"MAR i CEL - der Himmel und das Meer" - Logo Opernhaus HalleDie Unvereinbarkeit von Religionen und Kulturen ist das Thema eines katalanisches Musical, das Intendant Klaus Froboese vom Mittelmeer an die Saale brachte. „Mar i Cel - der Himmel und das Meer“ in Halle
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... und Himmel und Meer berühren sich nicht in Ewigkeit
Der hoffnungslose Traum von der Vereinbarkeit der Religionen und Kulturen

Das Schiff der muslimischen Piraten braucht die ganze Bühne - Auf den Planken dieses Seglers spielt sich das Drama zwischen Christen und Muslimen ab. Die Mannschaft stellt sich gegen Kapitän Saïd, und es kommt zur Meuterei. - Foto: Gert Kiermeyer
Das Schiff der muslimischen Piraten braucht die ganze Bühne
Auf den Planken dieses Seglers spielt sich das Drama zwischen Christen und Muslimen ab. Die Mannschaft stellt sich gegen Kapitän Saïd, und es kommt zur Meuterei.
Foto: Gert Kiermeyer

Himmel und Meer scheinen sich am fernen Horizont zu berühren. Doch die Realität ist anders. Kulturen und Religionen bekämpfen sich. Das erzählt auch das jetzt in Halle in deutscher Sprache erstaufgeführte katalanische Musical „Mar i Cel“ in 17 Szenen. Frieden für die sich auf einem Schiff gegenüber stehenden Christen und muslimischen Piraten gibt es nicht, und wenn, dann nur im Tod. Ein Massaker beendet das Stück. Die Muslime werden getötet, während die Christen, wenn auch nur durch Verrat, den Sieg davon tragen. Friede, Freude, Eierkuchen bleiben ein frommer Wunschtraum für alle.
   Im Jahr 1609 wird in Madrid beschlossen, die Muslime aus Spanien auszuweisen, wie man im Prolog erfährt. Hauptdrahtzieher ist Don Carlos, der Vizekönig von Valencia, der im Auftrag von König Philipp und mit Zustimmung des Papstes handelt. Wer sich der Abschiebung widersetzt, wird umgebracht.
   Zwanzig Jahre später finden wir uns auf einem muslimischen Piratenschiff wieder, auf dem der Zwist in kleinerem, aber umso aggressiverem persönlichen Rahmen weiter ausgetragen wird. Muslimische Piraten haben sich ein paar Christen mit ihren Gütern gegriffen. Die Gefangenen schmachten im Schiffsbauch ohne Speis und Trank. Während die Besatzung noch von Reichtum und schönen Frauen träumt, erklärt Kapitän Saïd seiner Mannschaft, dass alles, was den Christen angetan wurde, im Namen Allahs geschehen sei.
   Unter den Eingekerkerten befindet sich unerkannt Don Carlos, der sich als Kaufmann ausgibt, mit Familie. Sein Betrug wird entdeckt, und es wird ihm nach orientalischer Gepflogenheit ein Ohr abgeschnitten. Dessen ungeachtet befiehlt der Kapitän, die Gefangenen schonend zu behandeln. Trotzdem schnappen sich seine Männer die Christenfrauen. Doch Saïd verhindert das Äußerste. Joanot, der zwischen den religiösen Fronten steht, erhält zur Verhinderung weiterer Ausschreitungen die Schlüsselgewalt und damit ungehinderten Zugang zu den Christen.
   Blanca, die Tochter von Don Carlos, wird nach dem Gelage der Mannschaft verletzt in die Kapitänskajüte gebracht. Dort versucht sie vergeblich, den schlafenden Kapitän und seinen Leibwächter Hassan umzubringen. Jetzt fürchtet sie Saïds Hass, der jedoch behauptet, Hass sei eine Erfindung der Christen. Er erzählt ihr von der Vertreibung seiner Familie durch die Spanier und der Ermordung seiner Eltern. So wurde ihm schon als Kind ewiger Hass gegen die Christen eingeimpft. Saïd wundert sich über Blancas Mitgefühl und seine Haltung gegenüber den Christen ändert sich. Blanca opponiert jetzt gegen ihre Familie und stellt ihrem Vater unangenehme Fragen.
   Inzwischen führen Meinungsverschiedenheiten zwischen Kapitän und Mannschaft zur offenen Meuterei. Da kommt Land in Sicht. Nordafrika, das Ziel der Schiffsreise, scheint erreicht. Die Piraten singen ihre Jubelhymne.

Das Ziel liegt so nahe - Die Piraten glauben, dass sie jetzt Nordafrika erreicht haben. Sie jubeln und singen ihre Hymne. -  Foto: Gert Kiermeyer
Das Ziel liegt so nahe
Die Piraten glauben, dass sie jetzt Nordafrika erreicht haben. Sie jubeln und singen ihre Hymne.
Foto: Gert Kiermeyer

   Das Schiff hat Kurs auf das christliche Djerba genommen, wie Saïd Blanca klar zu machen sucht. Er hat sie aus ihren Angstträumen geweckt. Sie erklären sich ihre gegenseitige Liebe, Treue und Unterstützung. Unterdessen wurde Malek zum Kapitän ausgerufen und nimmt Saïd gefangen. Joanot kann die Christen dazu überreden, ihm Reichtümer und Titel zu versprechen, wenn er sie rettet. Er versorgt die Gefangenen mit Waffen. Die Christen überfallen die schlafenden Piraten und ermorden sie. Nur Saïd überlebt, soll aber gehängt werden. Blanca setzt sich für seine Begnadigung ein. Die Liebenden wollen den Traum von der Vereinbarkeit ihrer Kulturen verwirklichen. Doch Saïd wird von Blancas Vater hinterrücks erschossen. Blanca nimmt sich das Leben. Ein Epilog vereinigt die Stimmen der Lebenden und der Toten. Frieden und gegenseitiges Verstehen bleiben ein Traum.
   Also ein bestürzender gesellschaftskritischer Plot, in dem besonders die Christen, die nicht nur einmal und gründlich für das Ende der Andersgläubigen sorgen, an den Pranger gestellt werden. Kulinarisch versüßt wird er durch eine süffige Musik, ein eindrucksvolles Bühnenbild und ein paar komische Szenen. Es handelt sich also um ein Werk, das hervorragend in die Tradition eines Opernhauses passt. Schließlich gibt es in dem Handlungsablauf, der auf eine Verstragödie von Àngel Guimeràs zurückgeht und von Xavier Bru de Sala aufgearbeitet wurde, viele Parallelen zu klassischen Werken des Musiktheaters. Der 88er Pop-Operncharakter der Musik von Albert Guinovart kann seine Verwandtschaft zur Musik von Claude-Michel Schönberg nicht verleugnen. Dessen Musical „Les Misérables“ war schon 1980 uraufgeführt worden, und sein Libretto, geschrieben von Alain Boublil, ließ es an vergleichbarer menschlicher Tragik ebenfalls nicht fehlen. Interessant ist, dass es in der Hallenser Aufführung auch eine Ouvertüre gibt, die in der DVD-Aufzeichnung der ursprünglichen katalanischen Version von Dagoll Dagom in Barcelona nicht vorkommt. Sie stimmt den Hörer auf wesentliche Themen des Stücks ein und wurde vom Opernorchester als eindrucksvollstes Stück Musik des ganzen Abends präsentiert.
   Mit Ausnahme des Prologs spielt das ganze Musical auf dem Piratenschiff (Bühne: Michael Zimmermann), das zu Beginn majestätisch ins Theater einläuft. Dass das Schiff ständig vom Bühnenpersonal, gelegentlich wohl auch vom Ensemble, umständlich hin- und hergeschoben, gedreht und sogar in zwei Teile zerlegt wird, macht die anfänglich großartige Wirkung dieser Bühnenseefahrt wieder weitgehend zunichte. Schwerer aber wiegt der Nachteil, dass durch die Entscheidung, ein „komplettes“ Schiff auf die Bühne zu bringen, der Raum szenisch stark eingeschränkt wird. Während man noch im Prolog die ganze Bühne zur Verfügung hat, drängt sich in fast allen nachfolgenden Szenen das halbe Ensemble auf den Planken des Schiffs. Zugegeben, durch das akrobatische Klettern der Darsteller in der Takelage und in den Rahen wird der Spielraum nach oben erweitert, und es werden bühnenwirksame Effekte erzielt. Nicht selten allerdings bangt der Zuschauer um die Sicherheit der Darsteller, insbesondere dann, wenn sich der Bug des Schiffs schier über den Orchestergraben schiebt. Andererseits vermisst man Kleinigkeiten, wie beispielsweise das Aufblähen der Segel, wenn das Schiff Fahrt aufnimmt.
   Aufgrund der offensichtlichen Platznot auf dem Schiff wird Regisseur Hartmut H. Forche immer wieder dazu gezwungen, Kajütenszenen außerhalb des Segelschiffs zu positionieren. Dann dreht sich das Schiff um 180 Grad und die Räume unter Deck werden durch fensterartige Ausschnitte und ein wenig Beleuchtung angedeutet. Die dazu gehörigen Szenen spielen sich da ab, wo man eigentlich das Meer vermutet. Das gilt auch für die Rückblende auf Saïds Jugend, oder für Blancas Traum. Hier entstehen aber wirkungsvolle Momente. Rundum gelungen sind die Kostüme des in Spanien geborenen José-Manuel Vazquez, die das Bühnenbild nicht nur ergänzen, sondern die Schiffskulisse erst so richtig lebendig werden lassen. Was wäre sie ohne seine prächtigen Piratenkluften.
   An der Spitze der Darsteller ist Jan Ammann zu nennen, der den muslimischen Piratenkapitän als prächtigen Menschen kraftvoll und mit schöner Stimme gibt. Ihm zur Seite steht Sara Fonseca als ihm liebgewordene Christin Blanca, die leider den Begriff Musical allzu wörtlich nimmt und mit ihrem manchmal nervenden Beltgesang den hervorragenden Ammann überdeckt. Schade. Viele der zahlreichen Rollen haben die ausgezeichneten Mitglieder des operneigenen Ensembles übernommen. Besonders gut gefällt die quirlige und stimmlich gut disponierte Uta Jacobi, die als Schiffsjunge Idriss ihr Debüt am Haus gibt und die Masten des Schiffs auf und ab turnt, dass es eine Freude ist. Sie belebt die langatmige Story immer wieder mit ihrem Temperament. Die mitreißenden Chöre wurden von Ulrike Stein einstudiert, die musikalische Leitung liegt in den Händen von Joan Vives und Kay Stromberg.
   Die eindrucksvolle Musik tröstet über das trotz aller Auseinandersetzungen eigenartig spannungsarme Geschehen und die abschließende gründliche Beseitigung der Muslime hinweg. Hier braucht es dringend als Epilog den schönen Traum von Frieden und Verstehen, zu dem sich alle Stimmen vereinen. Das Premierenpublikum war beeindruckt und applaudierte begeistert.

Arthur H. Maute
16. März 2007

Sind die Welten der Liebenden vereinbar? - Blanca, die Christin und Tochter des Vizekönigs von Valencia (Sara Fonseca), und Saïd, der muslimische Piratenkapitän (Jan Ammann), träumen bis zuletzt davon, dass ihre Liebe die Gegensätze der Religionen und Kulturen überwinden kann. -  Foto: Gert Kiermeyer
Sind die Welten der Liebenden vereinbar?
Blanca, die Christin und Tochter des Vizekönigs von Valencia (Sara Fonseca), und Saïd, der muslimische Piratenkapitän (Jan Ammann), träumen bis zuletzt davon, dass ihre Liebe die Gegensätze der Religionen und Kulturen überwinden kann.
Foto: Gert Kiermeyer

Weitere Vorstellungen:
4., 5., 14. April, 4., 18. Mai, 22. Juni
jeweils um 19.30 Uhr.
9. April und 10. Juni um 15:00 Uhr
Kartenbestellung:
Telefon 0345-2050222
E-Mail: ticket@opernhaus-halle.de