Terence McNallys Stück wurde im Stuttgaretr Alten Schauspielhaus von Carl Philip von Maldeghem inszeniert. Susanne Heydenreich iat die Callas. „Meisterklasse“ in Stuttgart
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„Heute bin ich nicht bei Stimme“
Susanne Heydenreich spielt in Stuttgart die Callas, ohne auch nur eine Zeile zu singen.

Susanne Heydenreich als Opernstar Maria Callas: Die Diva unterrichtet Meisterschüler. Während ihre berühmten Arien erklingen, steigen die Erinnerungen der Primadonna assoluta an ihre Erlebnisse an der Mailänder Scala auf, an ihre Ehe mit Giovanni Batista Meneghini und ihre Beziehung zu dem griechischen Reeder Aristoteles Onassis. – Foto: Sabine Haymann

Maria Callas gilt als die größte dramatische Sopranistin ihrer Zeit. Mit ihr beschäftigt sich das Stück „Meisterklasse“ von dem 1939 in St. Petersburg in Florida geborenen Callas-Fan Terence McNally. Das „Schauspiel mit Operngesang“ kam im März 1995 bei der Philadelphia Theatre Company heraus und hatte schon im November desselben Jahres Premiere im Golden Theatre in New York City. Es lief am Broadway 19 Monate und erhielt 1996 den Tony Award. Zoe Caldwell spielte die Callas und erhielt für ihre Leistung ebenfalls einen Tony. Sie soll, wie der New Yorker damals berichtete, ihre Rolle mit „stählerner Überzeugungskraft“ gespielt haben. Die Zeitschrift kritisierte jedoch am Stück, dass die Unterrichtsstunden der Callas nicht korrekt wiedergegeben seien: „Als Lehrerin war die Callas eine außerordentliche Expertin, sie war unermüdlich und aufmerksam gegenüber ihren Schülern und nutzte das Publikum nicht für ihre Egomanie aus.“ „Master Class“ sage mehr über seinen Autor aus, als über die Sängerin, und bringe einem die Persönlichkeit der Callas in Wirklichkeit überhaupt nicht näher.
   Wer mit den etwas verschwommenen Erinnerungen an die Karriere und die Affären der Callas, über die in den 50er und 60er Jahren die Medien immer wieder berichteten, ins Theater geht, erwartet natürlich, etwas über das Leben des Opernstars zu erfahren, vielleicht sogar etwas Intimes. Und das, obwohl der sachliche Titel „Meisterklasse“ dazu eigentlich wenig Anlass gibt. Schließlich weist er, wenn auch nicht unbedingt eindeutig und klar, darauf hin, dass die Kunst des dramatischen Operngesangs den Schwerpunk des Stücks bildet. Die Kombination von mehr oder weniger nüchternen Gesangsstunden mit einigen dramatischen Einlagen und dem Versuch, den Charakter und die Erinnerungen der Künstlerin an ihren Ehemann Batista Meneghini und ihre Beziehung zu dem griechischen Geschäftsmann Aristoteles Onassis auf die Bühne zu bringen, stellt vielleicht das Hauptproblem des Stückes dar. Die wenigen Theatergänger, die ernsthaft daran interessiert sind, wie professionelle Gesangsstunden, wie man sie zum Beispiel von Elisabeth Schwarzkopf kennt, bei der Callas wirklich abgelaufen sind, werden ebenso enttäuscht, wie diejenigen, die gekommen sind, um mehr über den Opernstar zu erfahren.
   Die Aufführung von „Meisterklasse“ im Stuttgarter Alten Schauspielhaus erklärt den weltweiten Erfolg des Stücks nur teilweise. Drei wichtige Komponenten dafür kann man jedoch ausmachen: die Ausstrahlung einer außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit, die fast tragikkomischen Auftritte von drei Studenten, zwei Sopranistinnen und einem Tenor, und nicht zuletzt die Musik, mit der schönste Erinnerungen an außerordentliche Opernabende und die wunderbare Gesangkunst der Callas wach werden. Das Stück, eigentlich eine One-Woman-Show, steht und fällt mit der Protagonistin, die zwei Akte lang das Publikum in Atem halten soll, dem darstellerischen Können der jungen, noch auszubildenden Sänger, und der Atmosphäre der Szene während der Musikeinspielungen.
   In Stuttgart ist Susanne Heydenreich die Callas. Sie tritt auf und stellt als erstes demonstrativ den Mikrophonständer zur Seite. „Ich halte nichts von Mikrophonen. Die Menschen wissen nicht mehr, wie man zuhört. Sie erwarten, dass ihnen alles entgegengedonnert wird.“ Vom Publikum wird Konzentration verlangt. „Wenn Sie mich nicht hören, ist das Ihre Schuld. Sie konzentrieren sich nicht.“ Ein Seitenhieb auf die Musicalkultur, bei der Lautstärke mit Emotionen verwechselt wird? Heydenreich überrascht als eine sehr sanfte Callas, sie hat selten wirklich Biss in ihrer Stimme, auch wenn Sie heftig wird. Doch damit kommt sie den ursprünglichen Meisterklassen in New York vielleicht näher, als es der Autor für sein Stück ursprünglich vorgesehen hatte. Und vielleicht auch den öffentlichen Klassen von Elisabeth Schwarzkopf, obwohl man Heydenreich die wirkliche Begeisterung für die Musik nicht so ganz abnimmt. Es fehlen die leuchtenden Augen und das Strahlen von innen heraus.
   Die Monologe der Callas werden aufgelockert durch die Auftritte der Gesangsschüler und des Pianisten. Stefan Veselka, der anfangs besonders als Zielscheibe für den eigenartigen Humor der Callas dient, sehr zurückhaltend am Flügel, lockert aber doch gleich die etwas sterile Atmosphäre zu Beginn auf. Urkomisch ist Alexandra Paulmichl als gehemmte Sopranistin Sophie de Palma, die es schwer hat, nach dem Vorspiel des Pianisten über den ersten Ton einer Arie aus Bellinis „La Sonnambula“ hinaus zu kommen. Besser geht es Tony Candolino, der mit den Unarten eines angehenden Operntenors auftritt, aber mit der Arie „Recondita armonia“ aus Puccinis „Tosca“ die Callas schließlich für sich einnimmt. Thomas Markus ist in dieser Rolle köstlich. Eine eher tragische Figur unter den Studenten ist die Sopranistin Sharon Graham (Sarah Ferede), die eine hübsche Stimme hat, und die sich an der Briefszene, der Auftrittsarie von Lady Macbeth, versucht. Die Callas zerreißt sie jedoch am Ende quasi in der Luft, wenn sie ihr sagt, sie solle „an etwas arbeiten, das ihren Möglichkeiten mehr entspricht. Mimi, oder Michaela vielleicht. Aber Norma. Lady Macbeth – ich glaube nicht ... Für eine große Karriere braucht man mehr als eine hübsche Stimme.“
   In einer Opernklasse spielen Musik und Gesang natürlich die Hauptrolle. Die Callas hat ja ihre Stimme in vergleichbar jungen Jahren verloren. In McNallys Originalversion wird diese besondere Verletzlichkeit und Abhängigkeit der Sänger von ihrem Hauptinstrument, ihrer Stimme, besonders herausgearbeitet. Dies geschieht durch die Gegenüberstellung von zwei Aufzeichnungen von großartigen Gesangszenen der Callas und der einzigen Zeile im ganzen Stück, die sie selbst singt: im zweiten Akt den Anfang der Arie von Lady Macbeth, nachdem sie den Brief gelesen hat. In den Bühnenanweisungen steht: „Was herauskommt, ist eine rissige und gebrochene Sache. Eine ruinierte Stimme. Es ist ein schrecklicher Moment.“ Es wird zwar erzählt, die Callas habe an solchen ganz schlechten Tagen einfach gesagt „Heute bin ich nicht bei Stimme“ und sei dann im Unterricht fortgefahren, ohne weiter viel Aufhebens zu machen. Trotzdem hat McNally hier eine tragische Schlüsselszene geschrieben, die in Stuttgart gestrichen ist. Ob nun aus unerfindlichen oder eher offensichtlichen Gründen wurde auch nach einer kurzen Unterredung mit Regisseur nicht klar.
   Das Bühnenbild des vielseitigen und viel gefragten Christian Floeren besteht aus einem einfachen, zweckmäßigen, sehr nüchternen Probenraum, der im Hintergrund durch eine Spiegelwand abgeschlossen wird. Während der Einspielungen der beiden Musikaufnahmen mit der Originalstimme der Callas und den Reminiszenzen an die Zeit ihres Erfolges, aber auch an ihre Konflikte mit Meneghini und Onassis, werden die Spiegel transparent, und es erscheint eine Projektion der Scala, desjenigen Ortes, wo der Opernstar Triumphe feierte, aber auch eine der größten Niederlagen erlitt.
   „Meisterklasse“ wurde inszeniert vom Intendanten des Alten Schauspielhauses, Carl Philip von Maldeghem, und die herausragende Rolle der Callas spielt die Intendantin des Theaters der Altstadt, Susanne Heydenreich. Eine Produktion, die mit der Zusammenarbeit über die Grenzen der beiden Häuser gewiss ein besonderes Ereignis darstellt. Es scheint, dass der Intendant als Regisseur der Intendantin als Darstellerin weitgehend freie Hand ließ - eine gute Entscheidung.

Arthur H. Maute
21. April 2005