Ein dunkles Kellergewölbe,
erleuchtet durch zwei Kerzen auf dem edlen Flügel,
sanfte Nähe, angenehme Intimität das ist
einladend. Aber trotzdem kann der Kunstfan es durchaus
verkraften, wenn er ein paar Minuten länger warten muss,
bis er hinein und in den Genuss des ersten Solo-Liederabends
von Marcel Kucera kommen darf: Schließlich hat
ja jeder, vom jungen Musical-Fan bis zum Klassikfreund älteren
Semesters, Verständnis dafür, dass Pianist Christoph
Wohlleben diese Stimmung beim Einspielen
erst einmal für sich selbst ein paar Minuten länger als
geplant genießen will ...
Aber dann ist es doch endlich soweit,
nach einer kurzen Einleitung durch Veranstalter Dr.
Arthur Maute von der Musical- und
Konzertvereinigung e.V. (MKV) kann Marcel im Studio
von Piano-Fischer in Schorndorf endlich
loslegen. Bestens aufgelegt, locker und sicher beginnt er
mit einem Musical-Block. Eine kleine Generalprobe muss
dabei auch sein: Musik der Nacht
schließlich stehen am folgenden Donnerstag die Auditions
für das Phantom der Oper auf dem
Programm, da kann ein letzter kleiner Test nicht schaden.
Den besteht Marcel, wenn es nach dem Applaus geht, mit
Bravour, den Wissenstest nach dem Alter des Musical-Klassikers
West Side Story nicht ganz so souverän.
Aber wozu hat man seine Mitarbeiter Christoph
Wohlleben hilft mit der passenden Jahreszahl aus ...
Und diesmal darf auch wieder Gott
ist tot in Marcel-Spezialversion nicht fehlen.
Spezialversion, das heißt: Kombiniert mit Wohl
der Nacht, dem Finale 1. Akt aus Tanz
der Vampire, diesmal sogar einschließlich
Abgang. Und wenn keine kunstvoll gestaltete Kulissen-Schlosstür
da ist, durch die man in die Dunkelheit ab- oder
eintauchen kann, dann tut es auch eine ganz normale. Aber
nicht allzu lange denn schließlich will Marcel
einmal das tun, was er im Theater nicht tun darf: Nach
dem Finale sofort zurück auf die Bühne
kommen, um den wohlverdienten Beifall zu genießen...
Der ist genauso verdient wie die erste
kurze Pause vor den neapolitanischen Liedern,
angefangen mit Granada. Aber dann,
nach der von MKV-Chef Dr. Arthur Maute moderierten
Interview-Runde, wissen wir auch, warum Herr Wohlleben
sich zuvor so theoriesicher zeigen konnte: Die Diskussion
über die unterschiedliche Bedeutung von Magister-Titeln
fördert es zu Tage: Unser Mann am Flügel ist sozusagen
Diplom-Dirigent. Kein Wunder, dass da ein Tenor
nicht mithalten kann schließlich sagt man denen
ja einen großen Brustkorb, so groß, dass Wohlleben
gleich vorsichtshalber mal die Flucht ergreift, um die Größe
zu demonstrieren, nach dazu viel Herz, aber wenig
Verstand... Man sage ja, Tenöre seinen nicht sehr
intelligent... Ganz so kann und will Marcel das natürlich
nicht stehen lassen: Mein Lehrer hat immer gesagt,
ich sei ein außergewöhnlicher Tenor!
Deswegen ist es auch kein Problem, wenn
plötzlich etwas fehlt: Ich habe leider meine Noten
oben vergessen, die müsste bitte mal einer holen...?
meint Marcel ein bisschen verschmitzt aber natürlich
findet sich sofort ein williger Helfer. Also eine kurze
Pause? Von wegen so etwas bringt Marcel doch nicht
wirklich aus dem Konzept: Jetzt singe ich erst
Santa Lucia, das kann ich auswendig!
Und dann, nach der zweiten Pause, wird
es richtig klassisch und die Begeisterung endgültig
grenzenlos. Die Einleitung, das sei eine Bariton-Partie,
gilt der Arie Di Provenza il mar, il suol
aus Verdis La Traviata, die genauso
nicht enden wollenden Jubel auslöst wie das treuen
Marcel-Hörern schon bekannte Dein ist mein
ganzes Herz. Bei soviel Emotion ist auch ein
bisschen Verwirrung erlaubt. Wir hören jetzt zwei
Arien von Puccini kündigt Marcel an, um sich dann
gleich zu korrigieren: Nein, Sie hören und ich
singe... Das ist wohl auch die bessere Lösung. E
lucevan le stelle aus Tosca
und Nessun dorma aus Turandot
sind weiter gefeierte Highlights.
Nach zwei Zugaben, der Unstillbaren
Gier auf besonderen Wunsch aus der ersten
Reihe, und Time to say Goodbye,
bekommt Marcel, bekommen alle den Beweis, dass perfekt
und stimmungsvoll mit großer Stimme präsentierte
Klassik auch neue Freunde gewinnen kann. Unter den vielen
Fans, die auf der Treppe warten, um ihm noch ganz persönlich
zu sagen, wie gut es ihnen gefallen hat, ist auch ein
ganz junges Mädchen, das plötzlich ganz neue
Musikwelten entdeckt hat: Das war ja richtig toll,
vielleicht sollte ich mir doch mal eine Oper anhören ?!
Wenn Marcel Kucera eine singt, dann ganz bestimmt!
4.3.2002
Karin Sturm
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