"Kiss Me Kate" in Frankfurt - Logo"Kiss Me Kate" in der Frankfurter Komödie

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„Kiss Me Kate“
in Frankfurt
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Mit „Kiss Me Kate“ hat die Frankfurter Komödie gezeigt, wie mitreißend, ursprünglich und lebendig Musiktheater sein kann
Große magische Musical-Momente in einem kleinen Haus: Wo der Künstler die Technik als eigentlich verzichtbar entlarvt

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In der Frankfurter Komödie hat sich am Sonntagabend in der Verlängerung nach rund 70 Vorstellungen das küssende Käthchen verabschiedet. Das Haus in der Neuen Mainzer Straße hat mit Cole Porters unsterblicher Musical-Comedy (Start war am 24. Januar) parade-beispielhaft vorexerziert, wie man einen solchen weltweit nicht klein zu kriegenden, aber leider oft verhunzten Klassiker eben auch inszenieren kann. Es hat in der fast 60-jährigen Geschichte dieses 1948 am Broadway uraufgeführten Stücks weltweit unzählige Fassungen und Versionen gegeben, pompöse und schlichte, verunglückte und peinliche. Die Frankfurter jedoch haben bewiesen, wie man mit relativ bescheidenen Mitteln wirklich Großes zaubern kann.
   Was dem Publikum in diesem kleinen und intimen, nur knapp 400 Personen fassenden Saal an voller Packung „Kiss me, Kate“ aufgetischt wurde, war Musik-Theater pur – bestechend und faszinierend in seiner ursprünglichen, unmittelbaren Direktheit – mitreißend, lebendig, originell und energiegeladen. Und das sind sie plötzlich wieder, jene immer seltener werdenden und fast schon verloren geglaubten wahrhaft „magischen“ Theatermomente, die den Besuchern in den gigantischen und hochgerüsteten Musentempeln der Moderne leider oft genug vorenthalten bleiben – eben weil sie zugedröhnt und zugeblitzt werden. Solche Augenblicke sind rar geworden, weil sie unter all dem Bombast und technischen Schnickschnack, wie er heute üblich ist (und scheinbar auch verlangt wird) ersticken.
   Theater-Magie
   Aber es gibt sie noch – Gott sei Dank. In Mainhattan war das natürlich (auch) ein Verdienst von Intendant und Regisseur Claus Helmer – aber nicht nur. Im Gegensatz zu den meisten millionenschweren, techniküberfrachteten Hochglanzproduktionen mussten es hier die Künstler alleine herausreißen.
   Es gab keinen doppelten Boden, keine Trickkisten, keine "Kiss Me Kate" in Frankfurt - Hardy Rudolz und Petra Constanza - Klicken für Vergrößernlasergesteuerten Lichtkanonen, Nebelmaschinen, Spotlight-Verfolger, imposante, sich wie von Geisterhand bewegenden Kulissenelemente, Hub- und Drehpodien oder Illusions-Artillerie, die davon hätten ablenken können, sollte einmal jemand auf der Bühne patzen. Hier war alles Handarbeit. Und der (meist unverzichtbare) Mann am Mischpult, der vokale Schwächen, Überdreher oder Verschlucker hätte mit dem Schieberegler ausmerzen können, war gar nicht erst angeheuert worden. Das Ensemble sang „unplugged“, ohne Mikro und Verstärkung – Auge in Auge mit dem Publikum, von diesem in der vordersten Reihe nur Zentimeter entfernt und durch keine Barriere getrennt. Unwillkürlich mögen die Besucher in ersten Sitzplatz-Parkett die Köpfe eingezogen haben, wenn Petruccio mal wieder die Peitsche schwang.
   Und das „Orchester“ bestand gerade mal aus zwei Musikern – zwei brillanten Pianisten, die alleine durch ihr intensives, dichtes und einfühlsames Spiel schon eine unglaublich fesselnde Atmosphäre erzeugten. Vor allem auch durch diese sparsame Instrumentierung entfaltete das Geschehen einen Teil seiner vollen, faszinierenden Beschwingtheit. Mehr virtuose (Wo)Men-Power war wirklich nicht nötig – und hätte auch gar keinen Platz gefunden.
   Wo sich die Spreu vom Weizen trennt: So manch gefeierter Top-Star der Musical-Szene hätte unter diesen Voraussetzungen eine schlappe Figur gemacht – oder wäre erst gar nicht angetreten. Die Cast war (zahlenmäßig) klein, aber ver- und erlesen. Und sie verpasste dem Stück durch ihr unverkrampftes, enthusiastisches und schwungvolles Agieren Drive, Würze und Authentizität. Ohne die durchgehend tadellose Leistung aller anderen schmälern zu wollen: Die dominierende und alles beherrschende Persönlichkeit auf der kleinen Bühne hieß auch hier (erwartungsgemäß) Hardy Rudolz. Man stelle diesen Mann in ein Fußballstadion, auf einen Marktplatz, in ein kleines Varieté oder auf eine Stadthallenbühne. Egal: Das Publikum tobt! Diesen begnadeten Vollblutkünstler einmal als Graf von Krolock oder Mr. Hyde erleben zu dürfen, wäre ein Traum . . .
   Hardy Rudolz: (Top-) Mann für alle Fälle
   Auch in Frankfurt war es nicht nur der Ruf dieses Top-Darstellers allein, der der Produktion Glanz verlieh. Mögen viele Kollegen auch vom "Kiss Me Kate" in Frankfurt - Hardy Rudolz - Klicken für Vergrößerung(verblassenden) Ruhm vergangener Tage zehren, dieser Kerl hat das nicht nötig. Er überzeugt und verblüfft durch seine aktuellen Taten immer aufs Neue. Bislang u.a. als Opern-Phantom, Inspektor Javert (keiner hat diesen gnadenlosen Law & Oder-Bullen aus „Les Misérables“ bislang so glaubhaft rübergebracht wie er), „Valjean“ oder Juan Perón („Evita“ ), immer auf ernste Rollen abonniert, konnte er in „Kiss me, Kate“ als Fred Graham/Petruccio erstmals seine komödiantische Bandbreite voll ausspielen. Das tat er auch, und wie.
   Ob sich das in den großen, wohl einstudierten Posen offenbarte, oder dies in den kleinen, augenzwinkernd servierten Gesten am Rande auf- und durchblitzte, Hardy war neben seiner temperamentvollen, vokalstarken Partnerin und langjährigen Freundin Petra Constanza (Lilli Vanessi/Käthe), die stimmliche und optische Trumpf-Karte des gesamten Projekts. Er zeichnete ganz nebenbei auch für die pfiffige Choreografie verantwortlich.
Und wenn er sich dann improvisierend durch die Zuschauerreihen hangelte, um mit diesem oder jenem ein Schwätzchen zwischendurch zu halten, waren die lautstarken Lacher im Auditorium zwangsläufig und langanhaltend. Das Bad in der (kleinen) Menge wirkte auch nicht aufgesetzt oder script-konform, sondern schien aus einer augenblicklichen Laune des Künstlers zu erwachsen. Es war eines von vielen weiteren kleinen stimmungsvollen und vergnüglichen Details dieser außergewöhnlich charmanten Inszenierung.
   Die beiden Ganoven Robert Lenkey und Hans Zürn erwiesen sich als solche einfach brillant. Laurel & Hardy hätten von ihnen durchaus noch was lernen können. Joanne Bell als Hattie, die Garderobiere, bestach durch ihre volltönende, voluminöse Gospel- und Jazz-Stimme ebenso wie durch ihr forsches, komisches und exzessives Spiel. Eine Idealbesetzung! Selbst die kleineren Parts, so unter anderem die der beiden Freier Hortensio (Mario Mariano) und Gremio, wurden optimal bedient. In der Rolle des letzteren sah man in Frankfurt Alex Friese wieder, den Spiderman aus „Jekyll & Hyde“ in Bremen.
   Klaus Jaegel als liebeswütiger Harrison Howell, verlieh der Figur des schon leicht senilen und tattrigen Spät-Hochzeiters ganz neue Facetten. Jeder im Saal merkte sofort, dass er mit einem Vollblutweib namens Lilli Vanessi als Ehefrau an seiner Seite sein „potenz“-ielles Waterloo erleben würde, nur er nicht. Klasse! Aber auch alle anderen in und auf dem Bühnen-Boot, ob nun Joseph Saxinger (Baptista), Christine Richter (Ann Lane/Bianca) Klaus Seifert (Bill Cahoun/Lucentio), Anna Maria Calabro (Anna), Markus Exner (Paul/Inspizient) oder Jürgen Amonath (Ralph), erwiesen sich als gute und erste Wahl.
   „Kiss me, Kate“ ist ja nun als musikalische Komödie an- und ausgelegt. Trotzdem gab es bislang nur wenige deutschsprachige Produktionen dieses Porter’schen Meisterwerkes, die wirklich so vergnüglich, leicht, froh und flockig dahergekommen sind. Statt müdem Schmunzeln von Herzen kommende Lacher. So muss es sein! Schade, dass es vorbei ist!

Jürgen Heimann
22. April 2002

Fotos: Frankfurter Komödie und Jürgen Heimann
22. April 2002
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