im Blut und in seiner Seele. Rotta begeistert sein Publikum nicht nur in Europa, sondern hat auch Fans in Amerika. Die Fachpresse feiert ihn als einen der besten Bluesmusiker.
Der Konzertabend begann zur Einstimmung mit drei Klaviersoli von Dave Brubeck, kräftig, bestimmt und mit einer starken linken Hand vorgetragen von dem Heilbronner Musikchef selbst. Er spielte „Blue Shadows in the Street“, „Blue Rondo a la Turk“ und „Strange Meadow Lark“.
Und dann kam auch schon Rudy Rotta, der gleich drei Gitarren mitgebracht hatte, darunter auch eine Akustikgitarre. Er versetzte das begeistert mitgehende Publikum mit Titeln aus der 2006 erschienen CD „Winds of Louisiana“ in Schwung. Allen wurde ganz heiß und das kleine, voll besetzte Theater brach unter dem gewaltigen Sound fast zusammen. Die Zuhörer gerieten schon jetzt fast aus dem Häuschen. So musste Kemmer gleich ankündigen, dass Rotta an diesem Abend ganz bestimmt nochmals wiederkommen werde.
Kaum war Rotta hinter den durch feine Projektionen von Karoline Seidelmann gestalteten Kulissen verschwunden, kehrte wieder ein wenig Ruhe ein. Violine und Klavier standen auf dem Programm. Kemmer begleitete seinen Konzertmeister Mihai Bulfinsky. Es gab den zweiten Satz „Blues“ aus der Sonate für Klavier und Violine von Maurice Ravel, die zwischen 1923 und 1927 entstanden ist. Sicher wollte der Komponist mit diesem Stück ursprünglich den an klassischen Programmen geschulten Zuhörer etwas aus der Ruhe bringen und Jazz-Elementen in seine Konzerte Eingang verschaffen. Bulfinsky spielte die Komposition sicher und gelassen. Danach wechselte Kemmer vom Flügel zur Flöte und demonstrierte, dass er auch dieses Instrument beherrscht. Bei „Roman Frescoes“ vom niederländischen, 1938 geborenen Jazz-Flötisten Chris Hinze wurde Kemmer von Bulfinsky auf der Geige und Kemmer junior am Bass begleitet. Bei der Komposition „Bourrée“ des Sängers, Flötisten und Gitarristen Ian Anderson rundeten Bass und Schlagzeug das Klangbild ab.
Nach der Pause gab es einen Abstecher ins Musical. Cornelia Bielefeldt sang „I Dreamed A Dream“ aus Claude-Michel Schönbergs „Les Misérables“ und „With Every Breath I Take“ aus „City Of Angels“ von Cy Coleman, einem der Lieblingskomponisten von Kemmer. Der Künstler erwähnte in seiner Moderation, die er von Anfang an ganz gelassen bestritt und so seiner Veranstaltung einen eigenen persönlichen Stempel aufprägte, er schätze, neben Leonard Bernsteins „West Side Story“, besonders die Bühnenwerke von Stephen Sondheim. Dabei stellte sich heraus, was für viele sicher neu war, dass Kemmer auch selbst Musicals schreibt. Aus seinem im Oktober 2001 in „seinem“ Le Café Théâtre im Kaffeehaus Hagen uraufgeführten Musical „Liz oder Mary“ brachte Cornelia Bielefeldt einen hübschen kleinen Ausschnitt. Vorher hatte sie noch zwei stimmungsvolle Stücke der berühmten Kanadierin Loreena McKennitt, „The Lady Of Shalott“ aus „Nights From The Alhambra“ und „Never-Ending Road“, vorgetragen.
Am Schluss der Veranstaltung kam Rotta, wie angekündigt, nochmals auf die Bühne, zunächst mit „Can't Find My Way Home“ von Steve Winwood und Peter Greens „Black Magic Woman“. Dann spielte er Titel aus seiner CD „Live in Kansas“. Die Gitarre wummerte, sang verführerisch und gleichzeitig aufreizend, und Rotta steppte mit der Handfläche den Rhythmus auf seinem Instrument. Das Publikum dachte überhaupt nicht ans Nachhausegehen und forderte eine Zugabe nach der anderen. Dabei überraschte die quasi neugegründete „Kemmer Band“ durch ihre Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Nur zwei „Pröbchen“ hatte es gegeben, ließ Kemmer wissen, und schon hatte seine Band ein R&B Repertoire, das sich hören lassen konnte.
Nicolas Kemmer würzte seine Moderation immer wieder mit kleinen Histörchen aus seinem Musikerleben. Da durfte auch Amüsantes aus der Zeit seiner Zusammenarbeit mit Giorgio Strehler am Théâtre Musical de Paris nicht fehlen, wo Strehlers berühmte Inszenierung der „Dreigroschenoper“ mit Milva entstand. So rundete der vielseitige Künstler mit seiner Familie und seinen Musikerkollegen das dreistündige Programm zu einem sehr persönlichen, besonders gelungenen Konzertabend ab.
Arthur H. Maute
18. Mai 2008