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Kritik
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Eine hinreißende Tanzshow in Schwarz

Noch bis zum 16. Dezember 2001:
"Fosse" in Hamburg


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   Tanzbegeisterte und Liebhaber des typisch amerikanischen Musiktheaters müssen sie unbedingt gesehen haben: "Fosse - Die Show". Im premierentheater Operettenhaus Hamburg läuft diese großartige Produktion seit dem 8. Juni 2001. Eine solche Kombination perfekter zeitgenössischer Choreographien zu fetziger Bigbandmusik wird so schnell nicht mehr zu sehen sein. Also nichts wie hin, auch wenn es sich absolut nicht um ein Musical im hergebrachten Sinn handelt. Aber es tut gut, statt der süßlichen Euro-Pop-Opern mal echte Broadway-Atmosphäre zu spüren. Die Produktion ist in Hamburg noch bis zum 16. Dezember zu sehen.
   Bob Fosse
war einer der kreativsten und eigenwilligsten Choreographen der letzten Jahrzehnte. Seine Tanzszenen sind unnachahmliche, meist groteske, aus der Musik entwickelte Situationen. Die in der Hamburger Show aus einzelnen Musicals, Filmen und Fernseh-Specials herausgepickten und zu einem Tanzabend kombinierten Ausschnitte zeigen Fosses typischen Stil und packen einen so, dass man glatt bedauert, nicht Tänzer geworden zu sein. Nicht umsonst hat Fosse insgesamt neun Tonys erhalten. Die wohl meisten Auszeichnungen, die ein Choreograph und Regisseur in einem Jahr jemals verliehen bekam, gab es 1973, nämlich zwei Tonys für das Musical "Pippin", einen Oscar für den Film "Cabaret" und gleich drei Emmys für die Fernsehproduktion "Liza with a Z".
   Die Original-Version der Show, wie könnte es auch anders sein, ist am Broadway entstanden. Sie wurde in beträchtlich modifizierter und gekürzter Form - nur eine Pause statt zweier Intermissions - übernommen, wohl weil man zu
"Fosse - Die Show" in Hamburg - Klicken zum VergrößernRecht glaubte, dem deutschen Publikum nicht zu viele Nummern eines doch sehr einheitlichen Tanzstils zumuten zu können. Und das ist vielleicht das einzige Manko dieses Tanzabends: Im Ablauf eines kompletten Theaterstücks oder Filmes wirken Fosses Choreographien als Höhepunkte, hier aber wird eine Tanzszene an die andere gehängt. Diese Szenen ähneln sich untereinander sehr, und sind deshalb für ein nicht so tanz- und Broadway-begeistertes und meistens von den anderen Stella-Produktionen geprägtes und eine Handlung erwartendes Publikum schwer zu verdauen. Ich muss zugeben, dass auch ich, obwohl ein alter Ballettfan, ein wenig enttäuscht, ja sogar irritiert war, als ich im Juni 1999 am Broadway zum ersten Mal die Originalversion - mit einem Vorspiel und drei Akten! - gesehen habe. Eine gewisse Eintönigkeit läßt sich nicht vermeiden, wenn man, wenn auch aus ganz verschiedenen Werken, immer nur die choreographischen Höhepunkte herausgreift. Die einzelnen Szenen wurden dabei, leider ohne eine klar ersichtliche Logik und Dramaturgie, zu einer Art Tanz-Varietéshow gekoppelt. Die Reihenfolge ist, wie man leicht feststellt, wenn man die Hamburger Version mit der Brodwayproduktion vergleicht, deshalb auch fast beliebig, und die Szenen sind austauschbar. Ist man mit Fosses Tanzstil noch nicht vertraut, muß man als Zuschauer wahrlich echte Lernarbeit leisten. In Hamburg merkte ich aber doch, dass ich wirklch dazu gelernt habe, denn beim wiederholten Erleben der Show, die ich dieses Mal wirklich genossen habe, erschien mir die mit Pause gerade mal zwei Stunden dauernde Vorstellung nun viel zu kurz. Es empfiehlt sich also für den Interessierten geradezu, die Show wenigstens zweimal anzusehen. Nur dann wird er zum wirklichen Verständnis von Fosses Kunst kommen und das Staunen darüber lernen.
   Kritisch anzumerken wäre, dass in "Fosse" zwar alles im Fosse-Stil außerordentlich "hot and sexy"
"Fosse - Die Show" in Hamburg - Klicken zum Vergrößernserviert wird, jedoch das eher Ernste und ganz besonders das Groteske überwiegt. Wenn bei dieser Show etwas fehlt, dann ist es echter Humor, der Fosse zwar häufig zugeschrieben wird, hier aber so gut wie nie wirklich in Erscheinung tritt. Denn auch den komisch gemeinten Szenen geht jene Leichtigkeit und Heiterkeit ab, die andere Choreographen, sei es im Musical oder im Jazztanz, ja sogar im klasssischen Ballett (als Beispiel genannt sei hier Heinz Spoerli) auf die Bühne bringen können.
   In diesem Sinn ergänzt die dunkle Szenerie die vorwiegend düstere Stimmung quasi adäquat. Nur in wenigen Szenen gibt es Farbe, wie z.B. in dem mehr gespielten und gesungenen, als getanzten "Big Spender" aus "Sweet Charity" oder dem abschließenden Höhepunkt des Abends, "Benny Goodman's Sing Sing Sing". Gleiches gilt für die Kostüme, die ebenfalls vorwiegend schwarz gehalten sind. Dabei wurden Bühne und Ausstattung von Santo Koquasto durchaus stilsicher entworfen. Die einzigen wesentlichen Elemente des Bühnenbilds sind zwei kleine, nach rechts und links wegdrehbare, varietéartige Bühnenportale, einige Stühle und ein langer Balken für die Girls in "Big Spender". Regie führt die Fosse-Kennerin Ann Reinking, die auch für die konzeptionelle Mitarbeit und Co-Choregraphie verantwortlich zeichnet. In scheinbar wehmütigem Rückblick auf den frühen Tod des Meisters, der 1987 im Alter von 60 Jahren starb, hat man also eine trotz swingender Musik eher melancholische Darbietung ausgebrütet.
   Fosses besonderer Tanzstil entsteht in dieser Show vor allem aus den Bewegungen des Oberkörpers, des Kopfes und der Arme, die durch die schwarzen Trikots oder Anzüge vor einem dunkeln Hintergrund noch unterstrichen werden. Bei den Herren heben sich vielfach nur Hände, Arme und Gesicht deutlich vor diesem Hintergrund ab. Zudem wird das Gesicht häufig durch Fosses Vorliebe für die Verwendung schwarzer Hüte noch ganz oder teilweise verdeckt. Bei den Damen gibt es etwas mehr Haut zu sehen, sei es im Dekollete und in der Rückenpartie, und natürlich mehr Bein, wenn
"Fosse - Die Show" in Hamburg - Klicken zum Vergrößernauch meist dunkel bestrumpft. Dabei werden auch die Tänzerinnen immer wieder mit den typischen Melonen ausgestattet. So wird also leider nur ein Teil der Besonderheiten von Fosses Bewegungen deutlich erkennbar: die Armarbeit, die nach unten abgeknickten Hände, das Rollen der Schulterpartie, die gespreizten Finger der oft nach oben gestreckten Hände, die "Teetassen-Finger", und das Spielen mit den Hüten. Die oft schwarzverhüllten Beine spielen trotz gelungener Beleuchtung leider eine wesentlich geringere Rolle, obwohl Fosse auch hier ungewohnte Posen, wie zum Beispiel die "gebrochenen Püppchenbeine" entwickelte. Besonders auffällig ist Fosses Vorliebe für eine Art von "Pas de Trois", eine Gruppierung von drei Tänzern, die in Kombinination mit den Besonderheiten der Arm- und Beinbewegungen den eigentlichen "Fosse-Stil" entstehen lassen. Schade, dass aufgrund der Bühnengegebenheiten dieser Stil nicht wirklich komplett studiert werden konnte. Hierzu müßte man die Künstler vor einem hell erleuchteten, weißen Hintergrund oder bei ihrer Arbeit im Ballettsaal beobachten können. Glücklicherweise hilft ein Blick ins Programmheft ein wenig, wo immerhin ein kleines Fosse-Lexikon abgedruckt ist.
   Etwas unbefriedigend war "Take Off With Us" aus dem Film "All That Jazz". Die Tänzerinnen treten in einer Art schwarzem Bikini auf, die Herren in einem Slip, zunächst drei Paare, ein heterosexuelles und zwei homosexuelle (schwul und lesbisch), zu denen sich dann weitere Gruppen von Tänzern gesellen. Fosse hatte laut Programmheft "Freude am Sex". Warum auch nicht? Nur waren die Darsteller, die zwar alle überdurchschnittliche tänzerische Leistungen erbrachten, in ihren Körperproportionen bei weitem nicht alle so perfekt und schön anzusehen, wie es eine solche "Nachtclubszene" eigentlich verlangen würde.
   Die Ensemble-Gesangsszenen sind alles in allem ausgezeichnet gelungen. Frederike Haas war gut bei Stimme, kam aber trotzdem nicht in allen Gesangszenen überzeugend über die Rampe, von ihren Tanzkünsten im Vergleich zum Rest des Ensembles ganz zu schweigen. Ihre Kollegin Julie Steincke überzeugte dagegen auf der ganzen Linie. Darren Gibson fehlte leider, die Rolle wurde alternierend von Mirko Battuello übernommen. In der Schlussszene interpretierten die ausgezeichneten Instrumental-Solisten mitten auf der Bühne Benny Goodmans Musik, und sorgten so für den abschließenden Schwung bei den Tänzern, und ernteten zu Recht tosenden Beifall.
"Fosse - Die Show" in Hamburg - Klicken zum Vergrößern   Am Rande sei noch bemerkt, dass bei der Gestaltung des Programmheftes lediglich auf Fotos der Broadwayversion zurückgegriffen wurde. Schon das identische Titelfoto auf dem New Yorker und dem Hamburger Programm deckte diese Mogelei auf. Es gab auch keine Abendbesetzungsliste, sondern nur die Erklärung des Programmverkäufers, die Besetzung sei ja doch immer dieselbe, was natürlich so nicht richtig ist. Wer immer auch dafür verantwortlich ist: das ist weder publikums- noch darstellerfreundlich. Zwar wurden die Namen der Darsteller am Ende der Vorstellung von einem Ansager heruntergerasselt, aber in einem Tempo, das nur ein Aufschnappen der wichtigsten Namen zuließ. Auch eine Rückfrage bei der Pressestelle von Stella konnte nicht weiterhelfen. Somit ist es hier auch nicht möglich, einzelnen der ausgezeichneten Mitwirkenden voll gerecht zu werden.
   Ungenaue Angaben in Programmen und falsche Bilder kennt man sonst meist von Tournee-Unternehmen. Eine gewisse Erklärung für diese ziemlich nachlässige Handhabung, die auch die im Foyer verkauften CDs betraf, die nicht einmal originalverpackt waren, brachte eine nachträgliche Recherche. Produziert wurde die Show nicht etwa von Stella Entertainment, sondern von SFX Back Row, einer Tochter der US-Entertainment-Firma SFX Theatrical Group, nach eigenen Angaben die "Number One Broadway Touring Company". SFX Back Row wurde nach Angaben von Stella inzwischen in Clear Channel Entertainment umbenannt. Stella ist also nur für die den Kartenverkauf und das Marketing von "Fosse" zuständig. Es ist damit zu rechnen, dass auch die weiteren Produktionen im Hamburger Premierentheater auf ähnliche Weise zustandekommen werden. Clear Channel betreibt in den USA mehr als 1000 Rundfunkstationen und 19 Fernsehsender. Allein im Jahr 2000 produzierte das Unternehmen über 25.000 Shows und Events. Die europäischen Aktivitäten werden von Clear Channel International (CCI) in London gesteuert.


Arthur H. Maute
9.9.2001

Kritiken und Berichte stellen grundsätzlich die Meinung des Autors, nicht die der MKV dar.

Fotos: Stella Entertainment
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