"Sweeney Todd" im Juni 2000 in Mannheim

Kritik
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Grotesker Humor in rabenschwarzem Gewand
"Sweeney Todd" im Nationaltheater Mannheim


   Stephen Sondheims Meisterwerk, der Musical Thriller "Sweeney Todd - The Demon Barber of Fleet Street" (die erste Produktion am Broadway im Jahr 1979 erhielt den Tony) hatte am 19. November 1999 in einer deutschen Version am Nationaltheater Mannheim Premiere. Die inzwischen 21. Vorstellung, die am 4. Juni 2000 stattfand, wird hier besprochen. Weitere Vorstellungen gibt es am 15.6., 23.6., 12.7., 18.7. und 24.7.2000.
 
"Sweeney Todd" in Mannheim  "Sweeney Todd" wird oft als Musical mit "rabenschwarzem Humor" charkterisiert. In der Inszenierung des Mannheimer Nationaltheaters wird dieser in mäßig grotesker Form in den Mittelpunkt gestellt. Das Stück kommt tatsächlich im bedrückenden schwarzen Gewand daher, das Bühnenbild (Knut Hetzer) weist so gut wie keine Farbtöne auf, wenn man von dem kleinen, mal graublau, mal rot aufscheinenden Himmelsausschnitt absieht. Ein Schachtelwerk von anfangs schwer zu erkennenden Aufbauten drängt sich so in den Vordergrund der Bühne, dass die Darsteller sich fast nur entlang der Rampe bewegen können, und sich dabei kaum von dem düsteren Hintergrund abheben. Diese Kulisse erinnert zunächst an eine US-Skyline, soll aber die Londoner Fleetstreet als dreckiges, unter dicken Schichten von Industrieruß dahinvegetierendes Stadtviertel darstellen. Wenn der Vorhang sich hebt, denkt man zunächst, dass einen eine der an Staatstheatern üblichen Regietheater-Produktionen erwartet, die "im Kohlenkeller" oder in ähnlich wüsten Umgebungen spielen. Doch der erste Augenblick täuscht. Diese Inszenierung (Matthias Davids) gibt sich dann doch ziemlich konventionell.
   Zunächst die Handlung (Gesangstexte Stephen Sondheim, Buch Hugh Wheeler), die ja nur Fans des anspruchsvolleren Musicals bekannt sein dürfte - obwohl Sweeney Todd in den letzten Jahren in Deutschland häufiger aufgeführt wurde: Der zu Unrecht verurteilte Barbier Benjamin Barker kehrt nach fünfzehnjähriger Flucht in die Fremde als "Sweeney Todd" (Winfried Sakai) nach London zurück. Er wird begleitet von Anthony Hope (Kurt Schober), einem jungen Seemann. Sweeney plant, sich an dem für sein Schicksal verantwortlichen Richter Turpin (Peter Parsch) zu rächen. Er sucht deshalb seinen alten Friseuralon auf, der an die Fleischpasteten-Bäckerei von Mrs. Lovett (Simone Pohl) grenzt. Mrs.
Lovett berichtet ihm, Richter Turpin habe damals nicht nur seine Frau Lucy vergewaltigt und in den Tod getrieben, sondern außerdem noch Barkers Tochter Johanna (Kirsten Drope) zu sich genommen, mit dem Ziel, das junge Mädchen zu heiraten. Sweeney macht durch einen geschickt provozierten Rasierwettbewerb mit Pirelli, einem italienischen Barbier, bei dem er gewinnt, auf sein Geschäft aufmerksam. Pirelli kennt ihn jedoch noch von früher und erinnert sich. Sweeney muss ihn daher beseitigen, um unerkannt zu bleiben. Nachdem sein Salon inzwischen schon weiter empfohlen wurde, taucht auch tatsächlich Richter Turpin bei ihm auf, um sich rasieren zu lassen. Er entgeht dabei nur knapp dem Tod, weil Anthony dazwischen platzt. Was die störende Leiche von Pirelli angeht, so hat Mrs. Lovett sofort einen trefflichen Vorschlag: Sie wird den Toten dreimal durch den Fleischwolf drehen und zu Fleischpasteten verarbeiten. Die beiden machen aus dieser Idee ein Geschäft, das sich sehr erfolgreich anläßt. Dazu wird ein spezieller Friseurstuhl angeschafft, der so konstruiert ist, dass weitere Leichen, für die Sweeney aus Wut über die missglückte Rache sorgt, über eine Rutsche direkt in die Backstube gelangen. Inzwischen hat Anthony durch Zufall Johanna kennengelernt, sich in sie verliebt und plant mit ihr die Flucht, die Richter Turpin dadurch zu verhindern weiß, dass er Johanna in einer Irrenanstalt verstecken läßt. Anthony verschafft sich als Perückenmacher Zutritt in die Anstalt und entführt Johanna, die sich in einem Matrosenanzug bei Sweeney Todd verbirgt. Dieser läßt dem Richter eine Nachricht zukommen, dass er Johanna in seinem Salon finden könne, Bevor der Richter kommt, muß Sweeney noch eine Bettlerin (Daniela Denschlag) beseitigen, die bei ihm eindringt. An dem Richter, den er zunächst im Barbierstuhl bedient, kann er sich schließlich rächen, indem er ihm die Kehle durchschneidet. Johanna hat mehr Glück, denn sie kann Sweeney, der seine Tochter nicht erkennt, entkommen. Als Mrs. Lovett versucht, die Bettlerin beiseite zu schaffen, kommt Sweeney hinzu und erkennt in der Toten seine Frau Lucy. Sein Entsetzen und sein Zorn richtet sich jetzt gegen Mrs. Lovett, da er feststellen muß, dass sie die ganze Zeit wußte, dass Lucy am Leben war. Er tötet auch sie. Als er seine tote Frau verzweifelt in den Armen hält, schleicht Toby (Stefan Poslovski), der junge Beschützer von Mrs. Lovett, herbei und beendet das schreckliche Treiben, indem er Sweeney Todd tötet.
   Sondheim hat diese Horrorgeschichte, die auf einen Groschenroman aus dem Jahr 1846 zurückgeht, durch eine der schönsten Broadway-Partituren (unter Mitwirkung des Arrangeurs Jonathan Tunick) veredelt. Es ist eine modern klingende, sensible zeitgenössische Musik, mit dezent eingesetzten Dissonanzen, und wunderschönen kurzen Kantilenen, ganz ohne das hohle Pathos der Pop-Opern der Achtziger- und Neunzigerjahre. Nach dem Orgel-Prelude erklingt die vom Ensemble gesungene "Ballade von Sweeney Todd" mit ihren ostinaten Bassfiguren, die das Publikum auf die nachfolgende, düstere Moritat einstimmt. Diese Ballade wird mehrfach und ganz am Ende des Stücks wieder aufgenommen, eine musikalisch Klammer, die bewirkt, dass der Erzählungston und die erforderliche Distanz, ohne die man die schreckliche Handlung wohl kaum verdauen könnte, beibehalten wird. Gleich danach folgt "Es gibt nur ein London (No Place like London)", in dem Sweeneys Erzählung "There was a Barber and His Wife" besonders berührt. Mrs. Lovett besingt ihre schlechten Pasteten "Die schlimmsten Pies in London (The Worst Pies in London)", bevor sie mit "Arm's Ding (Poor Thing)" Sweeney darüber aufklärt, was mit seiner Frau passiert ist. Mit "Grünfink und Nachtigall (Green Finch and Linnet Bird)" lernt man Sweeneys Tochter Johanna kennen, als sie Vögel in ihren Käfigen bedauert und damit ihr eigenes trübseliges Dasein meint. Anthony, der sie hier sieht und sich gleich verliebt, singt das hinreißende "Ich fühl Dich, Johanna (Johanna)". Es folgt der Rasierwettbewerb, der als Parodie auf die italienische Oper angelegt ist. Die schon in der Broadway-Uraufführung des Musicals gestrichene Szene des Richters Turpin, in der sein seelischer Zwiespalt und seine Gier nach Johanna charakterisiert werden, fand auch in dieser Vorstellung nicht statt, allerdings wohl nur, weil der eingesprungene Peter Parsch darum gebeten hatte. Vom zweiten Akt bleibt Tobys Szene "Denn ich bin bei Euch (Not While I'm Around)", mit der sich der naive Bursche zum Beschützer von Mrs. Lovett aufschwingt, besonders in Erinnerung.
   Sondheims Musik überhöht die abstoßende Handlung zu einem Erlebnis, das beim Zuschauer echtes Mitgefühl auslösen kann. Leider ist es der Regie und den Darstellern in Mannheim nicht gelungen, die Anteilnahme der Zuschauer mit den bedauernswerten Kreaturen des Stücks zu wecken. Es handelt sich hier wirklich um eine tragische Geschichte, und die Tragik wird durch die zahlreichen grotesken Handlungselemente noch extrem verstärkt. In Mannheim blieben von dem Geschehen auf der Bühne wesentlich die parodistischen Elemente in Erinnerung, über die sich manch ein Zuschauer nach der Vorstellung wohl amüsieren konnte. Das ist für das hohe Niveau dieses Musicals natürlich absolut zu wenig. Nebenbei: Überaus störend waren auch die sehr aufgesetzt wirkenden, unnatürlich "hampeligen" Bewegungen einiger Darsteller, was insbesondere bei Toby und Johanna auffiel.
   Dirigent Jan Roelof Wolthuis gelang es, Sondheims Musik durchaus adäquat zum Klingen zu bringen. Allerdings gab es, wie häufig in Musicals, durch die Verstärkung der Stimmen gelegentliche Probleme mit der akustischen Balance, die Sänger waren gegenüber dem Orchesterbegleitung häufig zu laut, und so mischten sich die Stimmen und Instrumente nicht immer zu dem vom Kenner der Musik erwarteten Klangeffekt. Die Partien waren teilweise mit Sängern aus dem Opernfach, teilweise mit Musicalsängern besetzt. Winfried Sakai besticht vor allem durch das Volumen seiner Bassstimme. Er spielte die schwierige Rolle leider nicht immer mit der nötigen Intensität, die eine Wandlung Sweeneys vom hasserfüllten Rächer des an ihm geschehenen Unrechts zum verzweifelten und schließlich irrsinnigen Massenmörder hätte glaubhaft machen können. Die Mrs. Lovett von Simone Pohl überzeugte mehr durch ihre Darstellung, denn durch ihre Stimme. Kirsten Drope schenkte der wichtigen, aber kleinen Rolle der Johanna ihre schöne, klassische Sopranstimme. Als eher etwas blasser Anthony war Kurt Schober eingesprungen, seine Stimme erfüllte jedoch die Anforderungen der Rolle. Peter Parsch als übertrieben sabbernder Richter Turpin war aufgrund des Strichs seiner wichtigen Charakterszene stimmlich nicht allzu sehr gefordert.
   Musicalliebhabern, die Sweeney Todd nicht kennen, ist die Fahrt nach Mannheim zu empfehlen. Wer einmal auf den Geschmack von Sondheims Musicals gekommen ist, wird danach ganz andere Maßstäbe anlegen.

Arthur H. Maute
11. Juni 2000

Fotos: Nationaltheater Mannheim
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