L17: Logo der Rattenfängerstadt HamelnDer Rattenfänger in der vierten Saison

„Rats“ in Hameln
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Der Pfeifer flötet den Bisam-Blues: Den Ratten glückte ein Bilderbuchstart in die vierte Saison
In Hameln steppen bis September wieder jeden Mittwoch die Nager


B169: "Rats" in Hameln - Das Ensemble
Auf ein Neues: Mittwochs ist inzwischen wieder Ratten-Tag in Hameln. Dann gehen die Nager mit den langen Schwänzen wieder über den Jordan bzw. in der Weser baden – 130 Kinder verschwinden auf Nimmerwiedersehen. So will es die zur lokalen Historie kultivierte Sage. Ein gefundenes Fressen für die Bisams - und für den Fremdenverkehr. Welche Stadt kann denn schon mit einer solch schlagkräftigen, international bekannten Story aus dem Dunkel ihrer Geschichte aufwarten? Mit diesem Thriller sind die Verantwortlichen im Jahre 2000 auf den Musical-Zug aufgesprungen. Damals, im Vorfeld der Expo, krochen die „Rats“ erstmals aus ihren Löchern auf die (Freilicht-)Bühne der Hochzeitshausterrasse. Seitdem hat sich die Aufführungsreihe zum Publikumsmagnet gemausert und lockt pro Jahr zwischen 35 000 und 40 000 Besucher an. Anfang Mai wurde in der malerischen Hamelner Altstadt die vierte Staffel eingeläutet. Bis einschließlich September flötet der Pfeifer dort in Dur und Moll - jeweils mittwochs um 16.30 Uhr, und das zum Nulltarif. Mehr als 2 000 Gäste verfolgten die mit Spannung erwartete Premiere, die, wenn auch nicht inhaltlich, so doch personell Neues bot. Für die vierte Auflage waren die Karten in Punkto Ensemble noch einmal ganz neu gemischt worden.

B170: "Rats" in Hameln - Das Publikum

Spontaner Spielcharme
   Zur Festspiel-Philosophie gehört es, bei der Besetzung der Kinderrollen und Rattenfiguren ausschließlich auf Laiendarsteller zurück zu greifen. Dies vor allem auch deshalb, um den Aufführungen ihren originären, spontane Spielcharme zu erhalten. Und das glückt auch diesmal wieder. Alle diese Akteure haben nämlich einen persönlichen Bezug zu ihrer Stadt und sind mit der Rattenfängersage von der Wiege auf bekannt und verwachsen. Die Frontleute hingegen waren erstmals im Rahmen einer besonderen Auswahlverfahrens gesucht und ermittelt worden. Bei den Hauptrollen wollte man ausschließlich auf professionelle Kräfte bauen.B168: "Rats" in Hameln - Norbert Wolf als Pfeifer

Neuer Hauptdarsteller als Idealbesetzung
   Der Protagonist kommt in dieser Saison aus dem Rhein-Main-Gebiet. Norbert Wolf aus Neu-Isenburg verkörpert die Sagengestalt des „Pfeifers“ - und entpuppt sich als Glücksgriff. Der junge Entertainer mit der melodiösen, wandlungsfähigen Stimme und dem lockeren, ausdrucksstarken Spiel verzaubert scriptkonform nicht nur seine späteren Opfer, die er zum Osttor hinaus in eine verwunschene Höhle jenseits des Flusses lockt, sondern auch die Zuschauer. In den Augen der Macher, aber nicht nur in deren, ist er die Idealbesetzung und verleiht dem Part eine stärker, vokale Gewichtung als bisher.
   Frank Bahrenberg dürfte der überlieferten, gängigen Vorstellung vom echten Hamelner Bürgermeister des Jahres 1284 ziemlich nahe kommen. Er legt einen soliden, überzeugenden Job hin und beweist Gespür für die Nuancen seines Parts. Dieser Geizhals war schließlich schuld am Massen-Kidnapping, weil er dem Rattenjäger den versprochenen Lohn vorenthielt. Dessen Rache fiel, wie hinlänglich bekannt, furchtbar aus. Hörenswert wie immer auch Katrin Decker, ein Ensemblemitglied der ersten Stunde, als behindertes Kind. Und Bohdan-Artur-Swiderski erweist sich als schriller Ratten-König als weiterer personeller Joker. Die Rolle scheint ihm auf den Leib geschrieben.
Schlicht und unverkrampft, amüsant und kurzweilig
   Regisseur Willi Schlüter und Choreografin Anke Rettkowski haben die Geschichte mit einfachen Mitteln, aber nichts destotrotz dramatisch-spannend und auch mit Fingerspitzengefühl umgesetzt, ohne dabei freilich zu überziehen. Unverkrampft, zwanglos und mit leichter Hand inszeniert, erweist sich „Rats“ so als kurzweiliges, amüsantes Entertainment für die ganze Familie. Auch Nigel Hess, der eigens zur Premiere aus England angereiste Komponist, hatte seine Freude daran. Wer mehr erwartet oder versucht, hier Maßstäbe und Kriterien für kommerzielle, millionenschwere Produktionen anzulegen, hat nicht begriffen, um was es überhaupt geht. Das Projekt ist als Spielwiese für profilneurotische, besserwisserische „Musicalkritiker“ von eigenen Gnaden, die möglicherweise etwas zu früh von der Autobahn abgebogen sind, weil sie doch eigentlich nach Hamburg wollten, denkbar ungeeignet.

B171: "Rats" in Hameln - Norbert Wolf und Nigel Hess

Charmant und sympathisch
   „Rats“ will und kann nicht mit den Hochglanz-Inszenierungen in den Musical-Metriopolen konkurrieren, was bei Null DM Eintritt auch ernstlich keiner verlangen wird. Es bedient sich im Rahmen der gegebenen, weitestgehend über Sponsoring abgewickelten finanziellen Möglichkeiten der Stilmittel des Musiktheaters, um fremdenverkehrsfördernd ein Stück Stadtgeschichte zu reflektieren Und das geschieht auf charmante, sympathische Weise.
Mehr PS vor dem Marketing-Karren
   Es macht einfach Spaß zu verfolgen, mit wieviel Herzblut, Eifer und Spaß an der Freud’ die Akteure vor historischer Kulisse bei der Sache sind - ohne Ausstattungsbombast und viel Firlefanz. Da lassen sich auch über ein paar kleine technische Ton-Pannen, wie sie ja bei den Großen schließlich auch vorkommen, hinweg sehen. Dafür hat das Stück aber etwas, was andere nicht haben: Lokalkolorit. Die beeindruckende, mittelalterliche und gastfreundliche City von Hameln, rattenträchtige Originalschauplätze inklusive, ist an sich schon eine Reise wert, aber mit „Rats“ hat sich die Weserstadt neben den sonntäglichen Freilichtspielen noch mehr PS vor den Marketing-Karren gespannt, bringt es Verkehrsamtsleiter Harald Wanger auf den Punkt.
Forsche Texte, eingängige Melodien
   „Rats“ ist ein hörens- und sehenswertes Spektakel, das vor allem durch den unprätentiösen Reiz seiner Ursprünglichkeit besticht. Die Partitur ist eingängig und abwechslungsreich, die Texte sind forsch und teils respektlos. Das Stück bezieht seinen Zauber aus seiner hereditären Schlichtheit. Da wirkt nichts gestelzt und maniriert, nichts affektiert oder gar geschraubt-pathetisch. Ein Happening mit hohem, generationsübergreifendem Spaß- und Unterhaltungsfaktor.

Christine Krentscher
23. Mai 2003

Fotos: Detlef Krentscher

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