Die Premiere der deutschsprachigen Erstaufführung des Broadwayrenners fand am 21. März 2009 im Ronacher statt. Vera Stelzmayer hat sich die Vorstellung vom 23. April angesehen.
„Frühlings Erwachen“
in Wien
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Ehrlich, direkt und schonungslos
Intendantin Zechner hat eine der schrägeren und kantigeren Musical-Produktionen nach Wien geholt

Rasmus Borkowski als Melchior - Foto: © VBW / Oliver Hadji
Rasmus Borkowski als Melchior
Foto: © VBW / Oliver Hadji

„Frühlings Erwachen - Das Rock-Musical“ schafft es von der ersten Minute die Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Kaum ein Musical ist so kurzweilig wie dieses. Alle Akteure sind so gut wie immer auf der Bühne. Selbst die Band, unter der Leitung von Michael Römer, hat es sich dort regelrecht gemütlich gemacht. Gerade dadurch kann sie das Publikum aber fesseln und berühren.
   Das Bühnenbild von Christine Jones ist sehr einfach und sporadisch gehalten, was bei diesem Stück und der Kühle der Gesellschaft im 19. Jahrhundert sehr gut passt. Besonders hervorzuheben ist das tolle Lichtdesign von Kevin Adams, der es schafft, jede erdenkliche Stimmung auf die Bühne zu zaubern und so das Publikum auf eine spannende Reise mitzunehmen. Die erfrischend ehrliche, direkte und schnelle Inszenierung von Michael Mayer ist genau das, was das Drama von Frank Wedekind verlangt. Der Zorn und das Unverständnis der Jugend sind ebenso zu spüren wie die Engstirnigkeit und Strenge der Erwachsenen. Der Zuschauer ist zu vollster Aufmerksamkeit gezwungen, da auf der Bühne sehr viel gleichzeitig passiert.
   Die Liedertexte haben im Vorfeld Verwunderung ausgelöst und sind teilweise auf Ablehnung gestoßen, doch wenn man das Stück sieht und sich darauf einlässt, ist es absolut verständlich, dass über „So’n verficktes Leben“ oder „Im Arsch“ gesungen oder zur passenden Choreographie gerockt wird.

Überzeugendes Ensemble - Kein Einzelapplaus
   Besonders begeistern konnten Rasmus Borkowski als Melchior, Wolfgang Türks als Moritz, Senta Sofia Delliponti als Martha und die beiden Erwachsenen Julia Stemberger und Martin Haberger. Borkowski führt durch das Stück und ist sowohl schauspielerisch als auch stimmlich sehr gut. Wolfgang Türks mimt den Rebellen äußerst authentisch und kann nicht nur seine Musical-, sondern auch seine Rockstimme bestens zur Geltung bringen. Delliponti rührte mit dem Lied „Was sich nicht erzähl’n lässt“ zu Tränen. Die Verzweiflung eines Mädchens, das von seinem Vater sexuell missbraucht wird, ist so spürbar - einer der Höhepunkte des Theaterabends.
   Die beiden großartigen Erwachsenen Julia Stemberger und Martin Haberger stellten einen erschreckend guten Gegenpol zu der geballten, jungen Dynamik dar. Beide konnten schauspielerisch, mit jedem ihrer Charaktere, mehr als überzeugen.
   Auf der Bühne des Wiener Ronacher nahm ein Ensemble die Zuschauer mit in eine andere Welt. Diese Einheit und Kraft war teilweise so überwältigend, dass es nicht verwunderte, dass es zum Schluss keinen Einzelapplaus sondern nur ein gemeinsames Verbeugen gab.

Mehr davon!
   Die Vereinigten Bühnen Wien haben, unter der Intendanz von Kathrin Zechner, ein tolles Stück nach Österreich geholt. „Frühlings Erwachen“ ist kein typisches Musical, es ist viel mehr. Es wäre zu wünschen, dass sich Skeptiker und Kritiker nicht scheuen, sich dieses Bühnenwerk anzusehen, um sich so von der Vielfalt dieses Genres überzeugen zu lassen. Und den VBW kann man nur wünschen, mehr von diesen „schrägeren und kantigeren Produktionen“, wie Zechner sie nennt, auf Wiens Musicalbühnen zu holen und so auch wieder mehr und unterschiedliches Publikum anzulocken.

Vera Stelzmayer
2. Mai 2009