
Die Stage
Holding (SH) hat während ihrer noch
relativ kurzen Präsenz auf dem Deutschen Musical-Markt
bereits Erstaunliches bewirkt und der Branche viele neue
Impulse gegeben. Die Top-Produktionen Elisabeth
in Essen und Der König der
Löwen in Hamburg fahren traumhafte
Quoten ein. Ab November wird in dem inzwischen zu hundert
Prozent übernommenen Premierentheater Operrettenhaus auf
der Reeperbahn das Abba-Erfolgsstück Mamma
Mia anlaufen. Derweil laufen in Berlin
die Vorbereitungen für das Scorpions-Musical
Wind of Change, das die
spannende Zeit um den Mauerfall thematisiert. Es ist die
erste deutsche Eigenproduktion der SH.
Mindestens drei weitere Theaterstandorte haben des
(über)-fliegenden Holländers Joop van
den Endes germanische Statthalter darüber hinaus
noch im Visier.
Dass der große Konkurrent Stella
erneut ins Schlingern geraten ist, kommt ihnen nicht
ungelegen. Die Chance, ein für allemal die
Marktführerschaft zu übernehmen, ist so groß wie nie.
Und schon gibt es Begehrlichkeiten nach dem einen oder
anderen Zugpferd des Mitbewerbers. So hat Maik Klokow,
der Geschäftsführer der Deutschen Stage-Holding,
unlängst in einem Interview durchblicken lassen, er
könne sich sehr wohl vorstellen, einen Graf von Krolock
auch für sein Haus beißen zu lassen.
Der Tanz
der Vampire in Stuttgart ist derzeit
Stellas Parade-Inszenierung und von den
Verkaufszahlen ebenso erfolgreich wie der Löwenking im
Hamburger Hafen. Mozart! hingegen,
der ein paar Kilometer Luftlinie von Simba und Co.
entfernt auf den Tasten klimpert, lahmt. Das Kunze
& Levay-Stück leidet seit Wochen unter
Publikumsschwindsucht und krebst bei Auslastungszahlen
von 40 Prozent und weniger herum. Die dadurch
eingefahrenen Defizite dürften die Insolvenz der
hundertprozentigen Stella-Tochter Broadway
Musical Management GmbH (BMM)
zumindest forciert und in wesentlichen Teilen mit
verursacht haben. Und als sich dann auch noch die Entertainment
AG (DEAG), bei Stella der Deutsche Mehrheitsaktionär,
zurückzog und seine Aktien an einen Treuhänder
verkaufte, schien der Ofen kurz vor dem Aus zu sein. Ist
er aber noch nicht.
Omnipräsenter Löwe, Mozart im Schatten
Zur Situation bei Mozart!:
Am Stück selbst kann es kaum liegen, denn die
hanseatische Version über Leben und Aufmucken von
Wolfgang Amadeus ist packend, spannend und ausgereift.
Insider machen denn auch eher gravierende Marketingfehler
für den Niedergang dieser faszinierenden Produktion
verantwortlich. Egal an welcher Stelle sich der Besucher
in Hamburg aufhält, die gelb-schwarze Raubkatze ist
omnipräsent. Sie grinst einem an allen Ecken und (Joop
van den) Enden, von Bussen, Taxen, riesigen
Plakatwänden, aus Schaufenstern oder von
Schiffsrümpfen, entgegen. Von Mozart mit den Rastalocken
hingegen kaum eine Spur. Er führt ein öffentliches
Schattendasein. Das Ruder konnten da auch einige eiligst
platzierte TV-Spots nicht herumreißen. Da haben der
Holländer und die Seinen ihr aufwändiges
Serengeti-Märchen schon wesentlich cleverer verkauft.
Die Karten werden derzeit völlig neu
gemischt. Was den Insolvenzverwaltern einfällt, um den
angeschlagenen Stella-Konzern zu sanieren und auf gesunde
Füße zu stellen, bleibt abzuwarten. Klar und zwingend
ist jedoch, dass an (fast) allen Ecken (und Theatern) der
Rotstift angesetzt werden wird. Die Suche nach
Einsparpotentialen in erheblichem Umfang läuft auf
vollen Touren. Möglicherweise fallen dem weiteren
Gesundungs-Prozess letztendlich einige unprofitable
Inszenierungen und Verlustbringer zum Opfer. Als einer
der bedrohten Wackelkandidaten gilt nun leider auch mal
Mozart.
Und schon hat die Stage Holding (unter
der Hand) Interesse bekundet nicht am Stück,
sondern am Haus, der Neuen Flora in
der Stresemannstraße. Damit wäre die
nördliche Musical-Metropole dann völlig in ihrer Hand.
Das Premierentheater hatte sie ja bereits am Tag nach der
Bekanntgabe der Stella-Pleite eingesackt. Ursprünglich
war vorgesehen, dass beide Konkurrenten das Haus als
Partner gemeinsam bewirtschaften sollten. Für die 150
Mitarbeiter war es immerhin eine glückliche Fügung. Sie
erhielten ihre ausstehenden Aprilgehälter, auf die sie
ansonsten bis mindestens zum 10. Mai hätten warten
müssen, wenige Tage später. Ihre Jobs scheinen
gesichert. Welches Schicksal die übrigen 1350
Stella-Beschäftigten erwartet, steht indessen noch in
den Sternen. Durchaus möglich, dass es nicht das Gold
von selbigen ist, das die Baronin von Waldstätten beschwört.
Möglicherweise sieht sich der Insolvenzverwalter
gezwungen, personell mit dem eisernen Besen zu kehren.
Und dann rollen die Köpfe. Bleibt nur die Frage, wie
viele?
Imageverlust durch Streik im Hafen
Trotz dieser prekären Situation: Bei
der Konkurrenz ist auch nicht alles Gold was da momentan
so blendend glänzt. Kaum hatte Maik Klokow mit
dem Verweis auf die Erfolgsgeschichte von Elisabeth
und dem Löwenkönig die führende Rolle seines Hauses in
der deutschen Musical-Szene reklamiert, und das (Zufall?)
wenige Stunden nach der Insolvenz-Bekanntgabe der BMM,
da schlugen die Wellen im Hafen ziemlich hoch. Eine
zerknirschte Theaterleitung musste den 1800 (aus allen
Teilen Deutschlands) angereisten Besuchern eröffnen,
dass aus der farbenprächtigen Disney-Show an diesem
Abend leider nichts werden würde. Das gesamte Ensemble
war in Streik getreten, um auf diese Weise gegen die nach
Ansicht der Künstler unzumutbaren Arbeitsbedingungen und
miese Bezahlung zu protestieren.
Da war Schluss mit lustig. Das Angebot,
die enttäuschten Gäste mit Freigetränken zu versorgen
und ihnen Karten für eine andere Vorstellung
auszustellen, vermochte deren Stimmung nicht unbedingt zu
heben. Verständlich: Viele hatten Anfahrtswege von
einigen hundert Kilometern auf sich genommen und Hotels
gebucht, um die viel gerühmte Show erleben zu können.
Der Vorfall vom Freitag vorletzter Woche mag auch ein
(bezeichnendes?) Licht darauf werfen, wie die SH mit
ihren Angestellten und Vertragskünstlern umspringt.
Andererseits bedeutet er auch einen erheblichen
Imageverlust.
Wenn es sich nämlich herumspricht,
dass Vorstellungen eben auch mal nicht stattfinden
können, besteht die Gefahr, dass die in den ersten
Monaten nach der Premiere am 2. Dezember 2001 raketengleichen
Publikumszahlen in den Sink- oder zumindest in den
Horizontalflug übergehen.
Deshalb waren die Hamburger Holländer
auch kaum daran interessiert, dass die Geschichte publik
wurde. Die Pressestelle der Stage Holding, eine gut
geölte PR-Maschine und sonst ein nie versiegender Quell
immer neuer Erfolgsbotschaften, ging auf Tauchstation.
Kein Sterbenswörtchen über diese unangenehme
Geschichte. Lapidare Auskunft auf eine telefonische
Anfrage: Wir wissen nichts. Rufen Sie im Theater
an.
Jürgen Heimann
13. Mai 2002
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Fotos:
Stage Holding und Jürgen Heimann
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