Der Starlight Express in Bochum
steht weiterhin unter Dampf. Die Kohlen im Tender der Lok
glühen und sollen auch künftig für genug Energie
sorgen, um den Rollschuh-Intercity durch die Gegend
brausen zu lassen. Die Zukunfts-Weichen stehen wieder auf
Grün und signalisieren Freie Fahrt. Noch ist
es offiziell nicht bestätigt: Die Erfolgsproduzenten Thomas
Krauth und Michael Brenner sorgen dafür,
dass der Hochgeschwindigkeits-Zug nicht ausgebremst wird.
Im Sog der Stella-Pleite
drohte das von den Publikumszahlen her gesehen
erfolgreichste Musical der Welt aufs Abstellgleis
rangiert zu werden. In quasi letzter Minute haben die
Hausherren des Kölner Musical-Domes und des
Düsseldorfer Capitol-Theaters jedoch die
Notbremse ziehen und den fatalen Crash-Kurs ins Verderben
stoppen können.
In zwei Wochen werden Krauth und
Brenner am Bochumer Stadionring den Fahrplan bestimmen.
Bis dahin spielt das Ensemble quasi umsonst und
verzichtet auf seinen Lohn. Gleiches gilt für alle
übrigen Mitarbeiter vor und hinter den Kulisen. Das hat
am Dienstag der WDR in seinen Abendnachrichten
verkündet. Eine offizielle Bekräftigung, dass dem
wirklich so ist, steht freilich noch aus. In Kürze wird
aber ein Statement der beiden Impresarios erwartet.
Bochum war quasi der einzige
Stella-Standort, an dem die erstarkte Konkurrenz kein
Interesse zeigte und dahingehend dankend abwinkte. Alle
anderen Theater, die Neue Flora in Hamburg, wo Mozart
am vergangenen Sonntag sein kurzes Leben aushauchte, das
Musical-Theater am Potsdamer Platz in Berlin (dort zog Der
Glöckner von Notre Dame zeitgleich letztmals
an den Seilen) sowie das SI-Centrum in Stuttgart
mit seinen zwei Theatern standen von Anfang an auf der
Begehrlichkeits-Liste der deutschen Statthalter des
niederländischen Global-Players Joop van den Ende ganz
obenan. Die Häuser fielen ihm und den Seinen quasi wie
reife Äpfel in den Schoß.
In der Hamburger Stresemannstraße wird
die Stage im Dezember den Luxusdampfer Titanic
auf große Fahrt schicken und, zwangsläufig, im
bühnengerecht aufbereiteten Nordatlantik untergehen
lassen. Das Abba-Musical Mamma Mia gilt
schon heuer als Erfolgs-Faktor. Premiere auf der
Reeperbahn ist im November. Graf Krolock beißt
erwartungsgemäß auch künftig in Stuttgart -
nur unter neuer Flagge. Und den unheimlichen Mann mit der
weißen Maske, das Phantom der Oper,
gedenken die niederländischen Ursupatoren, wie bereits
von ihren Pleite gegangenen Vorgängern geplant,
ebenfalls durch die ins Schwäbische verlegten Katakomben
der Parier Oper geistern zu lassen - als
Nachfolge-Produktion von Cats. Die
Miezen haben ja am 30. Juni vis-á vis der Blutsauger
ebenfalls zum letzten Male miaut.
Offenbar scheint die Stage den
Fähigkeiten und dem klaren Blick der bisherigen
Künstlerischen Leitung in der Plieninger Straße nicht
so recht zu trauen. Denn: Die neuen Machthaber haben,
obwohl selbige längst abgeschlossen waren, neue
Auditions fürs Phantom anberaumt. Also: Alles noch
einmal von vorne. Die entsprechenden Callbacks waren
längst erfolgt, jetzt müssen sich interessierte
Künstler ein weiteres Mal vorstellen und bewähren
allerdings vor einer völlig neu zusammengesetzten
Jury.
Das wiederum muss nicht unbedingt von
Nachteil sein. Denn: Zuletzt rangierte bei dem
untergegangenen Stella-Dampfer Vitamin B vor
Leistung und Fähigkeit. In den zementierten Macht- und
Entscheidungsstrukturen des versenkten
Entertainment-Flaggschiffs blieb kein Raum für wirkliche
Innovationen und personell schlüssige Verdikte.
Top-Leute wurden gechasst, nur weil sie bestimmten Leuten
an den entscheidenden Schaltstellen nicht genehm waren,
mittelklassige Darsteller hingegen wurden hofiert und
gefördert. Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein - und
das ist gut so!
Webbers Stubentiger sollen
ihre Catsen-Streu ja nun an der Spree ausbreiten. Ihren
Einstand geben die vermenschlichten Mäusejäger daselbst
wohl schon im Oktober, um sich dann im Frühjahr vom Wind
of Change hinwegblasen lassen zu müssen. Das
Scorpions-Musical, das den Mauerfall thematisiert, lauert
schon in der Warteschleife.
Diese Entwicklung wiederum durchkreuzt
alle Pläne des populären und erfolgreich agierenden
Produzenten-Gespanns Krauth und Brenner. Die beiden
ließen ihren Tony Manero-Macho aus Saturday
Night Fever am 30. Juni im Kölner Dome auch
letztmals hopsen und wollten ihn ja eigentlich ab
September in einer überarbeiteten Version am Potsdamer
Platz die Hüften schwingen lassen. So war es mit Stella
ausgemacht. Aber das ist Schnee von gestern - ebenso wie
das Vorhaben, Cats ab Anfang 2003 in
Düsseldorf zu bespielen.
Macht aber nichts. Der freigewordene
Dome im Schatten des realen Doms am Kölner Rheinfluss
schreit förmlich nach einer neuen Großproduktion. Eine
solche wird hier spätestens im Frühjahr 2003 Einzug
halten. (Zur Überbrückung hat sich unterdessen schon
mal der Geist der Weihnacht angekündigt).
Welche internationale Erfolgsshow Scrooge und
Co. nachfolgt, ist noch geheime
Kommandosache. Aber Vieles deutet darauf hin, dass
das Top-Musical Jekyll & Hyde,
das weiland in Bremen floppte, aber in Wien nachhaltig
toppte, hier eine neue Heimat findet.
Mögen Thomas Krauth und Michael
Brenner, gemessen an der globalen Finanz- und
Lizenz-Power der Stage-Holding, auch in der zweiten Liga
spielen, sie sind die einzigen unabhängigen deutschen
Veranstalter, die der Dominanz der musicalischen
Tulpen-Maestros im Rahmen ihrer Möglichkeiten noch etwas
entgegen zu setzen haben. Sie sind der Stachel im Fleisch
eines monopolistischen Giganten und sie beweisen seit
Jahren immer wieder aufs Neue, dass Theaterbesessenheit
und -Leidenschaft, gepaart mit einer gesunden,
durchdachten Finanzstrategie und einer cleveren,
ideenreichen PR-Ausrichtung dem Genre Musical stets aufs
Neue Impulse zu vermitteln im Stande ist.
Jürgen Heimann
2. Juli 2002
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