„Ludwig II.“ am 12. April 2000 im Musicaltheater Neuschwanstein „Ludwig II.“ in Füssen
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Märchenträume im Königswinkel mit Zirkusnummern
Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies


Ludwig II. - Die Paare finden sich
   Geschafft haben sie es bestimmt, die Macher: das Ziel nämlich, ein ganz besonderes Event nicht nur für das deutsche Publikum, sondern ganz besonders für die internationale touristische Welt zu kreieren, die den Königswinkel bei Füssen in Zukunft wohl nicht nur wegen der Schlösser aufsuchen, sondern im Mehrfachpack der Reiseunternehmer auch gleich einen Theaterbesuch mitbuchen wird. Das Musical "Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies" hatte am 7. April erfolgreich Premiere im Musicaltheater Neuschwanstein und ist gekonnt ganz auf den gemischten Geschmack des zu erwartenden Publikums zugeschnitten. Ein "touristisches Gesamtkunstwerk" ist entstanden, das den Charakter einer riesigen Andenkenbude hat, die architektonisch durchaus gelungen, alles bietet, was das Touristenherz begehrt, vor allem natürlich Essen und Trinken, CDs, Bücher und Souvenirs, und sogar einen Fotografen, der die Besucher in alte Kostüme steckt. Eigentlich fehlt nur noch, dass Neuschwanstein selbst in dem Musicaltempel besichtigt werden kann. Aber es ist ja über dem Forggensee hell erleuchtet zu erblicken, und außerdem kommt es ja immerhin teilweise in den bunten Bildern der Musicalbühne des fast 1400 Besucher fassenden Theaters vor. Dieses ist einem nie realiserten Entwurf von Semper und dem Festspielhaus in Bayreuth, übrigens mit fast so spartanischen Sitzen, nachempfunden.
   Aber ist es nicht durchaus legitim, den vielen anreisenden Amerikanern oder Japanern etwas "typisch Deutsches" zu bieten, sich also so eng wie möglich an den Ludwig- und Königschlösser-Rummel mit seinen Kitschprodukten anzuhängen und das Merchandising, noch mehr als sonst üblich, ganz in den Vordergrund zu stellen. Und dass beispielsweise ein US-Bürger nun wirklich nicht gerade Produktionen sehen und Musik hören will, die lediglich aus seinem eigenen Land importiert sind, haben die Bauherren und Produzenten klar erkannt.
Ludwig II. - Ludwig und Elisabeth
   Das zu diesem Zweck entstandene und die touristische Zielsetzung bestimmt voll erfüllende Bühnenprodukt enthält für mich alle bekannten Klischees einer Operette. Der neu geprägte Begriff "Classic-Musical" soll wohl den etwas verstaubten Namen "Operette" ersetzen. Neben dem für diese Musiktheatergattung typischen Handlung mit einem seriösen Paar (Sissi und Ludwig) und dem obligatorischen komischen Paar (Sophie und Hanfstaengl) gibt es eine Reihe von genretypischen lustigen, oder wenigstens lustig gemeinten, Einlagen. Manche haben doch tatsächlich einen Zusammenhang mit der eigentlichen Handlung. Die meisten wirken jedoch eher aufgesetzt und haben den Charakter von Zirkusnummern. Eigentlich fehlte nur das varietéübliche Nummerngirl, dessen Funktion allerdings am Anfang, später nur gelegentlich, und am Ende nicht mehr ganz konsequent, von drei "schwarzen Nymphen" übernommen wird.
Ludwig II. - Schlittenfahrt
Da ist die endlos lange Schlittenfahrt des Königs mit "echt lebendigen" Zirkuspferden, - meine Grossmutter erzählte in Erinnerung an eine Inszenierung von "Rienzi" der Stuttgarter Staatsoper immer begeistert von solchen Pferden auf der Bühne -, die auf einem Laufband so exakt traben, dass ich nicht einmal Angst hatte, sie könnten plötzlich einen Fehltritt machen; vielmehr dachte ich zunächst, es handle sich um maschinell getriebene Karussellpferde. Da ist der aus den Kulissen gesehene Kampf Siegfrieds mit dem Drachen, bei dem die Zuschauer sehen dürfen, wie es bei Wagners damals gemacht wurde, und die einem doch tatsächlich ein wohlwollendes Lächeln hervorzaubert, wenn man dabei daran denkt, mit wie einfachen Mitteln früher durchaus beeindruckende szenische Effekte erreicht wurden.
Ludwig II. - Schuhplattler mit Cannabis-Szene im Hintergrund
   Dann gibt es eine gekonnt dargebotene Steptanz-Schuhplattler-Watschentanz-Kombination, bei der man sich allerdings fragt, was sie denn mit der damit verbundenen "Cannabis-Szene" zu tun haben könnte. Schließlich gibt es einen Akkordeonspieler, der reichlich unmotiviert aus dem Orchestergraben zu einer musikalischen Einlage heraufsteigt, eine andere Art von Nummerngirl, für die man wohl die Nymphen nicht gebrauchen konnte, und der, wer weiß, vielleicht einen länger dauernden Umbau überbrücken musste. Als letztes sei noch die in der Fantasie sich abspielende Ballonfahrt Ludwigs um die ganze Welt angeführt, ein guter Vorwand für den Komponisten Franz Hummel, im Rahmen einer an Mozarts "Alla Turca" erinnernden Musik eine Reihe von Parodien auf die Musik verschiedener Länder einzubauen, von Wien ausgehend, über Ägypten und Japan, schließlich nach New York, wo deutliche Anklänge an George Gershwins Orchesterkompositionen zu hören waren. Showeffekte also, die für jeden Geschmack etwas bieten. Hierzu möchte ich auch das finale Untergehen von Ludwig in dem den Starnberger See darstellenden überdimensionalen geheizten Swimmingpool zählen, den man für das Finale als absoluten Höhepunkt während der immerhin drei Stunden dauernden Vorstellung ganz offensichtlich unter der zweitgrößten Drehbühne Deutschlands versteckt gehalten hatte. Der Hauptdarsteller des Ludwig bekam wohl deshalb am Ende besonders viel Applaus, weil er wie durch Zauberei nach seinem Ertrinken dann doch noch am Leben war und trockenen Fußes, ja mit trockenen Haaren, als eine Art David Copperfield wieder quicklebendig zur Verbeugung vor dem Publikum erschien.
Ludwig II. - Minister im Neubau
   Die Handlung des Musicals, für die der Leiter des gesamten Projekts und Verfasser des Textes Stephan Barbarino hauptverantwortlich zeichnet, komprimiert Ludwigs Leben in eine nicht ganz der Realität entsprechende Liebesgeschichte mit Sissi, eine homoerotisch angehauchte und künstlerische Zuneigung für Richard Wagner, eine Vorliebe für den Bau teurer Schlösser, einen Zwist mit den Ministern seines Landes, die ihn hintergehen und schließlich für verrückt erklären lassen, und einen Selbstmord. Also die Basis des Stücks bilden wenig gesicherte Tatsachen, aber in Operetten ist das ja erlaubt und durchaus üblich. Daneben bekommt man noch einen Ehebruch von Cosima von Bülow mit Richard Wagner und die schon erwähnte Liebesgeschichte von Sissis Schwester Sophie mit dem Fotografen Hanfstaengl vorgeführt. Bismarck persönlich erscheint und gibt schnell noch, natürlich gegen die Preisgabe der Souveränität Bayerns, die dringend benötigten Mittel zum Bau von Neuschwanstein frei.
   Bevor wir in die Vorstellung gingen, hatten wir eine kurze Unterhaltung mit einer jungen Kellnerin. Wir fragten sie, ob sie das Musical schon gesehen habe. Das nicht, aber sie habe bei den Proben öfters gespickt, meinte sie. Die Bühnenbilder seien ganz fantastisch. Und die Musik? Na ja, darüber wolle sie eigentlich kein Wort verlieren. Dieses kurze, laienhafte Urteil hat doch eines wesentlich erkannt: Die Bühnenbilder – und das gilt im großen ganzen auch für die Regie – sind opulent und wunderschön, wenn auch kitschig, aber was macht das schon? Die Musik jedoch dürfte das eher an Pop-Opern á la Schönberg und Webber oder Rockmusicals á la Grease und Rocky Horror Show gewohnte musicaltypische jüngere Publikum wohl kaum ansprechen. Da besteht für an klassischer Musik geschulte Zuhörer der Reiz schon eher darin, herauszuhören, aus welchen Elementen Franz Hummel seine musikalischen Einfälle kombiniert hat. Ich habe am Anfang etwas auf Wagners Tristan getippt, dann hörte ich Walzer, die sich irgendwo zwischen Lehar, Heuberger und Richard Strauss bewegten. Auch einen Verdi-typischen Rhythmus und seine Melodik meinte ich zu hören, wenn mich auch Teile davon wieder an Schubert erinnerten. Auch Gustav Mahler schien dann und wann beigetragen zu haben. Sogar einen operettentypischen Schlager meinte ich zu vernehmen, der von Emmerich Kálmán oder Eduard Künneke hätte sein können. Selbst die klanglich und rhytmisch leicht verfremdete bayerische Folklore bereitete mir Spaß. Ich könnte mir denken, dass es dem Komponisten ein unsägliches Vergnügen bereitet hat, diese Musik zu schreiben, indem er sich aus fast allen wesentlichen Epochen der Musikgeschichte bediente, ohne dass er wörtliche Zitate verwendete, wenn wir einmal von der Barcarole aus "Hoffmanns Erzählungen" absehen, die er ja aber durch das köstliche falsche Singen von Sophie ebenfalls entsprechend verändert hat. Immerhin wurde Franz Hummel ja - neun Opern hat er komponiert - von der Süddeutschen Zeitung schon als "radikalster Outsider" apostrophiert.
Ludwig II. - Ludwig und Sissi   Höhepunkt der Show war für mich zweifellos der Ball im ersten Akt, in dem aufklappbare Spiegelwände die zu Walzermelodien tanzenden Paare reflektierten, und in denen sich die Beziehungen zwischen Sissi und Ludwig, Ludwig und Wagner, Wagner und Cosima und schließlich Sophie und Hanfstaengl abzeichneten und die Liebespaare sich schließlich fanden. Am enttäuschendsten fand ich die wohl teuerste Szene, die an dem doch so echt aussehenden See im riesigen Wasserbassin spielte. Hier stakst Ludwig, nachdem er noch schnell etwas Wasser durch seine Hand rinnen lässt - damit ja auch der Dümmste merkt, dass es sich um echtes Wasser handelt - ziemlich unsicher in das Becken, wohl, um sich nicht durch einen ungeplanten Fehltritt und einen darauf folgenden Sturz ins Nass der Lächerlichkeit preiszugeben, und außerdem nach dem vollständigen Untertauchen den Weg zum unsichtbaren Beckenausstieg sicher zu finden. Hier hätte man das ganze mit Hilfe der "schwarzen Nymphen" wenigstens theatralisch nochmals aufmotzen können. Wagner selbst hätte hier dafür gesorgt, dass seine Rheintöchter den Ludwig mit ihrem Charme ins Wasser locken. Als krönender Abschluss dieser Szene taucht dann ein Springbrunnen aus dem Becken auf. Hätten die Macher hier mehr auf Dramatik statt auf szenische Effekte Wert gelegt, hätte es mittels moderner Bühnen- bzw. Beleuchtungstechnik naturnah simuliertes Wasser (wie z.B. im Berliner Glöckner von Notre Dame) auch getan.Ludwig II. - Sophie und Hanfstaengl
   Fazit: Eine ganz effektvolle Operette, oder sagen wir halt, ein "Classic-Musical". Eine dramaturgische Überarbeitung des Stücks könnte viel verbessern. Viele Schwächen ließen sich leicht ausmerzen. Striche gleich am Anfang des ersten Akts, z.B. der endlos sich hinziehende als Schattenriß dargestellte Trauerzug, täten dem Stück gut. Den Nymphen sollte man einige sinnvollere Szenen geben, oder noch besser, sie gleich ganz weglassen. Anteil an dem Schicksal Ludwigs oder gar Mitgefühl und Trauer kann man als Zuschauer in der jetzt gebotenen Version kaum empfinden. Dabei wäre in der Handlung ja doch einiges Potenzial für mehr Emotionen vorhanden. Ansätze für tiefere Empfindungen sind in der Musik ja auch tatsächlich zu spüren. Auf die Zirkusnummern wird man wegen des Ziels, ein touristisches Publikum anzulocken, nicht verzichten wollen. Am Broadway würde ein Profiteam jetzt beginnen, an dem Stück zu weiter zu arbeiten und zu feilen. Das ist der deutschen Künstler Sache eher nicht.
   Die Darsteller waren, alles in allem, zumindest stimmlich über dem in Deutschland in Musicals üblichen Durchschnitt. Es waren ja auch vorwiegend klassisch gebildete Stimmen, typische Operettensänger, gefragt. Georg Thauern als Ludwig und Gabriele Schmid als Sissi brachten als seriösens Paar schön einige zu Herzen gehende Lieder. Das komische Paar Sophie und Hanstaengl waren Annette Mayer und Theodor Reichardt. Hier dominierte darstellerisch und gesanglich eindeutig Annette Mayer.
   Das Musical Ludwig II. ist trotz der gemachten Einschränkungen als "touristisches Gesamtkunstwerk" durchaus eine Reise nach Füssen wert.

Arthur H. Maute
22.4.2000


Fotos: Ludwig Musical AG & Co. Betriebs-KG
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