Kritik
der Premiere im Kölner Musical Dome am 16. März
2003 |
Jekyll
& Hyde |
Das Horror-Spektakel kehrt
nach Deutschland zurück diesmal mit Yngve Gasoy-Romdal
in den Kölner Musical Dome |
Am Ende der Vorstellung reißt es das Publikum von den Stühlen. Es ist, als wäre auf der Bühne Miami Nights gegeben worden, das atemberaubende Tanzmusical, das mit unglaublichem Erfolg nach wie vor in Düsseldorf läuft. Doch der Anlass zu dem aufbrandenden Begeisterungssturm ist keine fröhliche Show mit erfolgreichen Schlagern, sondern die effektvoll in Szene gesetzte Horror-Pop-Oper Jekyll & Hyde mit einer Handlung voller Bosheit und Verzweiflung, Mord und Totschlag. Das Musical, das schon 1999 in Bremen seine deutsche Erstaufführung hatte, damals unter der Leitung des gleichen Kreativteams, wurde dank der Zusammenarbeit von Thomas Krauth und Michael Brenner mit den Vereinigten Bühnen Wien jetzt in den Musical Dome nach Köln geholt. Das Stück geht zurück auf eine Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Novelle des Schotten Robert Louis Stevenson (1850-1894), die vom Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde handelt. Der Schriftsteller erzählt den seltsamen Fall in zehn knappen Kapiteln und leitet das unheimliche Geschehen der Persönlichkeitsspaltung durch Drogen aus dem schon früh im Charakter des Dr. Henry Jekyll angelegten Zwiespalt zwischen bürgerlicher Wohlanständigkeit und dem Interesse an weltlichen Genüssen ab. Die Handlung spielt in einer reinen Männerwelt. Nur drei Personen
sind wichtig: Jekyll/Hyde mit seinen beiden
Freunden, dem Anwalt Utterson und der
medizinischen Kapazität des Dr. Lanyon. Die
einzige Frau, die vorkommt, ist ein Dienstmädchen, das
den Mord an einem Parlamentsmitglied namens Carew
beobachtet.Die Autoren des Musicals Jekyll & Hyde (Musik: Frank Wildhorn, Buch und Liedtexte: Leslie Bricusse) wollten offensichtlich auf keinen Fall eine psychologisch motivierte Studie á la Stephen Sondheim schaffen. Sie haben sich durch die unzähligen Horrorfilme zum Thema inspirieren lassen und sich einen umfangreichen Mix an Zutaten zur Originalstory ausgedacht. So glückte es ihnen in der Tat, einen musikalischen Reißer zu schaffen. Vom ursprünglichen Handlungspersonal bleiben neben der multiplen Hauptperson allerdings nur noch Jekylls Freund Utterson und sein Diener Poole übrig. Der Parlamentarier Carew mutiert zu Jekylls Schwiegervater in spe und aus Dr. Lanyon wird gleich eine ganze Hospitalkommission. Liebe und Sex dürfen nicht fehlen, und so gibt es als weitere Ingredienzien Jekylls Braut Lisa und die Prostituierte Lucy. Der aristokratischen Welt werden darüber hinaus noch die armen Schlucker aus Londons Unterwelt gegenüber gestellt. Als Motivation für die Experimente, die Jekyll an sich selbst vornimmt, dient sein kranker Vater, der in einem Hospital geistesgestört dahinvegetiert und stirbt. Der einzige Mord, den Stevenson in seiner Erzählung schildert, geschieht aus abgrundtiefer Bosheit, die zahlreichen Morde im Musical sind dagegen eine Bestrafung von Mitgliedern der heuchlerischen Gesellschaft, von der sich Jekyll/Hyde umgeben sieht. So wirkt die Handlung doch ein wenig wie eine Moritat.
Einen Hauptanteil am Publikumserfolg hat sicher die Bühnentechnik, die, fast filmisch rasant geschnitten, durch schnelle, gespenstisch geräuschlose Umbauten stetig von einem Bild zum andern führt, durch Heben, Senken und Neigen des Bühnenbodens, durch die Öffnung des Hintergrunds und das Hin und Her der seitlichen Bühnenwagen. Das Bühnenbild (Johannes Leiacker) ist eine eindrucksvolle Mischung aus moderner, sehr kalt wirkender, abstrakter Laboratmosphäre, das sich immer wieder zu Szenerien öffnet, die verschiedene Aspekte des viktorianischen Zeitalters andeuten, sei es in Lisas Elternhaus, sei es in der Roten Ratte, wo sich die Mädchen der Nacht darbieten. Eindrucksvoll ist auch eine Treppe, die sich quer über die Bühne erstreckt und sich komplett mit den Darstellern auf und ab bewegen lässt. Der optische Höhepunkt aber wird erreicht, wenn sich quasi die Tür zu Jekylls geheimnisvollem Labor auftut und sich mit Hilfe beindruckender Lichteffekte (Lichtdesign Hans Toelstede), mittels Slimlights und Laserbündeln, zu einem psychedelischen Raum öffnet, in dem Jekyll/Hyde wie gekreuzigt schwebt, ein psychischer Raum, der nur in einem wahnsinnigen Kopf existieren kann, der in seinen Konturen auch immer wieder im Bühnenbild in Erscheinung tritt. Die Darsteller allerdings gehen in der überbordenden Szene oft fast unter (Inszenierung Dietrich Hilsdorf). Vergleicht man allerdings mit der unbefriedigenden New Yorker Version des Musicals, das am 28. April 1997 am Broadway Premiere hatte (Kommentar vom 20.12.1997), so hat es sich aber doch gelohnt, auf eine wirklich adäquate Inszenierung wie die Kölner Version zu warten.
Frank Wildhorns Musik ist eindrucksvoll. Der Komponist verlässt sich im wesentlichen auf seine publikumswirksamen balladesken Songs (Tempobezeichnungen wie Slow, Moderately Slow und Moderately überwiegen) und ein paar Chöre. Das von dem routinierten Koen Schoots geleitete 16-köpfige Orchester gibt die Kompositionen gekonnt und mit hoher Spannung wieder. Leider sind die Arrangements stark Keyboard- und Bass-lastig, und darüber hinaus ist der ziemlich harte Sound aufgrund der durchweg extremen Lautstärke (Tondesign Cedric Beatty) manchmal schwer erträglich. Außerdem haben die Protagonistinnen unter unausgeglichener Aussteuerung des Tons zu leiden, die sich besonders auf die mittlere Stimmlage auswirkt und sie schrill klingen lässt. Ein Glücksfall jedoch ist Yngve Gasoy-Romdal in der Rolle des Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Er läßt darstellerisch und gesanglich keine Wünsche offen. Glaubhaft ist er als Doktor, der gegenüber der übermächtigen Kommission, die seine Experimente ablehnt, selbstsicher aufbegehrt, und mit elastischen Schritten zu seiner zeitweise ziemlich vernachlässigten Verlobten eilt, dann aber nach den wiederholten Verwandlungen in sein Alter ego immer niedergeschlagener und verängstigter wirkt. Ebenso glaubhaft ist er, wenn er nach der Verwandlung - nur durch Öffnen der Haare und Veränderung der Haltung - als irrer Rächer Edward Hyde durch das Stück schleicht, einen Mord nach dem anderen begeht, und zwischendurch nach Lucy aus der Roten Ratte giert. Nicht nur in den Songs Ich muss erfahren (I Need To Know), Dies ist die Stunde (This Is The Moment) und der Konfrontation, in der sich Jekyll und Hyde gegenseitig bekämpfen, setzt er seine äußerst wandlungsfähige Stimme ein. Er ist der Doppelrolle in allen Anforderungen gewachsen und beweist, dass er einer der großen europäischen Musicalsänger ist. Anna Montanaro glänzt nicht nur als ordinäre Ratte Lucy mit Schafft die Männer ran (Bring On The Men), sondern berührt auch mit dem sehnsuchtsvollen Jemand wie Du (Someone Like You). Nicole Seeger als Jekylls Verlobte Lisa bringt das schöne Lied Da war einst ein Traum (Once Upon A Dream) gut zur Geltung. Auch alle anderen Rollen sind ausgezeichnet besetzt. Das Horror-Spektakel, das am letzten Sonntag vom geladenen Publikum mit Standing Ovations begrüßt wurde, ist in jedem Fall eine Reise nach Köln wert. Arthur H. Maute 20. März 2003 ![]() |
|
Fotos: Musical Dome, Köln |