Alice Schwarzers Sicht
Für den 1967 in Aachen geborenen Daniel Call, dessen Musical „Der Ring“ mit Musik von Frank Nimsgern vor zwei Jahren an der Bonner Oper herauskam, war die Biografie und Dokumentation „Romy Schneider - Mythos und Leben“ von Alice Schwarzer eine wichtige Lektüre. Er folgt in seinem Stück Schwarzers Sicht und Deutung bestimmter Ereignisse. Schwarzer, die sich bei ihrer Arbeit vorwiegend auf ihr 1976 geführtes Interview und Tagebucheinträge der 1938 geborenen Romy stützt, verweist gelegentlich auch auf die Biografie „Der Fall Romy Schneider“, ein Bestseller, den Michael Jürgs, der frühere Chefredakteur beim Wochenmagazin Stern, 1991 publiziert hat. Call erzählt die Geschichte der jungen Romy bis zu der Zeit, wo sie sich, inzwischen ein erfolgreicher Filmstar, zum Missfallen des deutschen Publikums nach Frankreich absetzt.
„Steck deine Kindheit in die Tasche“ (Handlung)
Romy Schneider spielt im Théâtre de Paris, zusammen mit Alain Delon, die Hauptrolle in „Dommage Qu'elle Soit une Putain“ („Schade, dass sie eine Hure ist“), einem Stück des Shakespeare-Zeitgenossen John Ford. Es ist Premierenabend. Die 22-Jährige ist nervös, hat schreckliches Lampenfieber. Eigenartiger Weise dringen gerade jetzt die Ereignisse in ihr Bewusstsein, die dazu geführt haben, dass sie hier in der Garderobe ist. Pappilein, den sie doch kaum kennt, fällt ihr ein, der zu ihr gesagt hat: „Steck deine Kindheit in die Tasche und lauf davon, so schnell du kannst.“ Währen Mutter Magda Schneider den Führer in seiner Uniform bewundert, sehnt sich Romy nach dem Papa. Sie befindet sich jetzt im Internat Goldenstein. Szenen aus ihrem Film „Mädchen in Uniform“ mischen sich mit ihren eigenen Erlebnissen mit Schulfreundin Margit, der beliebten Lehrerin Augustina und der strengen Präfektin, die Romy droht, sie werde ein böses Ende nehmen. Mutter Magda kommt und führt Romys neuen Vater, Daddy Blatzheim, ein. Die Zeit im Internat geht zu Ende. Telefonisch wird Romy zu Probeaufnahmen in die UFA Studios nach Berlin, in die „Welt aus Gold“, gerufen. Von da an erzählt Romy in Gedanken ihrer Schulfreundin Margit immer wieder, was läuft und welche Gefühle damit verbunden sind. Die Probeaufnahmen sind im Kasten, Romy bringt den ersten Filmkuss hinter sich, Fotografen stürmen das Studio und Romy feiert ihren 16. Geburtstag. Magda erfährt, dass Romy eine höhere Gage bekommt, wenn sie ohne ihre Mutter filmt. Sie engagiert Daddy zur 24-Stunden-Überwachung von Romy. Die soll jetzt zum Filmball, flieht aber vor der ständigen Überwachung durch ihren Stiefvater und vor der Beobachtung durch die Presse zur eigenwilligen Hildegard Knef, von wo Mama sie jedoch gleich wieder wegholt. Ein junger Schauspieler macht sich während des Balls an Romy heran, aber Daddy verscheucht ihn, denn er betrachtet Romy als sein Eigentum. „Der Weg zur Tochter führt über die Mutter?“ bekommt er zu hören. Magda, die Blatzheim wegen seines Geldes wollte, weiß auch, dass Blatzheim sie nur als Aushängeschild genommen hat, und aus durchsichtigen Gründen ihrer Tochter nachstellt. Die Filmaufnahmen für „Sissi“ beginnen. Die Darsteller erscheinen gemäß Regieanweisung in „kitschfarbenen historischen Kostümen“, Sissi im Brautkleid, Kaiser Franz Joseph in einer „Operettenuniform“ und eine große Ballsaal-Tanznummer führt, getragen vom Sissiwalzer „Über allen Gipfeln ist Ruh“, zum ersten Finale.
„Es wird Dein Leben sein, wofür du dich bei niemandem entschuldigen musst“ (Handlung)
Im zweiten Akt gibt es einen schroffen Übergang vom Sissiwalzer zum New Yorker Big Band Sound. In Amerika wird Romy von einer Zofe betreut, durch eine Pressemeute zur Society und zum österreichischen Generalkonsul weitergereicht, und danach Produzenten Stars und Starlets in Los Angeles präsentiert. Doch Romy will nach Hause. Obwohl ihr eine Million geboten wird, lehnt Romy den vierten Teil von „Sissi“ ab. Die enttäuschte Magda zeigt ihr wahres Gesicht: „Du bist nichts. ‚Romy Schneider?’ wird es eines Tags heißen, ‚Romy Schneider? Kenne ich nicht. Habe ich nie von gehört.’ Aber wenn dann jemand die Sissi erwähnt, dann werden die Augen glühen.“ Das Erscheinen von Alain Delon, mit dem Romy „Christine“ gedreht hat, liefert den Anstoss zum Ausbruch. Auf dem Filmball brüskiert sie die Ihren und geht zu Alain. Magda erkennt: „Wir haben sie verloren.“ Romy ist nach Paris geflogen und ist bei Alain in einer Dachwohnung am Quai Malaquais. Sie ist verliebt. Doch Alain geht mit einem feschen jungen Mann weg. Schulfreundin Margit kommt im Auftrag von Romys Mutter. Daddy hat inzwischen Romys Geld verspekuliert. Romy bleibt in Frankreich. Alain vermittelt ihr die Hauptrolle in „Schade, dass sie eine Hure ist“, inszeniert von Luchino Visconti. Romy tritt in diesem Stück auf, gekleidet, laut Regieanweisung, „nicht im Sissikitsch, sondern historisch genau und in der für Visconti typischen Opulenz“. Visconti wird Romy helfen, ihre Angst zu besiegen. „Wenn du diese Bühne betrittst, Romina, wird ein neues Leben für dich beginnen. Ein Leben voller Schmerz und Neid und Erniedrigungen. Aber es wird Dein Leben sein, wofür du dich bei niemandem entschuldigen musst. Ein Stern wirst Du sein, der alle anderen überstrahlt. “ Romy kehrt in die Realität ihrer Theatergarderobe zurück. Von heute an will sie die Welt erobern. Finale mit „Die Welt aus Gold“.
Ein Stück Unterhaltung
Ja, so kann man es bringen, das Leben von Romy Schneider, die heute als die populärste deutsche Schauspielerin gilt, die letzte große Diva. Daniel Call hat einen effektvollen dramaturgischen Aufbau gefunden, keine Biografie, sondern gleichsam „Theater auf dem Theater“. Leicht verständlich wird die Filmkarriere einer zu jungen Schauspielerin im Rückblick gezeigt, die meint, Probleme nur durch Flucht vor ihrem von anderen geschaffenen Filmimage lösen zu können. Dass sie später in Frankreich Erfolg haben könnte, wird im Finale angedeutet. Es wird auch versucht, Motivation und Auslöser von Romys Handeln darzustellen. Es gelingt Call jedoch nicht, die überaus komplexe Psyche der Schneider herauszuarbeiten, wie sie sich beim Lesen von Alice Schwarzers Biografie erschließt. Aber das muss ja nicht sein. Wir haben hier ein Musical, das dem Publikum bei allem Lachen und Weinen doch ein Stück Unterhaltung bieten soll. Abgesehen von den etwas zu lang geratenen Internatsszenen ist das dem Autor gelungen.
Sissi-Parodie
Wer ein DramaMusical á la Kunze/Levay erwartet, wird enttäuscht. Zunächst denkt man, dass die Musik eher zu der Bergwelt von Heidi passt als zur komplexen Persönlichkeit einer Romy Schneider und ihrem tragisch verlaufenden Leben. Schließlich hat Stefan Mens „Heidi“ initiiert, das Grundkonzept für das Musical am Walensee entworfen und überdies auch für McKenna/Keelings „Heidi II“ orchestriert. Der Komponist hat erst gar nicht den Versuch gemacht, Musik zu erfinden, die es vorher nie gegeben hat oder einen als anspruchsvoll geltenden Mix aus Klassik und Pop zu schreiben. Vielmehr nähert er sich der Welt der 50er- und 60er-Jahre durch Nachempfinden der damals gängigen Populärmusik. So ist etwas entstanden, was man mit Nicolas Kemmer ein „klassisches Musical“ nennen kann, mit Spiel, Tanz und Gesang, in der Form und auch der Musik aufgebaut, wie die ursprünglich aus den USA importierten Musical Comedies. Trotzdem macht die Romy-Show auf den ersten Blick den Eindruck eines Kompilations- oder Jukebox-Musicals, denn der Zuhörer meint während des ganzen Abends immer wieder, die Musik schon einmal gehört zu haben, seien es typische Tanzrhythmen oder New Yorker Big Band Swing. Dieser Eindruck ist gewollt und wird beim Liebesduett zwischen Romy und Alain auf die Spitze getrieben, wo der von Serge Gainsbourgh 1969 für Jane Birkin geschriebene Erfolgstitel „Je t’aime“ fast wörtlich zitiert wird.
Ganz deutlich wird auch, dass die Sissi-Filme von den Autoren als absoluter Kitsch gesehen werden. Wie sonst auch könnte der für die Sissi-Produktion verwendete verunstaltete Text von Goethes berühmten Gedicht interpretiert werden. Da heißt es jetzt „Über allen Gipfeln ist Ruh, in schattigen Wipfeln wehen nur ich und Du“. Also eine Parodie mit Walzerrhythmen, die eher an ein Ringelspiel im Prater als an die Wiener Hofburg erinnern. Dabei kann gerade dem Sissiwalzer ein gewisser Ohrwurmeffekt nicht abgesprochen werden. Als Gegenpol zu dieser Szene verwendet Mens für Romys Auftritt in „Schade, dass sie ein Hure ist“ einen „barockenden“ Musikstil. Krasser kann der Kontrast zwischen der Welt des Sissi-Regisseurs Ernst Marischka und der von Luchino Visconti nicht dargestellt werden.
Teile der Partitur sind übrigens erst während der Proben in Heilbronn entstanden, und es gab ein ständiges Hin- und Her zwischen Winterthur und Heilbronn, wenn Musikchef Kemmer wegen des Stimmumfangs der Darsteller eine Änderung der Tonart forderte. Obwohl in einer vorausgegangenen Pressekonferenz vorsichtig nach einem eventuellen zweiten Teil des Musicals gefragt wurde, mag man sich das weitere künstlerisch erfolgreiche, aber tragisch verlaufende Leben von Romy Schneider mit der jetzigen musikalischen Konzeption als Fortsetzung nicht vorstellen.
Musik, Stück oder Darsteller gefallen den Zuschauern
Die Ausstattung von Lars Betko wird den Anforderungen der Autoren vor allem mit den aufwendigen Kostümen voll gerecht, sowohl was die parodistische Komponente als auch die als wahrhaftig empfundenen Visconti-Szenen angeht. Die Bühne ist einfach und zweckmäßig gehalten. Sie besteht aus zwei Treppen und einer Kulisse mit zwei seitlichen Projektionsflächen, die zur jeweiligen Szene passende Bilder zeigen. So gibt es etwa ein Plakat der Viscontiproduktion oder eine Bergkulisse. Besonders gelungen sind die Projektionen, die Scheinwerfer und technisches Gerät im UFA-Filmstudio ergänzen. Licht und Ton sind adäquat, der Sound bringt die Leistung, die Nicolas Kemmer mit seinen zirka zwanzig Damen und Herren im Orchestergraben vollbringt, zufriedenstellend zur Geltung, auf jeden Fall nicht zu laut, was bei Musicals heute Seltenheitswert hat.
Stefan Haufes Regie fällt nicht weiter auf. Er hat die Vorstellungen von Daniel Call im Rahmen der technischen Möglichkeiten stimmig umgesetzt. Seine Choreografie ist denkbar einfach. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass der parodistische Charakter einiger Szenen getroffen und gleichzeitig auf die tänzerischen Möglichkeiten des Ensembles Rücksicht genommen werden muss. Denn der Extrachor, der nicht nur überraschend gut singt, sondern auch die jeweilige Szene füllen muss, besteht aus einem Team von fast zwanzig nicht ausgebildeten jungen Leuten, die ihre Sache äußerst engagiert betreiben.
Die Ensemblemitglieder des Hauses, die vor allem nach ihrer Persönlichkeit besetzt wurden, haben es nicht leicht, alle musikalischen Aufgaben zu bewältigen, wenn sie auch ihren Rollen schauspielerisch gerecht werden. Zufrieden stellt den Musicalliebhaber auf jeden Fall Daniela Schober als Romy, die ihre Rolle auch gesanglich - es wäre unfair, zu sagen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten - beherrscht. Angelika Hart überzeugt als Magda Schneider, die als Filmschauspielerin ihre besten Tage hinter sich hat und sich jetzt an die Erfolge ihrer Tochter klammert.
Das Publikum nahm die Vorstellung mit Begeisterung auf, sei es nun, dass der Applaus dem Stück, der Musik oder den einzelnen Darstellern galt. Immerhin dauerte der Beifall sieben Minuten, was allerdings auch geschickt provoziert wird durch ein fetziges Applausmedley. Wer von einer Show nicht absolute gesangliche Höhepunkte erwartet, wird mit dem Informations- und Unterhaltungswert und der effektvollen musikalischen Leistung, die aus dem Orchestergraben aufsteigt, bestimmt zufrieden gestellt.
Arthur H. Maute
21. Mai 2009
Berichtet wird über die Vorstellung vom 15. Mai 2009. |