"Der Glöckner von Notre Dame" - Logo"Der Glöckner von Notre Dame" in Berlin Kritik
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Quasimodo und das Mädchen von Nebenan
"Der Glöckner von Notre Dame" in Berlin

Kathedrale - Foto von Stella AG

    Wir hatten die U-Bahn zum Potsdamer Platz genommen und stiegen gespannt aus der Tiefe herauf mitten auf die Jahrtausend-Baustelle. Natürlich hatten wir angenommen, daß uns sofort ein Hinweis auf das neue Stella Musicaltheater und eine Werbung für die Berliner Welturaufführung des "Glöckner von Notre Dame" in's Auge fallen würde. Doch weit und breit war kein Hinweis zu sehen, weder auf das Musical noch auf das Theater. Wir warfen einen irritierten Blick in das bunte Faltblatt. Stand hier nicht eindeutig "Musical Theater Berlin am Potsdamer Platz"? Wir fanden weder die Angabe einer genauen Adresse noch den Abdruck einiger Hinweise oder einer Skizze für Nichtautofahrer. In einiger Entfernung von der U-Bahnstation waren einige beeindruckende Hochhäuser zu sehen, teilweise im Bau, teilweise fast fertiggestellt, jedoch weit und breit kein Wegweiser. Also gut, der Musicalbegeisterte findet auch so an’s Ziel. Wir fragten also einen Passanten. Es stellte sich heraus, daß wir an einen Wiener geraten waren, der glücklicherweise das Stück am Vortag gesehen hatte. Somit konnte er uns also den Weg zum Theater weisen, das sich schamhaft und ziemlich weit hinter den Neubauten und einer Mall, genannt Arkaden, versteckt. Wir hätten Glück, meinte der Wiener, er habe mindestens sechs Berliner fragen müssen, bis ihm einer sagen konnte, wohin er gehen müsse. Durch seine Auskunft könne er uns glatt eine halbe Stunde Zeit sparen. So lange hatte er nämlich gebraucht, bis er das Theater gefunden hatte. Auf unsere Zusatzfrage, wie ihm das Musical denn gefallen habe, antwortete er kurz und bündig: "Nun ja, es ist kein Muß." Diese ermutigenden Worte im Sinn, gingen wir dann in die Vorstellung.
   Nein, ein Muß ist diese Joint-Venture-Produktion von Stella und Disney nun wirklich nicht. Das Programmheft bezeichnet das Stück ausdrücklich als basierend auf dem Film von Tab Murphy, Irene Mecchi et al. Es ist also erlaubt, Zeichentrickfilm und Musical einander gegenüberzustellen. Ein Vergleich mit dem Roman wäre wahrscheinlich, ebenso wie bei dem "Mißmutical" Les Misérables (zu den Mißmuticals zähle ich übrigens auch Miß Saigon), fehl am Platz. Der Film, ebenfalls mit Musik von Alan Menken, hatte bei mir ziemlich hohe Erwartungen geweckt, die jedoch größten Teils enttäuscht wurden. Während bei "Die Schöne und das Biest" - ebenfalls mit Musik von Menken - die Übertragung eines Zeichentrickfilms auf die Bühne mit Erfolg vorgenommen wurde, ist dies mit dem Glöckner leider nicht im selben Maß gelungen. Ich habe mich natürlich gefragt, warum. Als etwas pauschales Resultat möchte ich meine Meinung zunächst so zusammenfassen: Der Zeichentrickfilm hauchte durch seine teilweise äußerst expressiven und fast surrealistischen Animationen der Musik ein Leben und eine Faszination ein, die durch die biedere Inszenierung auf der Bühne nicht erreicht wird. In Berlin kann man nicht mehr verbergen, daß die manchmal ganz netten, teilweise aber doch sehr dürftigen oder fast ganz fehlenden Einfälle der Musik Menkens ohne entsprechende optische Effekte über große Strecken einfach langweilen. Die zusätzlich geschriebenen Lieder fallen gegenüber den Originalsongs aus dem Film noch ab. Von den insgesamt 19 Nummern bleiben einem gerade einmal die zwei aus dem Film stammenden Melodien ("Hilf den Verstoss'nen" und "Einmal") in Erinnerung, die in überraschend gelungene Ensembles münden, wobei allerdings nicht klar wird, inwieweit sie von Menken selbst oder von seinen Arrangeuren (Michael Kosarin und Michael Starobin) stammen. Das eine oder andere kurze Motiv der sich manchmal archaisierend gebenden, sonst sich weitgehend an klassischen Vorbildern orientierenden, und am Ende des zweiten Aktes sich an Carl Orff anlehnenden Musik ließ ab und zu aufhorchen. Übrigens ganz überraschend erklang am Anfang des zweiten Aktes als Intermezzo plötzlich eine Schlagermelodie ("Ein Mann wie Du"), die aus einer Operette von Eduard Künneke stammen könnte.
   Das Bühnenbild (Bühnenbild und Projektionsdesign: Heidi Ettinger und Jerome Sirlin, Lichtdesign: Rick Fisher) bestand, abgesehen von einigen wenigen Versatzstücken, Bändern und seitlich erscheinenden und wieder verschwindenden Kulissenteilen, lediglich aus Projektionen auf die Bühnen-Rückfläche, auf Flying Panels, Windows und Portals und die sogenannten Cubes - ich verwende hier ausdrücklich den Jargon des Programmhefts - , die den größten Teil der Bühne ausfüllten und mit beträchtlichem Tempo auf- und niedergefahren wurden, wobei die eigentliche Spielfläche auf diesen Cubes je nach Bedarf noch geneigt werden konnte. Sicher ein Manko für die Darsteller, die sich bestimmt manchmal, statt auf ihre Rolle, mehr darauf konzentrieren mußten, keinen Fehltritt zu machen. Am Anfang war ich durchaus beieindruckt, doch bald schon empfand ich das dauernde Herauf- und Herunterfahren dieser Cubes als ermüdend. Unterblieb jedoch dieses ständige Auf und Ab einmal für kurze Zeit, so erschien die große Bühne auf einmal als öde leere Spielfläche. Im übrigen waren die gegen das Scheinwerferlicht abschirmenden sogenannten Jalousien der Cubes auf den vorderen Plätzen überdeutlich und störend zu sehen. Sicher waren die Projektionen für die Zuschauer auf den hinteren Plätzen sehr viel beeindruckender. Ihren großen Moment hatten sie zweifellos im Innern der Kathedrale, mit dem aufs Publikum zu fließenden Wasserstrom der Seine, und dem tatsächlich phänomenalen Sturz von Frollo vom Turm in die Tiefe, bei dem die Projektionen für eine rasche und filmartige scheinbare Bewegung der Szenerie nach oben sorgten.
   War es nun Absicht des Regisseures James Lapine, dessen großartige Inszenierung von Sondheims Kammerspiel "Passion" ich mehrfach am Broadway gesehen und auch als Video-Aufzeichnung im Schrank habe, daß mir im "Glöckner von Notre Dame" fast alle Personen eher wie alte Bekannte aus der Nachbarschaft erschienen? Offensichtlich kann Lapine einfache Menschen, zum Teil in sehr anrührenden Szenen, glaubhaft auf die Bühne bringen, den Bogen einer hochdramatischen Monstershow zu spannen, scheint ihm jedoch nicht so zu liegen.  

Esmeralda - Foto von Stella AG

   Judy Weiss als Zigeunerin Esmeralda: war sie nicht eher das saubere, gut aussehende und liebe Mädchen von nebenan, das jeder gern heiraten möchte? Zumal sie doch auch noch wirklich hübsch sang. Klar, daß der viel zu brav erscheinende Frollo sie mochte, ganz zu schweigen von Phoebus und Quasimodo. Esmeraldas Tod war dann noch schöner, und dazu auch noch kürzer, als jede mir bisher bekannte Sterbeszene aus der Oper - eine paar liebe Worte zu Quasimodo, dann war sie eingeschlafen. So ganz klar war es ja nicht, warum sie, nach ihrer Rettung vom Scheiterhaufen, im Gegensatz zum Film, dann doch noch starb. Vielleicht eine Rauchgasvergiftung? Ihr Kostüm schien jedenfalls weitgehend unversehrt. Was hätte man als Regisseur mit einer verführerischeren Darstellerin mit mehr Ausstrahlung als der von Judy Weiss und einer mitreißenderen Musik als der von Menken aus dieser Rolle herausholen können. Aber selbst unter den gegebenen Umständen hat sich Lapine hier wirklich mehr als nötig an das saubere Frauenbild Disney‘scher Animationen gehalten. Man darf gar nicht an Maureen O’Hara oder Gina Lollobrigida in dieser Rolle denken
   Und wo waren die unheimlichen Zwänge und Zweifel des dämonischen Frollo, der im Zeichentrick einige der stärksten Szenen hatte? War er nicht auf der Bühne wirklich in erster Linie ein guter Freund von Quasimodo, den er vor der allzu bösen Welt schützte, wenn er auch seine Erdbeeren lieber selber aß, statt sie mit ihm zu teilen. Was man im Film noch verstand, war auf der Bühne - natürlich auch mangels genauerer Kenntnisse mittelalterlicher Zustände und Philosophien, die einem als Zuschauer ja nicht wirklich nahegebracht wurden - doch ziemlich unklar. Ich sprach mit Leuten, die in derselben Vorstellung nicht einmal begriffen hatten, daß Frollo überhaupt hinter Esmeralda her war. Also fragte man sich natürlich, warum er denn überhaupt Höllenqualen ("Das Feuer der Hölle") leiden mußte, selbst wenn man sich klar darüber geworden war, daß er sich in Esmeralda verguckt hatte. Na ja, nur wer ganz genau aufgepaßt hatte oder den Text schon kannte, bekam mit, daß er ursprünglich als "junger Priester" geweiht worden war, dann aber auszog, die Welt, in diesem Fall Paris, zu verbessern und vor allem von Zigeunern zu befreien. Norbert Lamla, ausgezeichnet bei - klassischer - Stimme, und im Grunde ein beeindruckender Darsteller, war hier halt ein einfacher, fast sympathischer Mensch mit gewissen Schwächen, und kein besessener königlicher Stadtvogt und Richter.

Quasimodo, Esmeralda und Phöbus - Foto von Stella AG

   Der Glöckner selbst wurde gespielt von dem stimmlich überzeugenden und überaus sportlichen Drew Sarich. Doch warum mußte er sich oft wie ein Affe bewegen? Damit es glaubhaft wurde, daß er sich an den Glockenseilen von Vorsprung zu Vorsprung schwingen konnte? Und er sprach doch meistens ganz ordentlich und war auch vernünftig, aber dann, in Gegenwart von Esmeralda, mußte er stammeln und lallen, als ob er soeben einer Anstalt entsprungen wäre.   
   Was beibt noch zu berichten? Die Steinfiguren, die im Film für den nötigen Humor sorgten, entlockten einem nur ein paar Mal ein Lächeln, was insbesondere für den Antoine von Tamas Ferkay galt. Den beiden anderen Darstellern der "Wasserspeier" gab der Dialog nicht allzu viele Chancen, sich zu profilieren. Und die vielen komischen kleinen Szenen des Films, wie die Pfeife rauchende Ziege Esmeraldas, die gelegentlich auch Frollo die Zunge herausstreckt, oder das Pferd von Phoebus, das Soldaten einfach durch Hinsetzen lahmlegt, ließen sich - na klar - auf der Bühne nicht realisieren.   
   Dann waren da noch Hauptmann Phoebus (André Bauer) und Zigeunerkönig Clopin (Andreas Gergen), beide mit akzeptablen Musicalstimmen. Clopin allerdings nervte mich mit den nicht enden wollenden Wiederholungen der "Glocken von Notre Dame"-Schlußphrase, was gewißlich nicht seine Schuld war, sondern die des Komponisten und des Liedtexters (Stephen Schwartz).  
   Soll ich die Choreographie von Lar Lubovitch überhaupt erwähnen? Am Broadway war er unter anderem verantwortlich für "High Society", nicht gerade eine choreographische Offenbarung, und "The King and I", wo er auf die ursprüngliche Choreographie des genialen Jerome Robbins zurückgreifen konnte. Kein weiteres Wort zu den Zigeunerszenen mit ihren Ringelreihentänzen. 
   Schließlich der deutsche Text: von Michael Kunze übertragen, leicht verändert gegenüber der ebenfalls eingedeutschten Filmversion, mit Musicaldichtkunstblüten, wie "Wir woll'n, das gesteh'n wir, bald suchen nach Ammen, wenn Windeln dann wehn hier" als aufmunternde Worte für Quasimodo, gesungen von seinen steinernen Freunden. Ich habe mir gar nicht erst nicht die Mühe gemacht, die englischen Songtexte, die mir als Klavierauszug in der Version des Zeichentrickfilms vorliegen, genau mit Kunzes Übersetzung zu vergleichen.
   Stella hat nach Berichten der Presse 45 Millionen in diese Produktion investiert. Wo sind sie geblieben? Sind sie alle in der Projektionstechnik und der Hydraulik verschwunden? Oder sind die Lizenzgebühren so hoch? Man kann es kaum glauben. Ein absolutes Nichts an dramatischer Handlung und die wenig inspirierte Musik wurden zu einem riesigen Ballon aufgeblasen. Hoffen wir für Stella, daß dieser Ballon nicht zu früh platzt, und für Disney, daß Berlin, wie in den Staaten üblich, nur eine erste Station auf dem Weg zum Broadway ist, und daß es gelingt, aus dem Stück noch ein überzeugenderes Musical zu machen. Schließlich wird "The Hunchback of Notre Dame" am Broadway wenigstens dem Vergleich mit den anderen Disney-Produktionen "The Lion King" und "Beauty and the Biest" standhalten müssen.

Arthur H. Maute
10.9.1999


Kritiken stellen grundsätzlich die Meinung des Autors, nicht die der MKV dar.

Fotos: Stella AG

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