Marce Kucera am 3. Mai 2002
im 4. Musical-Podium
der Musical- und Konzertvereinigung e.V.

Kritik
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„Wagnis Wagner“ perfekt gemeistert – Marcel Kucera auf neuen Wegen

Im 4. Musical-Podium am 3. Mai 2002


Marcel Kucera und Vladimir Valdivia im 4. Musical-Podium
Elegante, moderne Linien, klare Farben, zahlreiche Klaviere und Flügel im Hintergrund, dazu große Kerzen auf der Bühne für die nötige warme, romantische Atmosphäre, das alles passt super, um Marcel Kucera und dem Konzertpianisten Vladimir Valdivia den perfekten Rahmen für ein unvergessliches Konzert in der Serie Musical-Podium der Musical- und Konzertvereinigung e.V. zu bieten.
   Da mag der Tag draußen noch so grau und verregnet sein, kalt und ungemütlich für Anfang Mai, drinnen im Studio von Piano-Fischer ist das alles schnell vergessen, spätestens beim ersten Ton, den Valdivia, selbst ein absoluter Meister seines Fachs, einem heimlichen Star auf der Bühne entlockt: Einem schwarzen Bechstein-Konzertflügel, der mit seinem Klang auch die verwöhntesten Musikexperten fasziniert.
   Die ersten Töne, sie sind der Auftakt zum Musical-Block, den Marcel Kucera mit „Dies ist die Stunde“ aus Jekyll & Hyde beginnt. „Dies ist die Stunde, das ist der Tag“ – und es werden Marcel Kucera im 4. Musical-Podium
tatsächlich besondere Stunden, ein ganz spezieller Tag – zum Glück schaffen es auch ein paar vom Stuttgarter Freitagabend-Verkehr und Regen aufgehaltene Fans noch, so dass Marcel Kucera sie zumindest mit Verspätung begrüßen kann. „Ziemlich trocken hier - aber besser als feucht, oder?“, wie er bei seiner gewohnt lockeren Moderation feststellt, deshalb muss erst mal ein Schluck Wasser her, ehe es Schlag auf Schlag mit Highlights weitergeht.
   „Musik der Nacht“ aus dem „Phantom der Oper“, hier zumindest zu hören – bald auch sonst in Stuttgart? „Mal sehen, wie sich das jetzt mit der Insolvenz der Stella ergibt, wir hoffen jedenfalls, dass es kommt...“, ist Kucera vorsichtig optimistisch, ehe er mit „Maria“, „Impossible Dream“ und am Schluss der „Unstillbaren Gier“ weitermacht – es scheint fast so, als hätten er und auch die Zuhörer sie nach etwas über einem Monat ohne Vampire doch schon ein bisschen vermisst.
   Dass Kucera aus seinem „italienischen Jahr“ immer noch eine besondere Beziehung zu diesem Land hat, zeigt er im zweiten Block mit den neapolitanischen Liedern – und alle sind einverstanden, nicht nur bei „Santa Lucia“, wo er seine Zuhörer extra danach fragt. Vor allem auch bei „Torna a Surriento“, einem Lied in süditalienischem Dialekt, „deshalb verstehe ich auch nicht alles und deshalb habe ich auch Probleme, das auswendig zu lernen“– aber so groß können die Probleme dann doch nicht gewesen sein – es klappt perfekt, diesmal auch ohne Notenblatt in der Hand...
   Danach hat Vladimir Valdivia, ein 32-Jähriger Peruaner aus Lima, der Vladimir Valdivia im 4. Musical-Podium
bereits zahlreiche Solokonzerte gab und auch beim Studienkreis Musik von Piano-Fischer unterrichtet, seinen ersten großen Auftritt: „El Condor Pasa“ – ein sehr bekanntes Lied aus seiner Heimat. Erst darf sich Kucera ja schon Komplimente für sein perfektes Spanisch bei der Ansage abholen, dann zeigt Valdivia, was in diesem auf den ersten Blick – vor allem in der hier bekannten Panflötenversion – zwar sehr eingängigen, aber eher einfach wirkenden Grundmotiv alles an Feinheiten und Tiefe steckt.
   m Gespräch mit Veranstalter Arthur Maute von der Musical- und Konzertvereinigung darf Marcel Kucera dann auch mal ein bisschen über die Nöte des Künstlerlebens plaudern, über die Schwierigkeiten von Auditions, dem bei allen eher ungeliebten Vorsingen, dem nicht immer einfachen Kampf um Engagements, aber auch der Notwendigkeit, sich auf dem Weg nach oben da durchzukämpfen: „Sonst müsste ich wahrscheinlich die Intendantin der Metropolitan-Oper heiraten, ach nein, ich glaube, das ist zur Zeit ein Intendant...“, nimmt er es dann doch wieder mit Humor.
   Und Vladimir Valdivia, der als „Wunderkind“ in Peru schon mit sieben Jahren seine ersten Konzerte gab, beschreibt die Unterschiede zwischen Soloauftritten und der Rolle als Begleiter: „Das ist eine ganz andere Herausforderung, man muss zusammen atmen, zusammen Dynamik entwickeln.“ Dabei muss sich der Pianist anpassen: „Der Sänger ist der Solist, er ist es, der auf der Bühne führt...“ Kucera ist jedenfalls voll des Lobes für seinen Partner: „Und er macht das auch sehr gut!“
   Im Gespräch dann auch der Hinweis auf die große Premiere im Programm, von zumindest einigen Fans sehnlichst erwartet: Kucera wagt sich erstmals öffentlich an seine „große Liebe“, die Musik von Richard Wagner. Bisher hatte er das noch nie getan, „damit ich die Leute nicht verschrecke...“ Denn es gebe eben doch verbreitet sehr große Vorbehalte gegen Wagner. „Schade, denn das ist doch eigentlich wunderschöne deutsche romantische Musik...“ Diesmal aber doch der Versuch, „ich will das einfach einmal ausprobieren. Ich denke, für meine Stimme und meinen Charakter sind das auch sehr nahe Elemente – aber man muss dafür sehr reif sein, stimmlich, aber auch im Kopf...“
   Für Marcel Kucera also ein Experiment – aber was für ein gelungenes: Das Liebeslied des Siegmund, „Winterstürme“, aus der Oper „Die Walküre“ – nicht schwer und erdrückend, wie man Wagner immer nachsagt, sondern eher leicht, verliebt, der Zauber im Frühling erwachender Gefühle: „Winterstürme wichen dem Wonnemond“. „Ist das denn wirklich so abscheuliche Musik?“, fragt er noch einmal schüchtern nach – oder doch kokett? Denn eigentlich müsste ihn der tosende Applaus doch längst vom Gegenteil überzeugt haben...
   Nach dem unverwüstlichen „Dein ist mein ganzes Herz“ aus „Land des Lächelns“ von Franz Lehar und der eher unbekannten, aber deswegen nicht minder schönen Arie „Ch´ella mi creda“ aus Puccinis „Das Mädchen aus dem goldenen Westen“ verschafft Vladimir Valdivia Kucera vor dem großen Finale noch einmal eine Erholungspause – und den Zuhörern einen besonderen Genuss: Mit dem „Feuertanz“ von Manuel de Falla – südamerikanisches Temperament mit technischer Perfektion und ausdrucksvoller Interpretation gepaart.
   Und dann, als großes Finale, noch einmal Wagner: „In fernem Land“, vielleicht die anspruchsvollste Arie des Lohengrin überhaupt, „viele Sänger halten das nicht durch, das habe ich schon mehrfach erlebt“, hatte Arthur Maute zuvor gesagt und Kucera war vorsichtig gewesen: „Mal gucken, wie ich das schaffe“. Großartig – sicher, ausdrucksstark und einfühlsam... Dazu auch noch mit zu verstehendem Text – in diesem Genre bei vielen Interpreten ja absolut keine Selbstverständlichkeit!
   Schade, dass Kuceras Gesangslehrerin, die große Wagner-Interpretin Eva Randová, nicht dabei sein konnte, „ich habe sie natürlich eingeladen, aber sie hat ein paar kranke Tiere zu Hause...“ Sie hat auf jeden Fall etwas verpasst - wenn das Publikum so begeistert ist, dass man sich dann sogar zweimal mit „Time to say goodbye“ verabschieden muss, dann sagt das doch eigentlich schon alles... Genauso wie der Kommentar eines sehr fachkundigen Zuhörers zum Klassikteil: „Da merkt man, dass sich jemand ganz sicher ist, dass er das hohe C beherrscht – das kommt so leicht, so locker...“

Karin Sturm
5. Mai 2002

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Fotos: Kiriaki Efthimiadou

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