Seit Dezember 2008 verkörpert Nazide Aylin äußerst erfolgreich die anspruchsvolle Rolle der Anita in der Grazer Produktion von Bernsteins „West Side Story“, ein Anstoß zu einem ausführlichen Gespräch mit der Künstlerin.
Nazide Aylin
Künstlerinterview
Letzte Änderung:
zurück

Wenn Glaube, Wille und Talent aufeinandertreffen
Ein Interview mit einer aufstrebenden Künstlerin

Es geht um die Liebe... - Nazide Aylin, zuletzt noch Amneris in Elton Johns Musical „Aida“ beim Musicalsommer Amstetten und danach Anita in Bernsteins „West Side Story“ in Graz, komponiert auch und gibt Gesangsunterricht für Jugendliche. - Foto: Vera Stelzmayer
Es geht um die Liebe...
Nazide Aylin, zuletzt noch Amneris in Elton Johns Musical „Aida“ beim Musicalsommer Amstetten und danach Anita in Bernsteins „West Side Story“ in Graz, komponiert auch und gibt Gesangsunterricht für Jugendliche.
Foto: Vera Stelzmayer

In die Wiege gelegt
   Nazide Aylin Gönenli, 1983 in Wien geboren, wuchs in Istanbul auf und kehrte aus familiären Gründen im Volksschulalter wieder nach Österreich zurück. Dieses Leben zwischen zwei Kulturen hat sie sehr geprägt. Der Wunsch und das Talent auf die Bühne zu gehen wurden ihr in die Wiege gelegt: Ihr Vater war Staatsopernsänger in Istanbul und ihre Mutter studierte Konzertfach Gitarre. Bereits mit fünf Jahren stand Nazide zum ersten Mal auf der Bühne: im Kinderballett der Istanbuler Staatsoper als „kleiner, roter Marienkäfer“. Obwohl ihre Eltern sie immer wieder auf die Schwierigkeiten und Gefahren des „unsicheren Berufs“ Schauspieler hinwiesen und meinten Nazide solle doch „was ordentliches lernen“, zog es sie auf die Bühne.
   Mit 17 Jahren absolvierte sie das musische Bundesoberstufen-Realgymnasium (BORG) in Wr. Neustadt. Die Zeit an dieser Schule bezeichnet Nazide als grundlegend für ihre weitere musische Ausbildung. Ein Jahr zuvor begann sie im Konservatorium der Stadt Wien Sologesang bei Prof. Sebastian Vittucci zu studieren. Ab 2001 studierte sie an der gleichen Institution „Musikalisches Unterhaltungstheater, Operette und Chanson“, welches Nazide vier Jahre später mit Auszeichnung abschloss.
   Der plötzliche und unerwartete Tod ihres Vaters warf sie 2005 völlig aus der Bahn. Um diesen Schicksalsschlag bestmöglich zu verdauen, nahm sie das Angebot auf dem Kreuzfahrtschiff „Aida“ an. Somit reiste sie mehrere Monate als Solistin im Entertainment-Programm des Schiffs um die halbe Welt. Wieder zurück in Österreich schlug sich Nazide mit Gelegenheitsjobs durch und stellte sich einer Audition nach der anderen, doch beruflich ging es nicht bergauf.

Der Sommer 2007, der Sommer der Veränderungen
   Die beruflich erfolglose Zeit veranlasste Nazide komplett neu durchzustarten; der Misserfolg hielt ihr vor Augen, dass sie von ihrem Ziel, Karriere zu machen, abgekommen war. Es muss dann wohl das Schicksal gewesen sein, dass ein Cousin in der Türkei Nazide auf die ORF-Produktion „Musical! Die Show“ aufmerksam gemacht hat. Dieses, in Österreich neue Sendeformat, ist mit „Musical-Showstar 2008“ (ZDF) zu vergleichen. Nachdem die Vorrunden gemeistert wurden, war sie auch einer der zehn Protagonisten der Sendung. Bereits in der vierten Runde musste Nazide die Show verlassen, was eine große Enttäuschung für sie war. Doch wieder war das Schicksal am Werk, denn einen Tag danach fand in Graz die Audition für Bernsteins „West Side Story“ statt, wo sie seit Dezember 2008 die Rolle der Anita äußerst erfolgreich verkörpert. Zuvor spielte sie noch Amneris in Elton Johns Musical „Aida“ beim Musicalsommer Amstetten, wo sie von Kritikern und Publikum gelobt wurde. Weiters gibt Nazide Jugendlichen Gesangsunterricht und komponiert ihre eigenen Lieder.

Das Interview

„Tiefgang ist für mich selbstverständlich“
   Bei „Amneris“ in „Aida“ und „Anita“ in „West Side Story“ hast du es geschafft, deiner Rolle Tiefe und viele Facetten zu verleihen und sie zu deiner eigenen zu machen. Wie machst du das bzw. wie gehst du an die Sache ran?
   Ich lege darauf Wert, dass eine Rolle einen gewissen Tiefgang hat. Sonst bleibt das Ganze immer nur auf der Oberfläche und das finde ich langweilig - zum Spielen und Anschauen. Meines Erachtens verlangt „Anita“ in „West Side Story“ die Tiefe und bei „Amneris“ habe ich der Rolle eine Tiefe geben wollen, da sie sich meiner Meinung nach am meisten entwickelt. Für mich ist diese Tiefe selbstverständlich.

Die Vergewaltigungsszene ließ einem das Blut in den Adern gefrieren. Wie erlebst du die Szene?
   Ich war mir anfangs nicht ganz sicher, ob das zu einer Vergewaltigung führen sollte. Deswegen habe ich beim Regisseur Josef Köpplinger nachgefragt und er wollte nur diese Variante inszenieren. Anfangs hat das in mir alles gefrieren lassen, da ich so etwas noch nie erlebt habe und es eine ziemliche Herausforderung ist. Ich fand es aber auch gut, dass es so weit ging, da es mir im Nachhinein auch viel über die Rolle und dem Verlauf der Rolle erklärt. Es passt vor allem zur sehr aggressiven Inszenierung und zum Stück allgemein.

Wie habt ihr die Szene erarbeitet?
   Um uns besser kennenzulernen, sind wir mal zusammen ausgegangen (lacht). Ansonsten hatte ich ein großes Glück mit meinen lieben Kollegen, die mir da wirklich geholfen haben. Vieles, man sieht es vielleicht nicht - man soll es vor allem auch nicht sehen, ist ja auch choreographiert. Und das schwächt das ganze für uns Darsteller auch wieder ab. Wir brauchen ein Gerüst. Man kann so eine Szene nicht komplett in der Luft hängen lassen. Da wir alle sehr sensibel miteinander umgehen, freust du dich nämlich auch auf diese Szene, so absurd das auch klingen mag. Aber man muss das ganze professionell als Schauspieler sehen und nicht persönlich nehmen.

Woran, glaubst du, liegt es, dass „West Side Story“ momentan in Graz so erfolgreich läuft?
   Zu aller erst, finde ich, dass dieses Stück ein Publikumsmagnet ist weil es die „Mutter aller Musicals“ und eine großartige Kombination von Bernstein und Sondheim ist, die es so kein zweites Mal gibt. Mir gefällt die Inszenierung in Graz und die Stimmung innerhalb des Ensembles sehr gut und glaube, dass das Stück viel mit dem Jetzt zu tun hat und irrsinnig aktuell bleibt. Vor allem die Geschichte rund um die bedingungslose Liebe à la „Romeo und Julia“ zieht die Menschen einfach an. Das ist etwas, an das wir in der heutigen Gesellschaft glauben wollen, aber was immer weniger funktioniert.

Nazide Aylin - Foto: Vera StelzmayerUnerschütterlicher Glaube
Du hast im Sommer 2005 das Privatkonservatorium der Stadt Wien mit Auszeichnung bestanden. Danach ließ dich ein herber Schicksalsschlag auf das Clubschiff „Aida“ flüchten. Wieder zurück in Wien musstest du dich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen. Was war die treibende Kraft weiterzumachen?
   Die treibende Kraft war mein unerschütterlicher Glaube daran, dass ich noch meinen Weg vor mir habe und dass es das einfach noch nicht gewesen sein kann. Der Glaube, dass es da noch etwas gibt; dass ich noch einiges in der Theaterwelt machen muss. Das war mein positiver Motor.

Wie hast du wieder den Anschluss gefunden?
   Wenn man das „Anschluss“ nennen kann, war es „Musical! Die Show“ mit vielen positiven Auswirkungen für mich.

Wie war es in diesem neuen Sendeformat mitzumachen?
   Es war eine große Erfahrung. Unterm Strich gesehen hat es mir nur etwas gebracht. Ich konnte Erfahrung im Umgang mit Medien sammeln, wie es ist auf Zeit im Rampenlicht zu stehen und vor so vielen Zuschauern aufzutreten. (Anm. im Schnitt verfolgten knapp 600.000 Zuseher diese Sendung, was einen Marktanteil von ca. 25% entspricht). Ich habe die Zeit wirklich genossen.

Was hat dir dennoch nicht so gut gefallen?
   Wir hatten wenig Zeit uns vorzubereiten und wir durften unsere Songs nicht selber aussuchen. Somit musstest du irgendein Lied vorbereiten, was womöglich nicht zu deinem Typ passt und dann gegen dich verwendet wird.

Bei „Musical! Die Show“ wurde dir gerne das „Vollblutweib“ nachgesagt. Wie bist du damit umgegangen?
   Das ist etwas, was man von außen gesagt bekommt. Das ist das was die Leute in einem sehen wollen und so ein gewisses Schubladendenken ist für die Menschen wichtig, da sie dich sonst nicht fassen und einordnen können. Wenn viele Leute so denken, lasse ich sie in diesem Glauben und bediene es dann natürlich auch. Ich versuch so gut wie möglich authentisch zu bleiben und mich nicht zu verstellen. Ganz persönlich halte ich nichts von Schubladen, aber ich kann nicht beeinflussen wie andere Leute über mich denken. Ich kann sie jedoch sehr wohl beeinflussen, indem ich nicht nur eine Sache mache - und das tue ich nicht. Mein Individualismus hilft mir dabei.

Nazide Aylin - Foto: Vera StelzmayerUnterricht und Komposition
Neben der Tätigkeit auf der Bühne gibst du auch Jugendlichen zwischen 11 und 18 Jahren Gesangsunterricht. Was versuchst du deinen Schülern mitzugeben?
   Gesangstechnik und das Rüstzeug, das sie brauchen. Aber vor allem versuche ich realistische Ziele aufzustellen und Spaß mitzugeben. Und deren Einstellung und Reaktionen zeigen mir, dass ich und sie auf dem richtigen Weg sind.

Du hast bis jetzt zehn Lieder, teils auf englisch, teils auf deutsch, geschrieben. Gibt’s eine Rangehensweise? Wie komponierst du?
   Im Bestfall kommt es einfach automatisch und entsteht in kürzester Zeit, wenn es entstehen soll. Ich habe bis jetzt nicht wirklich stundenlang getüftelt - es ist einfach gekommen.

Um was geht’s in deinen Liedern?
   Es geht um Liebe, nicht erfüllte Liebe, beendete Liebe, Stolzsein und Leben. Und das ganze mit einem philosophischen Ansatz. Meine Texte sind prinzipiell nicht ganz einfach gestrickt, aber auch nicht hochkompliziert - einfach ein bisschen anspruchsvoller.

Ist das für dich eine Art Bewältigung?
   Definitiv. Es ist eine Bewältigung und bis jetzt auch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen. Aber auf Grund vieler Reaktionen habe ich mich entschlossen, das „Projekt CD“ in Angriff zu nehmen und meine Lieder aufzunehmen. Einfach für mich. Um das ganze zu sortieren, arrangieren, womöglich orchestrieren ohne einen kommerziellen Gedanken, vorerst.


Das Interview wurde am 1. März von Vera Stelzmayer geführt.
Fotos: Vera Stelzmayer