Der Stuttgarter Klon des Hamburger Erfolgsmusicals hatte am 18. Juli 2004 im Stuttgarter Palladium Theater Premiere
„Mamma Mia!“
in Stuttgart
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Mamma-Mia! Ist das eine Donna!
Jasna Ivir in dem Stuttgarter Klon des Hamburger Erfolgsmusicals

Björn Ulvaeus, einer der Väter von "Mamma Mia!", richtete einige Worte in deutscher Sprache an das Premierenpublikum. Hier freut er sich mit Jasna Ivir, dem Star der Show, über den Erfolg des Musicals. - Foto: © 2004 Arthur H. Maute
Rhythmisches Mitklatschen und Beifallstürme: „Mamma Mia!“ ist in Stuttgart angekommen. Bisher hatten die meisten nur davon gehört, dass es sich hierbei um das weltweit erfolgreichste Musical handeln soll. Jetzt kann man es selbst erleben, das Musical, von dem Björn Ulvaeus sagt, dass er überrascht sei, dass „unsere Musik noch heute eine solche Euphorie in Deutschland auslöst“. „Mamma Mia!“ sei „das Musical, von wir nicht wussten, dass wir es geschrieben haben“.
   Was verbirgt sich hinter diesem Erfolg? Was ist „Mamma Mia!“? Schaut man sich die Handlung an, ist es nicht mehr als ein Boulevardstück, ein gar nicht so übles, das normaler Weise in Stuttgart vielleicht seinen Platz in der Komödie hätte. Abgesehen vielleicht von dem exotischen Schauplatz einer griechischen Insel. Dieser ist, wenn Musik dazu kommt, vielleicht eher für eine Operette tauglich. Dass eine Geschichte zu vorhandenen erfolgreichen Kompositionen gebastelt wird, ist auch im Musiktheater nicht neu, man denke nur an das „Dreimäderlhaus“ mit der Musik von Franz Schubert. Und gleich fällt einem auf, dass auch bei „Mamma Mia!“ die Zahl drei eine Rolle spielt: Drei Frauen, die früher zusammen Musik gemacht haben, drei Männer als mögliche Väter.

Das Ensemble beim Finale, das mit "Waterloo" als Zugabe zu Ende geht. In der Bildmitte Jasna Ivir (Donna). - Foto: © 2004 Arthur H. Maute
   Die Story, die, wie die Produzenten sagen, glaubwürdig ist, beginnt damit, dass Sophie, die 20-jährige Tochter der Tavernenwirtin Donna, anlässlich ihrer bevorstehenden Hochzeit mit dem Burschen Sky ihren Vater finden möchte. Nach heimlicher Durchsicht des Tagebuchs ihrer Mutter sendet Sophie Briefe an drei verschiedene Vaterkandidaten ab. Es handelt sich um den Schriftsteller Bill aus Australien, den Bänker Harry und den Architekten Sam. Woher das Mädchen nach Ablauf von 21 Jahren die Adressen von Donnas Liebhabern hat, bleibt offen. Kaum sind die Briefe eingeworfen, tauchen auch schon die Männer auf der Bühne auf und mischen die Handlung in Komödienmanier auf. Gleichzeitig kommen, zwar nicht wie die Väter durch Sophies Serienbriefe eingeladen, Rosie und Tanja, zwei alte Freundinnen von Donna, angereist. Vor Jahren sind die drei Frauen zusammen als „Donna And The Dynamos“ aufgetreten. Die zwei mal drei Personen sorgen für die Verwicklungen des Stücks und für eine Reihe komödiantischer Szenen, in deren Mittelpunkt Donna steht. Wer schließlich der Vater von Sophie ist, bleibt offen. Die Hochzeit findet trotzdem statt, allerdings anders als ursprünglich geplant.
Michael Kunze hat Musicals wie "Elisabeth" und "Mozart!" geschrieben. Für "Mamma Nia!" hat er die schwierige Aufgabe übernommen, die Texte der populären ABBA-Songs ins Deutsche zu übertragen. Auf dem Bild ist der Liedtexter, Dramatiker und Buchautor während der Premierenpause im Palladium zu sehen. - Foto: © 2004 Arthur H. Maute   Also, warum ist das Stück so erfolgreich? Die Antwort liegt auf der Hand: Die vielfach als legendär bezeichneten Hits von ABBA sind der Grund. Sie sorgen immer wieder für den Kick beim Publikum, bevor die Slapsticks der Story sich totlaufen. Insbesondere die bekannteren Melodien wie der Titelsong „Mamma Mia“ oder „Chiquitita“, „SOS“, „Super Trouper“, „Take A Chance On Me“, „The Winner Takes It All“ und natürlich „Money. Money, Money“ sorgen für Resonanz beim Publikum. Alle Songs sind geschickt in die Handlung eingebaut, so dass man tatsächlich manchmal denkt, sie seien für dieses Stück geschrieben worden. Die Übersetzung der Lieder durch Michael Kunze ist, soweit die Texte beim erstmaligen Hören überhaupt aufgenommen werden können, witzig und scheint gelungen. Der Sound der in Brighton am 6. April 1974 mit „Waterloo“ berühmt gewordenen schwedischen Gruppe wird, unter ständiger Mitwirkung des Ensembles auch bei Soloszenen, wie im Original allein von den Singstimmen getragen. Die reinen Orchesterarrangements, die ziemlich scharf und schrill über die voll aufgedrehten Lautsprecher kommen, fallen im Vergleich dazu stark ab, wie die Ouvertüre und das Vorspiel zum zweiten Akt beweisen (musikalische Leitung: Ralph Abelein). Umgekehrt ist es beispielsweise bei den musikdramatischen Werken von Richard Wagner. Während bei seinen Kompositionen die Orchesterfassungen besonders wirksam sind, und die Stimmen gar nicht unbedingt gebraucht werden, ja manchmal fast stören, sind es bei ABBA allein die Stimmarrangements, die für die packende Wirkung sorgen.
    Vergleicht man die Ausstattung von „Mamma Mia!“ mit den bisher im Palladium und Apollo aufgeführten bombastischen Musicals von „Miss Saigon“ über „Die Schöne und das Biest“ und „Cats“ bis zu „Das Phantom der Oper“ und „42nd Street“, so ist sie geradezu spartanisch, was nicht heißen soll, dass sie nicht zweckmäßig ist. Im Gegenteil, endlich ein Stück, bei dem es um die Musik und nur um die Musik geht, bei dem derjenige, der eine opulente Ausstattung erwartet, eher enttäuscht wird. Zwei praktische, dreh- und fahrbare kreisbogenförmige Mauern bestimmen das Bühnenbild und stellen die Hafenmole, die Taverne oder ein Zimmer im Hause von Donna dar. Dahinter wird immer wieder das Laub eines angedeuteten Baumes vom Schnürboden herunter gelassen oder von der Seitenbühne ein Boot namens "Waterloo" hereingeschoben. Als Vorhang dient die tiefblaue Projektion von Wasser, einem Schwimmbecken gleich, das entfernt an den Pool in „Sunset Boulvard“ erinnert. Ähnlich stellt sich der Hintergrund an drei Seiten der Bühne dar, der mit der Szene immer wieder seinen Farbton ändert. Die Kostüme bestehen aus Alltagskleidern, abgesehen von Sophies Brautkleid natürlich. Sie werden nur aufgemischt durch die ABBA-typischen silbernen und bunten Outfits, die von den drei Dynamos bei einem Auftritt und im Finale getragen werden. Zusätzliche szenische Wirkungen werden durch die Beleuchtung realisiert, die das Theater am Ende in eine ABBA-Disco verwandelt.
   Der Besuch des Musicals ist schon allein deshalb zu empfehlen, weil mit Jasna Ivir als Donna eine unglaubliche Interpretin und Darstellerin auf der Bühne steht. Obwohl sie ihre Stimme wohl dosiert einsetzt, singt sie alle anderen an die Wand. Und auch darstellerisch ist sie eine Tavernenmutter, wie sie im Buch steht. Ina Trabesinger, ihre reizende Tochter Sophie, muss allerdings die stimmliche Altersdifferenz zu ihrer Mutter wahrlich noch aufholen. Alle anderen Rollen sind ebenfalls ausgezeichnet besetzt, die Darsteller treffen die Typen und bringen alle kalkulierten Effekte gut über die Rampe, so insbesondere Iris Schumacher als Rosie, aber auch Franziska Becker als Tanja. Unter den Männern beherrscht Andreas Lichtenberger als Sam die Szene. Besonders hervorzuheben ist Till Nau als Pepper, der aus seinem plumpen Werben um Tanja ein tänzerisches Kabinettstückchen macht, das man gesehen haben muss.
   Wer bisher noch nicht zu den – meist älteren - ABBA-Fans gehörte, kann es jetzt im Palladium immer noch werden. Auf jeden Fall kann er sich mit leichter Unterhaltung großartig amüsieren.

Arthur H. Maute
18. Juli 2004