Solo-Liederabend von Marcel Kucera
am 4. März 2002 in Schorndorf

3. Musical-Podium
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„Außergewöhnlicher Tenor“ und „Diplom-Dirigent“ zwischen Musical und Klassik
Faszinierender erster Solo-Liederabend von Marcel Kucera in Schorndorf


3. Musical-Podium der MKV - Marcel Kucera - Klicken zum vergrößernEin dunkles Kellergewölbe, erleuchtet durch zwei Kerzen auf dem edlen Flügel, sanfte Nähe, angenehme Intimität – das ist einladend. Aber trotzdem kann der Kunstfan es durchaus verkraften, wenn er ein paar Minuten länger warten muss, bis er hinein und in den Genuss des ersten Solo-Liederabends von Marcel Kucera kommen darf: Schließlich hat ja jeder, vom jungen Musical-Fan bis zum Klassikfreund älteren Semesters, Verständnis dafür, dass Pianist Christoph Wohlleben diese Stimmung beim „Einspielen“ erst einmal für sich selbst ein paar Minuten länger als geplant genießen will ...
   Aber dann ist es doch endlich soweit, nach einer kurzen Einleitung durch Veranstalter Dr. Arthur Maute von der Musical- und Konzertvereinigung e.V. (MKV) kann Marcel im Studio von Piano-Fischer in Schorndorf endlich loslegen. Bestens aufgelegt, locker und sicher beginnt er mit einem Musical-Block. Eine kleine Generalprobe muss dabei auch sein: „Musik der Nacht“ – schließlich stehen am folgenden Donnerstag die Auditions für das „Phantom der Oper“ auf dem Programm, da kann ein letzter kleiner Test nicht schaden. Den besteht Marcel, wenn es nach dem Applaus geht, mit Bravour, den Wissenstest nach dem Alter des Musical-Klassikers „West Side Story“ nicht ganz so souverän. Aber wozu hat man seine Mitarbeiter – Christoph Wohlleben hilft mit der passenden Jahreszahl aus ...
   Und diesmal darf auch wieder „Gott ist tot“ in Marcel-Spezialversion nicht fehlen. Spezialversion, das heißt: Kombiniert mit „Wohl der Nacht“, dem Finale 1. Akt aus „Tanz der Vampire“, diesmal sogar einschließlich Abgang. Und wenn keine kunstvoll gestaltete Kulissen-Schlosstür da ist, durch die man in die Dunkelheit ab- oder eintauchen kann, dann tut es auch eine ganz normale. Aber nicht allzu lange – denn schließlich will Marcel einmal das tun, was er im Theater nicht tun darf: Nach dem „Finale“ sofort zurück auf die Bühne kommen, um den wohlverdienten Beifall zu genießen...
   Der ist genauso verdient wie die erste kurze Pause – vor den neapolitanischen Liedern, angefangen mit „Granada“. Aber dann, nach der von MKV-Chef Dr. Arthur Maute moderierten Interview-Runde, wissen wir auch, warum Herr Wohlleben sich zuvor so theoriesicher zeigen konnte: Die Diskussion über die unterschiedliche Bedeutung von Magister-Titeln fördert es zu Tage: Unser Mann am Flügel ist „sozusagen Diplom-Dirigent“. Kein Wunder, dass da ein Tenor nicht mithalten kann – schließlich sagt man denen ja einen großen Brustkorb, so groß, dass Wohlleben gleich vorsichtshalber mal die Flucht ergreift, um die Größe zu demonstrieren, nach – dazu viel Herz, aber wenig Verstand... Man sage ja, Tenöre seinen nicht sehr intelligent... Ganz so kann und will Marcel das natürlich nicht stehen lassen: „Mein Lehrer hat immer gesagt, ich sei ein außergewöhnlicher Tenor!“
   Deswegen ist es auch kein Problem, wenn plötzlich etwas fehlt: „Ich habe leider meine Noten oben vergessen, die müsste bitte mal einer holen...?“ meint Marcel ein bisschen verschmitzt – aber natürlich findet sich sofort ein williger Helfer. Also eine kurze Pause? Von wegen – so etwas bringt Marcel doch nicht wirklich aus dem Konzept: „Jetzt singe ich erst Santa Lucia, das kann ich auswendig!“
   Und dann, nach der zweiten Pause, wird es richtig klassisch – und die Begeisterung endgültig grenzenlos. Die Einleitung, das sei eine Bariton-Partie, gilt der Arie „Di Provenza il mar, il suol“ aus Verdis „La Traviata“, die genauso nicht enden wollenden Jubel auslöst wie das treuen Marcel-Hörern schon bekannte „Dein ist mein ganzes Herz“. Bei soviel Emotion ist auch ein bisschen Verwirrung erlaubt. „Wir hören jetzt zwei Arien von Puccini“ kündigt Marcel an, um sich dann gleich zu korrigieren: „Nein, Sie hören und ich singe...“ Das ist wohl auch die bessere Lösung. „E lucevan le stelle“ aus „Tosca“ und „Nessun dorma“ aus „Turandot“ sind weiter gefeierte Highlights.
   Nach zwei Zugaben, der „Unstillbaren Gier“ auf besonderen Wunsch aus der ersten Reihe, und „Time to say Goodbye“, bekommt Marcel, bekommen alle den Beweis, dass perfekt und stimmungsvoll mit großer Stimme präsentierte Klassik auch neue Freunde gewinnen kann. Unter den vielen Fans, die auf der Treppe warten, um ihm noch ganz persönlich zu sagen, wie gut es ihnen gefallen hat, ist auch ein ganz junges Mädchen, das plötzlich ganz neue Musikwelten entdeckt hat: „Das war ja richtig toll, vielleicht sollte ich mir doch mal eine Oper anhören ?!“ Wenn Marcel Kucera eine singt, dann ganz bestimmt!

4.3.2002
Karin Sturm


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