Jürgen Heimann berichtet über die Entwicklung der deutschen Musicalszene

Bericht
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Der Starlight Express rollt weiter, die Stage-Holding ist Monopolist und die Titanic
geht in der Neuen Flora unter
Auf dem deutschen Musical-Markt sind die Karten völlig neu gemischt worden


Der „Starlight Express“ in Bochum steht weiterhin unter Dampf. Die Kohlen im Tender der Lok glühen und sollen auch künftig für genug Energie sorgen, um den Rollschuh-Intercity durch die Gegend brausen zu lassen. Die Zukunfts-Weichen stehen wieder auf Grün und signalisieren „Freie Fahrt“. Noch ist es offiziell nicht bestätigt: Die Erfolgsproduzenten Thomas Krauth und Michael Brenner sorgen dafür, dass der Hochgeschwindigkeits-Zug nicht ausgebremst wird.
   Im Sog der Stella-Pleite drohte das von den Publikumszahlen her gesehen erfolgreichste Musical der Welt aufs Abstellgleis rangiert zu werden. In quasi letzter Minute haben die Hausherren des Kölner Musical-Domes und des Düsseldorfer Capitol-Theaters jedoch die Notbremse ziehen und den fatalen Crash-Kurs ins Verderben stoppen können.
   In zwei Wochen werden Krauth und Brenner am Bochumer Stadionring den Fahrplan bestimmen. Bis dahin spielt das Ensemble quasi umsonst und verzichtet auf seinen Lohn. Gleiches gilt für alle übrigen Mitarbeiter vor und hinter den Kulisen. Das hat am Dienstag der WDR in seinen Abendnachrichten verkündet. Eine offizielle Bekräftigung, dass dem wirklich so ist, steht freilich noch aus. In Kürze wird aber ein Statement der beiden Impresarios erwartet.
   Bochum war quasi der einzige Stella-Standort, an dem die erstarkte Konkurrenz kein Interesse zeigte und dahingehend dankend abwinkte. Alle anderen Theater, die Neue Flora in Hamburg, wo Mozart am vergangenen Sonntag sein kurzes Leben aushauchte, das Musical-Theater am Potsdamer Platz in Berlin (dort zog „Der Glöckner von Notre Dame“ zeitgleich letztmals an den Seilen) sowie das SI-Centrum in Stuttgart mit seinen zwei Theatern standen von Anfang an auf der Begehrlichkeits-Liste der deutschen Statthalter des niederländischen Global-Players Joop van den Ende ganz obenan. Die Häuser fielen ihm und den Seinen quasi wie reife Äpfel in den Schoß.
   In der Hamburger Stresemannstraße wird die Stage im Dezember den Luxusdampfer „Titanic“ auf große Fahrt schicken und, zwangsläufig, im bühnengerecht aufbereiteten Nordatlantik untergehen lassen. Das Abba-Musical „Mamma Mia“ gilt schon heuer als Erfolgs-Faktor. Premiere auf der Reeperbahn ist im November. Graf Krolock beißt erwartungsgemäß auch künftig in Stuttgart - nur unter neuer Flagge. Und den unheimlichen Mann mit der weißen Maske, das „Phantom der Oper“, gedenken die niederländischen Ursupatoren, wie bereits von ihren Pleite gegangenen Vorgängern geplant, ebenfalls durch die ins Schwäbische verlegten Katakomben der Parier Oper geistern zu lassen - als Nachfolge-Produktion von „Cats“. Die Miezen haben ja am 30. Juni vis-á vis der Blutsauger ebenfalls zum letzten Male miaut.
   Offenbar scheint die Stage den Fähigkeiten und dem klaren Blick der bisherigen Künstlerischen Leitung in der Plieninger Straße nicht so recht zu trauen. Denn: Die neuen Machthaber haben, obwohl selbige längst abgeschlossen waren, neue Auditions fürs Phantom anberaumt. Also: Alles noch einmal von vorne. Die entsprechenden Callbacks waren längst erfolgt, jetzt müssen sich interessierte Künstler ein weiteres Mal vorstellen und bewähren – allerdings vor einer völlig neu zusammengesetzten „Jury“.
   Das wiederum muss nicht unbedingt von Nachteil sein. Denn: Zuletzt rangierte bei dem untergegangenen Stella-Dampfer „Vitamin B“ vor Leistung und Fähigkeit. In den zementierten Macht- und Entscheidungsstrukturen des versenkten Entertainment-Flaggschiffs blieb kein Raum für wirkliche Innovationen und personell schlüssige Verdikte. Top-Leute wurden gechasst, nur weil sie bestimmten Leuten an den entscheidenden Schaltstellen nicht genehm waren, mittelklassige Darsteller hingegen wurden hofiert und gefördert. Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein - und das ist gut so!
   Webbers Stubentiger sollen ihre Catsen-Streu ja nun an der Spree ausbreiten. Ihren Einstand geben die vermenschlichten Mäusejäger daselbst wohl schon im Oktober, um sich dann im Frühjahr vom „Wind of Change“ hinwegblasen lassen zu müssen. Das Scorpions-Musical, das den Mauerfall thematisiert, lauert schon in der Warteschleife.
   Diese Entwicklung wiederum durchkreuzt alle Pläne des populären und erfolgreich agierenden Produzenten-Gespanns Krauth und Brenner. Die beiden ließen ihren Tony Manero-Macho aus „Saturday Night Fever“ am 30. Juni im Kölner Dome auch letztmals hopsen – und wollten ihn ja eigentlich ab September in einer überarbeiteten Version am Potsdamer Platz die Hüften schwingen lassen. So war es mit Stella ausgemacht. Aber das ist Schnee von gestern - ebenso wie das Vorhaben, „Cats“ ab Anfang 2003 in Düsseldorf zu bespielen.
   Macht aber nichts. Der freigewordene Dome im Schatten des realen Doms am Kölner Rheinfluss schreit förmlich nach einer neuen Großproduktion. Eine solche wird hier spätestens im Frühjahr 2003 Einzug halten. (Zur Überbrückung hat sich unterdessen schon mal der „Geist der Weihnacht“ angekündigt). Welche internationale Erfolgsshow Scrooge und Co. nachfolgt, ist noch „geheime Kommandosache“. Aber Vieles deutet darauf hin, dass das Top-Musical „Jekyll & Hyde“, das weiland in Bremen floppte, aber in Wien nachhaltig toppte, hier eine neue Heimat findet.
   Mögen Thomas Krauth und Michael Brenner, gemessen an der globalen Finanz- und Lizenz-Power der Stage-Holding, auch in der zweiten Liga spielen, sie sind die einzigen unabhängigen deutschen Veranstalter, die der Dominanz der musicalischen Tulpen-Maestros im Rahmen ihrer Möglichkeiten noch etwas entgegen zu setzen haben. Sie sind der Stachel im Fleisch eines monopolistischen Giganten und sie beweisen seit Jahren immer wieder aufs Neue, dass Theaterbesessenheit und -Leidenschaft, gepaart mit einer gesunden, durchdachten Finanzstrategie und einer cleveren, ideenreichen PR-Ausrichtung dem Genre Musical stets aufs Neue Impulse zu vermitteln im Stande ist.

Jürgen Heimann
2. Juli 2002

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