Disco-Fieber in Hamburg
"Oh!
What A Night" hatte Premiere
im Operettenhaus
Wird dieses Nicht-Musical in
Hamburg Erfolg haben? Das fragen sich einige der "bösen"
Kritiker schon am Tag nach der Premiere. Und nur bis zum 28.
April 2002 soll das Stück laufen! Hat Stella
Entertainment, die zusammen mit Stuart
Littlewood produziert hat, doch gewisse Befürchtungen,
dass eine reine Disco-Show mit Schlagern der 70er Jahre
beim Publikum von heute vielleicht doch nicht so ankommen
könnte? Geladen hatte man auf jeden Fall möglichst
viele der gängigen Prominenz und diese ernsthaft darum
gebeten, doch unbedingt im Disco-Outfit zu kommen und
dazu die richtige Party-Laune mitzubringen. Also haben
die Macher vielleicht doch etwas Bammel, dass sie auf das
falsche Pferd gesetzt haben könnten?
Wir sollten uns hier von den
unvermeidlichen Miesmachern nicht gleich anstecken lassen.
Wenn es sich bei "Oh! What A Night"
nun auch nicht gerade um ein besonders anspruchsvolles
Theaterstück, ja nicht einmal ein echtes Musical
handelt, so bereitet die Show um den - kokosnussfreien - Kid
Creole einfach Spaß, und man verläßt die "Party
total!" - Werbeslogan der Stella -
beschwingt und fröhlich, was einem ja nun wirklich nicht
oft passiert, nicht einmal bei den gängigen Produktionen
der deutschen Musicaltheater. An die sattsam bekannten
Inszenierungen der Opern- und Schauspielhäuser darf man
dabei schon gar nicht denken.
Was war das also für eine Nacht? Das
Hamburger Operettenhaus war zur riesigen Disco
umgestaltet worden, in dem nur die verbliebene
Bestuhlung, auf der sich das Premierenpublikum, nach
vorherigem Genuss von Sekt und Häppchen, rechtzeitig
niedergelassen hatte, irgendwie störte. Eine große
Tanzfläche im Saal, umgeben von Tischen, wäre
zweifelsohne passender gewesen. Allerdings hätte man
dann nicht so viele Leute im Theater untergebracht, was
vielleicht gar nicht so schlecht wäre, in Anbetracht der
oben erwähnten ängstlichen Prognosen. Aber schließlich
hofft man ja, dass die Produktionskosten durch
ausverkaufte Vorstellungen wieder eingespielt werden können.
"Oh! What A Night",
das irgendwie an "Saturday Night Fever",
an "Grease" - und was sonst noch? ...
- erinnert, verfügt auch über eine Handlung. Da nur
englisch gesprochen und natürlich gesungen wird, meinte
man, diese sei erklärungsbedürftig. Uschi Nehrke,
die Moderatorin des Oldie-Senders fun fun Radio
und früher im Beat-Club der 70er Jahre, war
deshalb dazu auserkoren, am Premierenabend demjenigen
Teil des Publikums, das der englischen Sprache nicht,
oder nicht genügend, mächtig war, die Handlung zu erläutern.
Sie demonstrierte, leider hölzern und langweilig, ohne
Drive und Pep, krass den Unterschied zwischen deutscher
und angelsächsischer Unterhaltungskultur. In Zukunft
sollen die deutschen Zwischentexte, gesprochen von Manfred
Sexauer, aus dem Off kommen.
Mitte der 70er Jahre: Die New Yorker
Disco Inferno - DJ ist Kid Creole
als Brutus T. Firefly - hat finanzielle
Probleme, weil der Besitzer Paul Burns (Philip
Childs), selbst sein bester Kunde, was den
Whiskeykonsum angeht, von dem Ganoven Jack (Hugo
Harold-Harrison) ausgenommen wird. Dieser ist mit
Pauls Tochter Nikki (Rebecca Reaney) liiert.
Der junge Engländer Rik (Stuart Ramsey),
der glücklicherweise engagiert wird, um die Vakanz an
der Disco-Bar auszufüllen, kommt ihm jedoch in die Quere.
Dazu verhilft ein überraschend angesetzter
Tanzwettbewerb, veranstaltet von Roxie Rochelle
(Lucy Moorby), der Vertreterin eines berühmten
Hollywood-Studios, die auf der Suche nach einer typischen
Szene-Disco in Pauls Etablissement stolpert. Nikkis
Boyfriend Jack ist als Tänzer eine Null, und so
formieren Rik und Nikki ein Paar. Kurz und gut, nicht nur
die beiden, sondern die ganze Disco mit allen Boys und
Girls wird für den Film engagiert. Paul läßt das
Trinken und Jack ist gefeuert. Damit kann die "Party
total!" beginnen.
Vor dem simplen Bühnenbild (Paul
Normandale), das vor allem von dem effektvollen
Lichtdesign (Simon Tuchner) zum Leben erweckt
wird, singt und tanzt (Regie und Choreographie: Kim
Gavin) das vorwiegend aus England kommende Ensemble
gut gelaunt in glitzerbunten Kostümen, in denen Hotpants
eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielen. Das Ganze
wird getragen von den Songs der Siebziger, wie "Sex
Machine", "Ladies Night", "Car
Wash", "Play that Funky Music",
"Disco Inferno", "We Are a
Family", und "Love Train ",
wegen derer das Publikum schließlich auch gekommen ist.
Trotzdem dauert es einige Zeit, bis die Stimmung soweit
angeheizt ist, dass der von Stella gewünschte
Party-Effekt zum Tragen kommt, nämlich als kurz vor der
Pause "Y.M.C.A." erklingt. Von da ab
ist das Publikum allerdings nicht mehr zu halten, es
erhebt sich von den Sitzen, und feiert mit bis zur
abschließenden "Celebration", die in
Standing Ovations mündet.
Der 51-jährige Altstar Kid Creole,
wohl der einzige hier bekannte Künstlername, der sich
seit 1979 als Kid Creole & The Coconuts mit
einer Reihe von Hits einen Namen gemacht hatte, brachte
die Party nach der mißlungenen deutschen Einleitung mit
Charme und Eleganz ins Rollen und führte die vor allem tänzerisch
begeisternde Truppe zu den Höhepunkten der Show. Eine
wirkliche Leistung des Ensembles, aus dem sich die
Protagonisten, vor allem aber Rebecca Reaney und
Stuart Ramsey als Nikki und Rik
besonders abhoben.
Ein Vergleich von "Oh! What A
Night" mit dem im gleichen Haus kurz zuvor
abgesetzten Stück "Fosse - Die Show" drängt
sich natürlich auf. Beide Stücke sind Tanzshows, könnten
aber nicht gegensätzlicher sein. Fosse brachte
die niveauvolle Broadway-Choreographie Bob Fosses mit
ihrer Bonjour-Tristesse-Atmosphäre in einer strengen,
fast düsteren Inszenierung auf die Bühne. "Oh!
What A Night" weckte die Freude des Publikums
am gekonnten, artistischen Showtanz eher angelsächsischer
Provenienz und animierte mit fröhlichen Disco-Rhythmen
zum Mitmachen. Beide Shows sind großartig. "Oh!
What A Night" wird jedoch mit großer
Wahrscheinlichkeit ein ganz anderes Publikum ansprechen
als "Fosse - Die Show".
turbo
17.1.2002
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