Die Atmosphäre um das traditionsreiche Musiktheater hat es dem jungen Heldentenor angetan. Als glücklicher Stipendiat des Richard Wagner Verbands International e.V. darf er, ehemals einer der besten Krolocks aus dem „Tanz der Vampire“, in diesem Sommer nach Bayreuth pilgern. Das „Rheingold“ glänzt verführerisch, die „Walküre“ weckt loderndes Feuer, „Siegfried“ schmiedet die unschlagbare Waffe, und beschwört damit die „Götterdämmerung“ herauf. Den „Ring des Nibelungen“ würde Marcel gerne erringen, und er ist als ständiger Schüler „der Randova“ auf dem besten Weg dazu. Marcels erstes Ziel, die ersehnte Traumrolle, ist allerdings nicht Drachentöter Siegfried, sondern Wotans Günstling Siegmund, dessen „Winterstürme“ er in seinen Soloabenden zu einem hinreißenden Frühlingsweben aufbrausen lässt.
Die Fans, die sich in Stuttgart für den sympathischen Blutsauger begeistert haben, vermissen ihn. Doch diese Rolle ist Vergangenheit. Marcels Ziel ist die große Oper und insbesondere das berauschende Gesamtkunstwerk des genialen Richard Wagner (1813-1883). Hat Jim Steinmans Opus über das nächtliche Treiben von Untoten etwas gemeinsam mit Richard Wagners Nachtalben? Hätte der Textdichter und Komponist von Heldenepen heute vielleicht ebenfalls Pop-Opern komponiert? Vielleicht. Eine gewisse Verwandtschaft ist nicht abzuleugnen, meint Marcel, der länger als ein Jahr in der Rolle eines jahrhundertealten nächtlichen Ungeheuers aufgetreten ist. Wenngleich Wagners Libretti überzeugender und weniger trivial sind, als die Bücher von Michael Kunze, und die Musik rauschhafter und um ein Vielfaches einfallsreicher, als Steinmans Pop-Sinfonik.
Marcel sitzt in der 17. Reihe des weihevollen Hauses, wo Wagners ehrwürdiges Werk jedes Jahr für wenige Wochen präsentiert wird. Nur mit viel Aufwand und jahrelanger Geduld kann eine der gefragten Karten ergattert werden. 330 Euro muss ein Normalsterblicher für Marcels Platz berappen, wenn er zu den vom meist ungnädigen Computer auserwählten Bewerbern um Zugang zum grünen Hügel in Bayreuth gehört.
Marcel jedoch ist eingeladen. Die Festspiele waren von Richard Wagner ursprünglich als Gemeinschaftsfestspiele für die „deutsche Nation“ gedacht, die auch der Musik studierenden Jugend zugänglich gemacht werden sollten. Der Richard Wagner Verband wendet in diesem Jahr 150.000 Euro auf, um begabten jungen Menschen Sängern, Musikern, Dirigenten, Theaterschaffenden und Wissenschaftlern Zugang zum authentischen Erlebnis des „Rings“ am zentralen Ort des Wagnerkults zu ermöglichen. Nein, um das Stipendium des Verbands kann sich keiner bewerben. Nur auf die wohlwollende Empfehlung eines Verbandsmitglieds oder die sachkundige Beurteilung eines Künstlers hin wird man ins Fränkische eingeladen.
Für einen viel versprechenden Tenor wie Marcel kann dieses Stipendium allerdings der erste Schritt auf dem Weg auf die Wagnerbühne bedeuten. In dieser Saison stehen schließlich sieben ehemalige Stipendiaten auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Und eine solche Karriere ist das erklärte Ziel von Marcel, dessen Tanz mit den Vampiren, obwohl ungemein erfolgreich, so doch nur ein Abstecher, ein kurzer Seitensprung auf seinem Weg war. Doch andererseits: „Cross Over“ ist für Marcel ganz normal, in seinen Soloabenden hört man neben Puccini und Verdi auch italienische Lieder, Arien aus bekannten Operetten und natürlich Musical-Hits. Doch sein eigentliches Ziel verliert der Künstler nicht aus den Augen.
Die Stipendiaten haben in diesem Jahr zum ersten Mal seit sechs Jahren die einzigartige Gelegenheit, den ganzen „Ring“ in Bayreuth zu erleben. Sie nehmen an Einführungen zu jeder Vorstellung teil, die von Künstlern, wie dem berühmten Wagner-Tenor Manfred Jung, abgehalten werden. Sie erhalten so Informationen und Erfahrungen über die Bayreuther Welt aus erster Hand. Allein schon der Kontakt zu den weltbekannten Sängerdarstellern macht den einwöchigen Aufenthalt in der Festspielstadt zu einem aufwühlenden Erlebnis.
Marcel, der bei der berühmten Mezzosopranistin Eva Randova studiert, hat zwar den Draht zur großen weiten Welt der großen Opernstars schon längst. Trotzdem schwärmt er von Wolfgang Wagner, der, 84-jährig, noch als Festspielchef in Bayreuth das Werk seines Großvaters verwaltet. Persönlich führt dieser die Stipendiaten durch das Theater, das Richard Wagner mit Unterstützung von Wagner-Vereinen und besonders von König Ludwig II. für seine hochfliegenden Pläne als weihevolle Stätte errichtet hat, erzählt von der Geschichte des Hauses, den Erfolgen, aber auch den Schwierigkeiten, er berichtet über Geldnöte und Finanzierungsprobleme. Er begrüßt die Stipendiaten persönlich und schüttelt die Hände. Marcel überbringt ihm die Grüße der Randova, der ehemals „wunderbaren Kundry“ in „Parsifal“, wie der bejahrte Intendant und Regisseur sich erinnert. Und er hört aus berufenem Mund, wie groß der Bedarf an Heldentenören ist, und freut sich, als Wolfgang Wagner sagt, er hoffe, dass er Marcel nochmals begegne. Eine Chance für Marcel? Nun, der Leiter der Bayreuther Festspiele hört sich pro Jahr immerhin 200 bis 250 von Künstlern und Agenturen empfohlene Sänger an. Aber: „Heldentenöre sind Mangelware“, so dringt es verlockend an Marcels Ohr. Er hoffe, dass Marcel in die Fußstapfen der Randova trete, sagt Wolfgang Wagner. „Aber nicht als Kundry!“, merkt einer der umstehenden Zuhörer an und sorgt damit für Heiterkeit.
Marcel, natürlich ein Kenner der Opernszene, bewundert manch einen Sänger, den er jetzt in Bayreuth „live“ hören darf: Violeta Urmana als Sieglinde, Evelyn Herlitzius als Brünnhilde, Alan Titus als Wotan, Olaf Bär als Gunther und Robert Dean Smith als Siegmund. Hat er ein Vorbild? Nein, sagt er, er suche seinen „eigenen Weg“, den „richtigen Stil“, die „nötige Technik“, das „schlanke Singen“, den „absoluten Vorderklang“. Seine Studien bei Eva Randova helfen ihm, sich ständig zu verbessern.
Noch immer hat Marcel die festlichen Fanfaren im Ohr, die ihn zu jedem Akt rufen. Überall in der kleinen Stadt, bei jedem Schritt und Tritt, spürt er die „Huldigung an Wagner“. Dort ist einmal pro Jahr für wenige Wochen der künstlerische Mittelpunkt der Opernwelt, wenigstens für Wagner-Fans. Und Marcel ist für eine Woche mit dabei. Er schmunzelt und träumt: „Es ist einfach fantastisch. Das nächste Mal möchte ich das alles als Sänger auf der Bühne des Festspielhauses erleben.“
Arthur H. Maute
18. September 2003 |