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Geschafft haben sie es bestimmt, die
Macher: das Ziel nämlich, ein ganz besonderes Event
nicht nur für das deutsche Publikum, sondern ganz
besonders für die internationale touristische Welt zu
kreieren, die den Königswinkel bei Füssen in Zukunft
wohl nicht nur wegen der Schlösser aufsuchen, sondern im
Mehrfachpack der Reiseunternehmer auch gleich einen
Theaterbesuch mitbuchen wird. Das Musical "Ludwig
II. Sehnsucht nach dem Paradies" hatte am
7. April erfolgreich Premiere im Musicaltheater
Neuschwanstein und ist gekonnt ganz auf den gemischten
Geschmack des zu erwartenden Publikums zugeschnitten. Ein
"touristisches Gesamtkunstwerk" ist entstanden,
das den Charakter einer riesigen Andenkenbude hat, die
architektonisch durchaus gelungen, alles bietet, was das
Touristenherz begehrt, vor allem natürlich Essen und
Trinken, CDs, Bücher und Souvenirs, und sogar einen
Fotografen, der die Besucher in alte Kostüme steckt.
Eigentlich fehlt nur noch, dass Neuschwanstein selbst in
dem Musicaltempel besichtigt werden kann. Aber es ist ja
über dem Forggensee hell erleuchtet zu erblicken, und
außerdem kommt es ja immerhin teilweise in den bunten
Bildern der Musicalbühne des fast 1400 Besucher
fassenden Theaters vor. Dieses ist einem nie realiserten
Entwurf von Semper und dem Festspielhaus in Bayreuth,
übrigens mit fast so spartanischen Sitzen,
nachempfunden.
Aber ist es nicht durchaus legitim, den
vielen anreisenden Amerikanern oder Japanern etwas
"typisch Deutsches" zu bieten, sich also so eng
wie möglich an den Ludwig- und Königschlösser-Rummel
mit seinen Kitschprodukten anzuhängen und das
Merchandising, noch mehr als sonst üblich, ganz in den
Vordergrund zu stellen. Und dass beispielsweise ein
US-Bürger nun wirklich nicht gerade Produktionen sehen
und Musik hören will, die lediglich aus seinem eigenen
Land importiert sind, haben die Bauherren und Produzenten
klar erkannt.

Das zu diesem Zweck entstandene und die
touristische Zielsetzung bestimmt voll erfüllende
Bühnenprodukt enthält für mich alle bekannten
Klischees einer Operette. Der neu geprägte Begriff
"Classic-Musical" soll wohl den etwas
verstaubten Namen "Operette" ersetzen. Neben
dem für diese Musiktheatergattung typischen Handlung mit
einem seriösen Paar (Sissi und Ludwig) und
dem obligatorischen komischen Paar (Sophie und Hanfstaengl)
gibt es eine Reihe von genretypischen lustigen, oder
wenigstens lustig gemeinten, Einlagen. Manche haben doch
tatsächlich einen Zusammenhang mit der eigentlichen
Handlung. Die meisten wirken jedoch eher aufgesetzt und
haben den Charakter von Zirkusnummern. Eigentlich fehlte
nur das varietéübliche Nummerngirl, dessen Funktion
allerdings am Anfang, später nur gelegentlich, und am
Ende nicht mehr ganz konsequent, von drei "schwarzen
Nymphen" übernommen wird.

Da ist die endlos lange Schlittenfahrt des Königs mit
"echt lebendigen" Zirkuspferden, - meine
Grossmutter erzählte in Erinnerung an eine Inszenierung
von "Rienzi" der Stuttgarter Staatsoper immer
begeistert von solchen Pferden auf der Bühne -, die auf
einem Laufband so exakt traben, dass ich nicht einmal
Angst hatte, sie könnten plötzlich einen Fehltritt
machen; vielmehr dachte ich zunächst, es handle sich um
maschinell getriebene Karussellpferde. Da ist der aus den
Kulissen gesehene Kampf Siegfrieds mit dem Drachen, bei
dem die Zuschauer sehen dürfen, wie es bei Wagners
damals gemacht wurde, und die einem doch tatsächlich ein
wohlwollendes Lächeln hervorzaubert, wenn man dabei
daran denkt, mit wie einfachen Mitteln früher durchaus
beeindruckende szenische Effekte erreicht wurden.

Dann gibt es eine gekonnt dargebotene
Steptanz-Schuhplattler-Watschentanz-Kombination, bei der
man sich allerdings fragt, was sie denn mit der damit
verbundenen "Cannabis-Szene" zu tun haben
könnte. Schließlich gibt es einen Akkordeonspieler, der
reichlich unmotiviert aus dem Orchestergraben zu einer
musikalischen Einlage heraufsteigt, eine andere Art von
Nummerngirl, für die man wohl die Nymphen nicht
gebrauchen konnte, und der, wer weiß, vielleicht einen
länger dauernden Umbau überbrücken musste. Als letztes
sei noch die in der Fantasie sich abspielende Ballonfahrt
Ludwigs um die ganze Welt angeführt, ein guter Vorwand
für den Komponisten Franz Hummel, im Rahmen einer
an Mozarts "Alla Turca" erinnernden Musik eine
Reihe von Parodien auf die Musik verschiedener Länder
einzubauen, von Wien ausgehend, über Ägypten und Japan,
schließlich nach New York, wo deutliche Anklänge an
George Gershwins Orchesterkompositionen zu hören waren.
Showeffekte also, die für jeden Geschmack etwas bieten.
Hierzu möchte ich auch das finale Untergehen von Ludwig
in dem den Starnberger See darstellenden
überdimensionalen geheizten Swimmingpool zählen, den
man für das Finale als absoluten Höhepunkt während der
immerhin drei Stunden dauernden Vorstellung ganz
offensichtlich unter der zweitgrößten Drehbühne
Deutschlands versteckt gehalten hatte. Der
Hauptdarsteller des Ludwig bekam wohl deshalb am Ende
besonders viel Applaus, weil er wie durch Zauberei nach
seinem Ertrinken dann doch noch am Leben war und
trockenen Fußes, ja mit trockenen Haaren, als eine Art
David Copperfield wieder quicklebendig zur Verbeugung vor
dem Publikum erschien.

Die Handlung des Musicals, für die der
Leiter des gesamten Projekts und Verfasser des Textes Stephan
Barbarino hauptverantwortlich zeichnet, komprimiert
Ludwigs Leben in eine nicht ganz der Realität
entsprechende Liebesgeschichte mit Sissi, eine
homoerotisch angehauchte und künstlerische Zuneigung
für Richard Wagner, eine Vorliebe für den Bau teurer
Schlösser, einen Zwist mit den Ministern seines Landes,
die ihn hintergehen und schließlich für verrückt
erklären lassen, und einen Selbstmord. Also die Basis
des Stücks bilden wenig gesicherte Tatsachen, aber in
Operetten ist das ja erlaubt und durchaus üblich.
Daneben bekommt man noch einen Ehebruch von Cosima von
Bülow mit Richard Wagner und die schon erwähnte
Liebesgeschichte von Sissis Schwester Sophie mit dem
Fotografen Hanfstaengl vorgeführt. Bismarck persönlich
erscheint und gibt schnell noch, natürlich gegen die
Preisgabe der Souveränität Bayerns, die dringend
benötigten Mittel zum Bau von Neuschwanstein frei.
Bevor wir in die Vorstellung gingen,
hatten wir eine kurze Unterhaltung mit einer jungen
Kellnerin. Wir fragten sie, ob sie das Musical schon
gesehen habe. Das nicht, aber sie habe bei den Proben
öfters gespickt, meinte sie. Die Bühnenbilder seien
ganz fantastisch. Und die Musik? Na ja, darüber wolle
sie eigentlich kein Wort verlieren. Dieses kurze,
laienhafte Urteil hat doch eines wesentlich erkannt: Die
Bühnenbilder und das gilt im großen ganzen auch
für die Regie sind opulent und wunderschön, wenn
auch kitschig, aber was macht das schon? Die Musik jedoch
dürfte das eher an Pop-Opern á la Schönberg und Webber
oder Rockmusicals á la Grease und Rocky Horror
Show gewohnte musicaltypische jüngere Publikum wohl
kaum ansprechen. Da besteht für an klassischer Musik
geschulte Zuhörer der Reiz schon eher darin,
herauszuhören, aus welchen Elementen Franz Hummel seine
musikalischen Einfälle kombiniert hat. Ich habe am
Anfang etwas auf Wagners Tristan getippt, dann hörte ich
Walzer, die sich irgendwo zwischen Lehar, Heuberger und
Richard Strauss bewegten. Auch einen Verdi-typischen
Rhythmus und seine Melodik meinte ich zu hören, wenn
mich auch Teile davon wieder an Schubert erinnerten. Auch
Gustav Mahler schien dann und wann beigetragen zu haben.
Sogar einen operettentypischen Schlager meinte ich zu
vernehmen, der von Emmerich Kálmán oder Eduard Künneke
hätte sein können. Selbst die klanglich und rhytmisch
leicht verfremdete bayerische Folklore bereitete mir
Spaß. Ich könnte mir denken, dass es dem Komponisten
ein unsägliches Vergnügen bereitet hat, diese Musik zu
schreiben, indem er sich aus fast allen wesentlichen
Epochen der Musikgeschichte bediente, ohne dass er
wörtliche Zitate verwendete, wenn wir einmal von der
Barcarole aus "Hoffmanns Erzählungen" absehen,
die er ja aber durch das köstliche falsche Singen von
Sophie ebenfalls entsprechend verändert hat. Immerhin
wurde Franz Hummel ja - neun Opern hat er komponiert -
von der Süddeutschen Zeitung schon als "radikalster
Outsider" apostrophiert.
Höhepunkt
der Show war für mich zweifellos der Ball im ersten Akt,
in dem aufklappbare Spiegelwände die zu Walzermelodien
tanzenden Paare reflektierten, und in denen sich die
Beziehungen zwischen Sissi und Ludwig, Ludwig und Wagner,
Wagner und Cosima und schließlich Sophie und Hanfstaengl
abzeichneten und die Liebespaare sich schließlich
fanden. Am enttäuschendsten fand ich die wohl teuerste
Szene, die an dem doch so echt aussehenden See im
riesigen Wasserbassin spielte. Hier stakst Ludwig,
nachdem er noch schnell etwas Wasser durch seine Hand
rinnen lässt - damit ja auch der Dümmste merkt, dass es
sich um echtes Wasser handelt - ziemlich unsicher in das
Becken, wohl, um sich nicht durch einen ungeplanten
Fehltritt und einen darauf folgenden Sturz ins Nass der
Lächerlichkeit preiszugeben, und außerdem nach dem
vollständigen Untertauchen den Weg zum unsichtbaren
Beckenausstieg sicher zu finden. Hier hätte man das
ganze mit Hilfe der "schwarzen Nymphen"
wenigstens theatralisch nochmals aufmotzen können.
Wagner selbst hätte hier dafür gesorgt, dass seine
Rheintöchter den Ludwig mit ihrem Charme ins Wasser
locken. Als krönender Abschluss dieser Szene taucht dann
ein Springbrunnen aus dem Becken auf. Hätten die Macher
hier mehr auf Dramatik statt auf szenische Effekte Wert
gelegt, hätte es mittels moderner Bühnen- bzw.
Beleuchtungstechnik naturnah simuliertes Wasser (wie z.B.
im Berliner Glöckner von Notre Dame) auch getan.
Fazit: Eine ganz effektvolle Operette,
oder sagen wir halt, ein "Classic-Musical".
Eine dramaturgische Überarbeitung des Stücks könnte
viel verbessern. Viele Schwächen ließen sich leicht
ausmerzen. Striche gleich am Anfang des ersten Akts, z.B.
der endlos sich hinziehende als Schattenriß dargestellte
Trauerzug, täten dem Stück gut. Den Nymphen sollte man
einige sinnvollere Szenen geben, oder noch besser, sie
gleich ganz weglassen. Anteil an dem Schicksal Ludwigs
oder gar Mitgefühl und Trauer kann man als Zuschauer in
der jetzt gebotenen Version kaum empfinden. Dabei wäre
in der Handlung ja doch einiges Potenzial für mehr
Emotionen vorhanden. Ansätze für tiefere Empfindungen
sind in der Musik ja auch tatsächlich zu spüren. Auf
die Zirkusnummern wird man wegen des Ziels, ein
touristisches Publikum anzulocken, nicht verzichten
wollen. Am Broadway würde ein Profiteam jetzt beginnen,
an dem Stück zu weiter zu arbeiten und zu feilen. Das
ist der deutschen Künstler Sache eher nicht.
Die Darsteller waren, alles in allem,
zumindest stimmlich über dem in Deutschland in Musicals
üblichen Durchschnitt. Es waren ja auch vorwiegend
klassisch gebildete Stimmen, typische Operettensänger,
gefragt. Georg Thauern als Ludwig und Gabriele
Schmid als Sissi brachten als seriösens Paar schön
einige zu Herzen gehende Lieder. Das komische Paar Sophie
und Hanstaengl waren Annette Mayer und Theodor
Reichardt. Hier dominierte darstellerisch und
gesanglich eindeutig Annette Mayer.
Das Musical Ludwig II. ist trotz
der gemachten Einschränkungen als "touristisches
Gesamtkunstwerk" durchaus eine Reise nach Füssen
wert.
Arthur
H. Maute
22.4.2000
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