"Anatevka"
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| Chagalls träumender
Fiedler wacht auf und stürzt vom Dach in die Realität
des Komödienhaus-Gerümpels Anatevka in Heilbronn |
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Der
Vorhang ist offen und die Bühne des Heilbronner Komödienhauses,
auf der das Musical Anatevka gleich
beginnen soll, zeigt allerlei Gerümpel. Es sieht aus,
als ob die Szene erst eingerichtet wird. Ein mehrstöckiges
Gerüst umrahmt die Bühne, einige teilweise bemalte
Leinwandbahnen lassen einen an Marc Chagalls Gemälde
denken. Man erinnert sich: Der englische Titel Fiddler
On The Roof des Musical Plays von Jerry
Bock (Musik), Joseph Stein (Buch) und Sheldon
Harnick (Gesangstexte) wurde angeregt durch die in
Bildern von Chagall gelegentlich vorkommenden Fiedler. Im
Komödienhaus hängen die Malereien jedoch halbfertig und
schief an den Gerüsten. Ein Atelier? Oder zieht hier
jemand ein oder aus? Besonders irritierend: Vom Schnürboden
hängen zahllose Betten und Stühle herunter. Zeit, sich
über den Sinn oder Unsinn dieser Ausstattung zu machen,
hat der Zuschauer vor Beginn der Vorstellung genügend.
Den langjährigen Musicalgänger, der das Dorf Anatevka
schon oft und in vielen Varianten gesehen hat, schaudert
bei dem Gedanken, was ihn hier wohl erwarten wird.Doch es kommt viel besser als befürchtet. Die Schauspieler treten zwar in einer ziemlich lahmen Exposition zunächst wie Bühnenarbeiter in Tages- bzw. Arbeitskleidung durch den Zuschauerraum auf und ziehen sich erst auf der Bühne die Kostüme über nicht gerade eine Inszenierungsoffenbarung. Schließlich klettert Tevje, er allerdings schon in voller Montur, aus einer Kiste, und das Stück gewinnt langsam an Fahrt. Vergessen ist das Bühnenbild von Thomas Pekny und das Grübeln über seine Bedeutung, denn jetzt läuft die Handlung von Anatevka doch mehr oder weniger wie gehabt ab. Na, ein paar Mätzchen kann sich die Regisseurin Madeleine Lienhard nicht verkneifen. So pinseln und schmieren die Akteure aus teilweise unerfindlichen Gründen immer wieder auf irgendwelchen Leinwänden herum. Der Fleischer Lazar Wolf (Björn Dömkes) kleckst mit viel roter Farbe oder Tevjes Tochter Hodel malt ohne sichtbares Ergebnis Details auf ein Kulissenteil. Beschäftigungstherapie oder Psychoanalyse mangels anderer Ideen für storynähere Aktionen der Darsteller? Auch Tempo ist Lienhards Stärke nicht, so dass die Längen des Stücks Aufführungsdauer mehr als zweieinhalb Stunden voll zum Tragen kommen. ![]() Die Story des Milchmanns Tevje und seiner Familie basiert auf Geschichten von Scholem Alejchem. Das Geschehen in der jüdischen Gemeinde im ukrainischen Anatevka steht exemplarisch für die Situation der Juden am Ende des Zarenreichs kurz vor der Revolution 1905. Es sind gefährliche Zeiten, und der fröhliche Fiedler auf dem Dach kann, ja muss eigentlich abstürzen. Tevje und die Bürger Anatavkas nehmen die drohenden Gefahren, in denen sie schweben, einfach nicht zur Kenntnis. Mit den sich abzeichnenden Veränderungen ihres Lebens wollen sie sich nicht abfinden. Doch die Tradition, an der Tevje hängt (Tradition), bröckelt und sein Weltbild gerät ausgerechnet durch drei seiner Töchter ins Wanken. Er hadert ja schon immer ein wenig mit Gott, weil er sich nicht ganz gerecht behandelt fühlt, denn er ist arm, was zwar keine Schande, aber auch keine Ehre ist (Wenn ich einmal reich wär). Deshalb ist er auch erpicht darauf, einigermaßen begüterte Freier für seine fünf Töchter zu finden. Einen hat ihm die Heiratsvermittlerin Jente schon gebracht. Lazar Wolf möchte Tevjes Älteste Zeitel heiraten, und das, obwohl er ihr Vater sein könnte. Die Heiratspläne Lazars werden von Tevjes Frau Golde unterstützt. Natürlich wird daraus nichts, denn Zeitel hat sich schon für den Habenichts Mottel, von Beruf Schneider, entschieden. Trotz Zeitels Missachtung der Tradition willigt Tevje schließlich in die Heirat ein und überzeugt Golde durch die Erfindung eines abstrusen Traums. Auch die anderen beiden Töchter haben es nicht so mit der Tradition. Hodel will den armen Studenten Perchik zum Mann nehmen und folgt dem Revolutionär schließlich sogar nach Sibirien. Und Chava entscheidet sich für Fedja, den Russen, der, oh weh, zudem auch noch Christ ist, und gibt ihm heimlich das Jawort, worauf Tevje diesmal ernsthaft mit Gott hadert. Während die Familienbande sich nach und nach auflösen, kommt der Befehl des Zaren, dass alle Juden Anatevka innerhalb von drei Tagen verlassen müssen. Die jüdische Gemeinde wird in alle Winde zerstreut. Zurück bleibt der Fiedler und der Vorhang schließt sich. ![]() Das Stück steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit der Darsteller. Dem Heilbronner Ensemble gelingt es, den meisten Figuren des Stücks Profil zu verleihen. Dabei liegt die Stärke der Inszenierung eher in den leisen Tönen. Immer wieder gibt es bewegende Szenen, so Tevjes Zwiesprache mit Golde (Ist es Liebe) oder Hodels Abschied vom Vater (Abschied vom Elternhaus). Natürlich ragen alle Szenen mit Tevje heraus: Nicht nur das bekannte Wenn ich einmal reich wär, sondern insbesondere seine Erkenntnis, dass er der Liebe nicht im Wege stehen will (Monolog), oder seine Trauer über den Verlust seiner dritten Tochter Chava (Kleiner Spatz, kleine Chavaleh). Zum Glück verlangt Anatevka keine großen Gesangsstimmen, ist also besonders geeignet für ein Schauspielhaus. Michael Langer füllt die beherrschende Rolle des Tevje darstellerisch und gesanglich überlegen aus. Angelika Hart sieht für die Rolle der Golde vielleicht etwas zu jung aus, ist aber andererseits in ihren Dialogen mit Tevje durchaus glaubhaft. Andrea Köhler als Zeitel wirkt zwar für ein junges Mädchen ziemlich zopfig, passt aber dadurch recht gut zu dem einfach gestrickten Schneider Mottel von Luis Madsen. Fast zu bezaubernd sind Elke Borkenstein als Hodel und Anne Vonjahr als Chava. Die Heiratsvermittlerin Jente wird von der Grande Dame des Heilbronner Theaters Ingrid Richter-Wendel gespielt. Die zahlreichen kleineren Rollen werden von weiteren Mitgliedern des Hauses übernommen. Unter Ihnen ist auch der vielseitige Rolf Rudolf Lütgens. Ein wenig nerven die Auftritte Wolfgang Beigels, der in seiner Rolle als Wachtmeister mit NS-Attitude laut und unangenehm chargiert und in einer Gesangsszene noch den "Tenor" geben muss. ![]() Das Anatevka-Orchester ist in Heilbronn auf fünf Musiker reduziert. Trotzdem gelingt es dem Musikalischen Leiter Andreas Kohl, der auch für die Arrangements verantwortlich ist, den folkloristischen Charakter der Musik mit Akkordeon (Ralph Gscheidle) und Blasinstrumenten (Otto Karl Wagner) adäquat herauszuarbeiten. Der Fiedler, dessen Soli das ganze Stück durchziehen und beschließen, ist Mihai Bulfinski. Anatevka ist die letzte Produktion unter dem 73jährigen Intendanten Klaus Wagner, der Fiddler On The Roof zum Beginn seiner Heilbronner Intendanz im September 1980 in der Alten Kelter selbst inszeniert hat. Damals spielte übrigens Ingrid Richter-Wendel die Golde. Wagner geht Ende Juli in Ruhestand, scheidet aber im Streit von der Stadt Heilbronn. Vielleicht hat seine Frau Madeleine daher manches im Musical in anderem Licht gesehen, was sich dann konsequent in Bühnenbild und Inszenierung niederschlug. Arthur H. Maute 4. Juni 2003 |
Weitere Vorstellungen: 4., 6., 12., 14., 21., 25., 26., 27. Juni sowie 1., 2., 8., 9., 11., 12. und 14. Juli Kartenbestellung: Theater Heilbronn, Berliner Platz 1, D-74072 Heilbronn, Tel. 07131-563001, Fax. 07131-563139 |
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