Neben klassischen Stücken und modernem Theater gibt es in der nächsten Spielzeit auch Musikalisches. Den Anfang macht die Revue „Willkommen im Paradies“ und das jährliche Musical wird „My Fair Lady“ sein. Der neue Intendant informiert über seine Pläne.
Schauspielbühnen in Stuttgart
Zum Spielplan 2009/10
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Eier und Tomaten
Ziel eines Theaters muss sein, unentbehrlich zu werden

Sie bestimmen die Zukunft der Stuttgarter Schauspielbühnen - Zur neuen Besatzung gehören (von links) die Dramaturginnen Martina Kullmann und Annette Weinmann, der Intendant Manfred Langner und Dr. Dieter Deuschle vom Trägerverein der Theater. - Foto: Copyright © 2009 Arthur H. Maute
Sie bestimmen die Zukunft der Stuttgarter Schauspielbühnen
Zur neuen Besatzung gehören (von links) die Dramaturginnen Martina Kullmann
und Annette Weinmann, der Intendant Manfred Langner
und Dr. Dieter Deuschle vom Trägerverein der Theater.
Foto: Copyright © 2009 Arthur H. Maute

Die Zuschauer sollen in Zukunft direkt ihren Unmut, ihre Freude, ihre Kritik am Intendanten, am Oberspielleiter und an den Dramaturginnen loswerden können. Das meint Manfred Langner, der neue Intendant der Schauspielbühnen in Stuttgart, der mit der Spielzeit 2009/2010 sein Amt antritt. Deshalb wird es in Zukunft das Publikumsforum "Eier und Tomaten" geben. Dr. Dieter Deuschle, der Vorsitzende des Trägervereins der beiden Häuser mit ihren Nebenspielstätten, sagt, das Ziel eines Theaters müsse sein, unentbehrlich zu werden, und er habe den Eindruck, das sei hier der Fall. Soweit zwei fast gegensätzlich klingende Meinungen, einerseits der Wunsch, es den Zuschauern möglichst recht machen zu wollen und auch gegebenen Falls ihren Frust anzunehmen, und andererseits der Ausdruck höchster Zufriedenheit. Dem einen geht es hier nicht nur um die Zukunft der Theater, sondern auch um seine eigene, während der andere lediglich seiner Zufriedenheit über die Erfolge der jüngsten Vergangenheit Ausdruck verleiht. Über diese Vergangenheit schwang sieben Jahre lang der Noch-Intendanten Carl Philip von Maldeghem erfolgreich sein Szepter. Jetzt muss der Neue auf der Leistung seines Vorgängers aufbauen und das runderneuerte Schiff, die Häuser und vor allem das Publikum, in den Griff bekommen. Der Stapellauf fand kürzlich in einer Pressekonferenz statt, in der sich die neue Besatzung mit dem Spielplan für die nächste Saison vorstellte.Das neue Soielplanplakat der Schauspielbühnen in Stuttgart - Foto: Arthur H. Maute
   „Theater ist Teamarbeit“ beginnt der zukünftige Kapitän, der bisher das Grenzlandtheater Aachen steuerte, auf dessen Brücke er seit der Spielzeit 1994/95 stand. Sogleich stellt er seine Führungsmannschaft vor, in der es, wie man sehe, „neue und alte Gesichter“ gebe. Zu den bekannten gehöre neben Ines Pieper, der „wichtigsten Frau, weil sie die Herrin der Finanzen ist“, Annette Weinmann, die seit vielen Jahren verantwortlich für Dramaturgie, Presse und Öffentlichkeitsarbeit sei, und die niemandem vorgestellt werden müsse. Die Neuen im Team seien Martina Kullmann und Ulf Dietrich. Martina Kullmann werde für Dramaturgie und Produktionsentwicklung verantwortlich zeichnen. Mit ihr, so Langner, arbeite er seit 15 Jahren sehr eng zusammen, in Aachen sei sie seine Stellvertreterin und federführend für die Produktionsentwicklung gewesen. Ulf Dietrich übernehme die Position des Oberspielleiters. Auch mit ihm verbinde Langner eine „lange Zusammenarbeit“. Im übrigen werde Dietrich auch als Autor tätig werden und neue Stücke für das Haus schreiben.
   Nein, ein inhaltliches Motto biete er nicht an, sagt der neue Chef, denn „ich bin ein Gegner von solchen Festlegungen.“ Er will einfach „Theater für Stuttgart machen, für die Stuttgarter.“ Denn „unser Motto ist nicht so sehr ein inhaltliches, sondern ist verbunden mit der Aufgabe, die wir hier in der Stadt haben.“ Damit meint Langner wohl, dass seine Bühnen im Grunde die Funktion eines Stadttheaters erfüllen. Für die nächste Spielzeit orientiere er sich an einigen großen Stichtagen der Spielzeit, die auf sein Programm ausstrahlten. Dazu gehöre unbedingt das Thema „100 Jahre Schauspielhaus“, denn das Gebäude sei 1909 feierlich eröffnet worden. Im Herbst will Langner diese Zeit und die Jahre bis heute ein wenig Revue passieren lassen. Dann gebe es mit dem 250. Geburtstag von Friedrich Schiller ein weiteres wichtiges Datum, dessen Berücksichtigung hier in Stuttgart ein Muss sei. Und schließlich sei da auch noch das Thema „20 Jahre Fall der Berliner Mauer“, das in unterschiedlicher Weise im Spielplan aufscheinen werde."My Fair Lady heißt das diesjähruge Msuical im Stuttgarter Alten Schaupsielhaus - Foto: Jürgen Frahm
   Den Anfang der Spielzeit werden im Alten Schauspielhaus zwei Klassiker machen, Schillers „Don Carlos“ und „Was Ihr wollt“ von Shakespeare. Langner selbst will seine Regiearbeit am Hause aber nicht mit Schiller beginnen, sondern sich auf Shakespeares poetische Liebeskomödie konzentrieren. Nach diesem klassischen Start soll die Tradition einer jährlichen Musicalproduktion fortgeführt werden. Hier hat das Team sich bewusst, aber wenig originell, für das landauf landab gespielte klassische Musical „My Fair Lady“ entschieden, das für Langner „einen ganz hohen und musikalischen Stellenwert hat“, aber in einer bestimmten, auf die Stadt zugeschnitten Form präsentiert werden soll. Regie soll Oberspielleiter Dietrich führen. Danach wird es moderne oder aktuelle Stücke geben, so zum sechzigsten Geburtstag Grundgesetzes die Uraufführung des Auftragswerks „Alles was Recht ist“.
   In der Komödie beginnt die Spielzeit im September mit einer „deutsch-deutschen Unterhaltungsrevue“, einem Kompilationsmusical des Oberspielleiters Ulf Dietrich mit dem Titel „Willkommen im Paradies“. Kombiniert mit den Hits und Schlagern aus der Zeit des Mauerfalls soll eine „mitreißende Komödie“ gezeigt werden, die auf Mallorca, dem „17. Bundesland“ spielen wird. Die Inszenierung übernimmt der Autor selbst, der, wie zu hören war, in der Vergangenheit zahlreiche Stücke für das Berliner Theater des Westens geschrieben hat. Danach soll es Schwäbisches geben, die Bühnenfassung des Films „Die Herbstzeitlosen“ von  Stefan Vögel unter dem Titel „Altweiberfrühling“ in einer Übertragung in die Stuttgarter Landessprache von Stefanie Ströbele, die auch Regie führen wird. Der Intendant vermeldet hierzu nur, dass er hoffe, er werde alles verstehen.
   In der Komödie wird es im Juli nächsten Jahres zusätzlich eine sogenannte „Komödie Extra“ geben, die außerhalb des Abonnements angeboten wird, allerdings mit Vorzugspreisen für die Abonnenten. Anita Kupsch wird unter der Leitung des Intendanten in einer Ein-Frau-Show an Hand einer so genannten „Gebrauchsanweisung“ mit der Überschrift „Männer und andere Irrtümer“ Unterricht erteilen.
   Neu ist das Angebot „Theater macht Schule!“, das von der Theaterpädagogin Elsa Hanewinkel betreut wird. „Projekte, die bisher im Hause liefen, werden jetzt in Schulen verlagert“ erklärt Martin Langner. So habe er es auch in Aachen mit drei Hauptschulen praktiziert, mit großem Erfolg. Zusätzlich soll es so genannte „Theater-Scouts“ geben, die „Botschafter  der Schule/des Theaters“ sein werden.
   Auf die Frage nach seiner Zielgruppe entgegnet Langner, dass die meisten Theater, quasi naturgegeben, „Fünfzig Plus“ als Zielgruppe hätten. Trotzdem solle der Versuch gemacht werden, andere Altersgruppen zu erreichen. Doch, natürlich werde das Stammpublikum geschätzt und solle erhalten bleiben. Langner betont, er werde sich nicht so sehr an prominenten Namen orientieren, die zwar vordergründig, aber nicht dauerhaft auf eventuell neu zu gewinnende Zielgruppen wirkten. Der neue Oberspielleiter wurde gefragt: „Wenn Sie durch die Schule von Helmut Baumann gegangen sind, werden Sie dann das Wagnis eingehen, hier auch ein Musical zu entwickeln?“ Ulf  Dietrich hofft das zwar, schränkt aber gleich ein: „Bei der Arbeit mit Komponisten ist das Produktionsrisiko wesentlich höher, anders, als wenn man sich auf Musik bezieht, die man kennt.“ Womit gemeint ist, dass es eben leichter ist, Compilation- oder Jukebox -Musicals zu entwickeln, denn da muss der Autor nur eine amüsante Handlung um bekannte und beliebte Musiktitel herum stricken.

Arthur H. Maute
17. April 2009

17. April 2009
Fotos oben und links: Arthur H. Maute
Foto zu "My Fair Lady" (rechts): Jürgen Frahm
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