J.C.
Leiden und Kreuzigung eines Superstars in der
Hersfelder Stiftsruine
Am
Freitag Premiere: Alle 22 Shows seit Wochen ausverkauft
In den vergangenen drei Jahren
hatten die Bad Hersfelder auf eine Provinzschönheit
namens Eva Duarte gesetzt, die es mit
berechnendem Ehrgeiz bis zur First Lady an der Seite des
argentinischen Diktators Juan Perón brachte und
dort als Evita die Massen bezauberte
bis der Krebs ihr 33-jährig 1952 die rote Karte
zeigte. Gemessen an jener schillernden Persönlichkeit,
die in diesem Jahr in der 1000-jährigen Stiftsruine im
Mittelpunkt steht, ist die historische Bedeutung der
Blondine nachgerade lächerlich gering: Jesus Christus.
Leben, Wirken und Tod beider haben den britischen
Musical-Papst Sir Andrew Lloyd Webber zu zwei
eindrucksvollen Rock-Opern inspiriert. Und die haben, wie
die ihnen zugrunde liegenden Titelfiguren, bis heute
nichts von ihrer Faszination eingebüßt. 2002 nun
präsentieren die Nordhessen im Rahmen der 52.
Bad Hersfelder Festspiele das
unkonventionelle und zur Zeit seiner Entstehung
kontrovers-diskutierte Frühwerk des Komponisten, der dem
Religionsgründer des Abendlandes nebenbei noch das
Attribut Superstar verpasste.
Als ein solcher mit internationalem
Format galt und gilt auch Helen Schneider, die
als Evita drei Spielzeiten hintereinander
Deutschlands schönstes und größtes Freilichtheater
füllte. Exakt 112 682 Zuschauer fanden alleine in der
letzten Saison den Weg in diese grandiose zur
Festspielarena umgebauten Sakral-Ruine. (Sie war in ihrer
Blütezeit der größter romanische Kirchenbau nördlich
der Alpen, ehe im Jahre 1761 ein Feuer dieses imposante
Gemäuer zerstörte). Bereits heuer steht fest, dass
diese Besuchermarke auch 2002 wieder locker erreicht
wird. Dazu dürften neben allen anderen Aufführungen und
Konzerten auch die 22 Shows von Jesus Christ
Superstar beitragen, die bereits allesamt
restlos ausverkauft sind, und das seit Monaten. Premiere
ist übrigens am morgigen Freitag.
Der frühe Run auf die begehrten
Tickets mag nicht alleine durch das Stück ausgelöst
worden sein .J.C. wird eigentlich
ständig irgendwo in Deutschland auf die Bühne
gebracht. In Bad Hersfeld erweisen sich neben
dem stimmungsvollen Ambiente der Spielstätte stets auch
die großen Namen auf der Besetzungsliste als Zugpferde.
Und in dieser Beziehung waren die Verantwortlichen um
Intendant Dr. Peter Lotschak auch diesmal wieder
auf der sicheren Seite. Sie konnten einige der
populärsten Künstler der europäischen Musical-Szene um
sich scharen.
Mozart als Jesus, Valjean als Herodes
Allen voran Mozart
himself, Yngve Gasoy-Romdal. Der
norwegische Top-Star, der sowohl in Wien als auch in
Hamburg so unnachahmlich das rebellische Genie mit den
Rastalocken verkörpert(e), steht in Bad Hersfeld als
Titelfigur auf der Bühne. An seiner Seite ein nicht
minder leuchtender Stern des internationalen
Musiktheaters Miss. Velma Kelly:
Anna Montanaro darf als Maria-Magdalena eine
bislang völlig unbekannte Facette ihrer Persönlichkeit
zeigen. Diese Personal-Konstellation allein verspricht
schon ziemlich spannend zu werden.
Und da wäre ja auch noch ein gewisser Reinhard
Brussmann, der ebenfalls, und das seit Jahren, zu
den wirklich ganz Großen der Branche zählt. Spätestens
seit er in Wien bei Les
Misérables als Valjean auf den
Brettern stand, wofür er mit dem Publikumspreis
ausgezeichnet wurde, ist er hierzulande ein Begriff.
Diese Rolle spielte der Mann auch in Duisburg
und glänzte ferner als Petruccio/Fred Graham in
Kiss me, Kate. In Bad Hersfeld
obliegt diesem Multitalent der Part des Herodes.
Der Amerikaner Jimmie Earl Perry (Starlight
Express) gibt sich als Pilatus die Ehre,
während der Brite Nigel David Casey (Starlight
Express, Saturday Night Fever,
Cabaret) als Judas die wohl
anspruchsvollste Rolle des Stücks bekleidet.
In jeder Beziehung auf der sicherern Seite
Auf der sicheren Seite ist
aber auch das Publikum - wettermäßig betrachtet. Sollte
es regnen, lässt sich binnen weniger Minuten ein 1 400
Quadratmeter großes Regendach ausfahren, das das 1 600
Menschen fassende Auditorium überspannt. Dass das
Kartenkontingent bereits seit langem vergeben und
ausgeschöpft ist, mögen viele Fans bedauern. Tickets
lassen sich allenfalls noch auf dem
Schwarzmarkt ergattern - hier natürlich zu
mächtig überzogenen Preisen. Es empfiehlt sich, ab und
an, bei eBay vorbeizuschauen.
12.6.2002
Jürgen Heimann
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grundsätzlich die Meinung des Autors, nicht die der MKV
dar.
Fotos:
Stefan Odry und Jürgen Heimann
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