Flower power trotz gealterter Blumenkinder und die Hits der 60er Jahre auf der Freiluftbühne des Theaters unter den Kuppeln begeisterten das Publikum bei der Premiere am 12. Juni 2010.

„Hair“
im Theater unter den Kuppeln
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Der Albtraum von langen Haaren und vom Krieg
Aged Flower Power und die Hits der 60er Jahre

Aquarius? - Die Engländerin Sandra (Marleen Reimann) steht Sheila (Inky Herzberg) bei, die meint, in dem jungen Claude ihren lang herbeigesehnten Aquarius zu erkennen („Easy to be Hard“). - Foto: Stefan Niehof
Aquarius?
Die Engländerin Sandra (Marleen Reimann) steht Sheila (Inky Herzberg) bei, die meint, in dem jungen Claude ihren lang herbeigesehnten Aquarius zu erkennen („Easy to be Hard“).
Foto: Stefan Niehoff

Mit den langen Haaren ist es nicht mehr so weit her. Die 68er Hippiekommune existiert noch, doch heute, nach mehr als 40 Jahren, sind die Blumenkinder gealtert. Nach wie vor geben sie sich zwar der Liebe und dem Drogenkonsum hin. Doch ihre erwachsenen Kinder machen ihnen das Leben schwer, denn sie wollen ihre Eltern zu einem geregelten Leben und zum Geldverdienen zwingen. Für diese aktualisierte Variante des Musicals von Gerome Ragni und James Rado mit der Musik von Galt MacDermot haben sich die Macher des Stettener Theaters unter den Kuppeln entschieden.

Ein lang gehegter Wunsch
   Mit der Produktion von „Hair“ erfüllte sich ein lang gehegter Wunsch. Und so tummeln sich jetzt widerspenstige Alte und aus der Art geschlagene Yuppies auf der riesigen Freilichtbühne der Weidacher Höhe. Denn die Regisseurin Solveijg Bauer hat beschlossen, sich nur der Spur nach an die 1967 und 1968 entstandenen Originale zu halten. Vielmehr verlegt sie die Haupthandlung in die Gegenwart und orientiert sich nur rückblickend an manchen Einzelheiten des ursprünglichen Stücks. Angesichts der zahlreichen inzwischen ebenfalls in die Jahre gekommenen Darsteller des Amateurtheaters ist diese Idee nicht von der Hand zu weisen.

Die heutige Generation - Nicht im Nirgendwo, sondern im feinen Hotel wohnen die Kinder der Flower People. Die Mädchen schwärmen für Popstars, die einen für weiße, die anderen für schwarze („Black Boys“, „White Boys“). - Foto: Stefan Niehof
Die heutige Generation
Nicht im Nirgendwo, sondern im feinen Hotel wohnen die Kinder der Flower People. Die Mädchen schwärmen für Popstars, die einen für weiße, die anderen für schwarze („Black Boys“, „White Boys“).
Foto: Stefan Niehoff

Hubschrauberdonner und harter Disco-Sound
   So belagern also von Anfang an die gealterten Hippies den Schauplatz, während das neugierige Publikum von den wirklich bequemen neuen Theatersesseln aus gespannt beobachtet, was da geschieht. Wenn es auch allzu lange dauert, bis die Show Fahrt aufnimmt.
   Sheila, die Stammesälteste, versucht mit einigem Hare-Krishna Hokuspokus ihren Aquarius - von früheren deutschen Produktionen bekannt als „Der Wassermann“ - genannten Sohn herbei zu zitieren. Wer eine der zahlreichen Varianten des Musicals kennt, weiß mehr. Bei anderen mögen Verständnisprobleme auftreten. Sheila war als Mädchen eines dieser Blumenkinder, das zu eben diesem damals jungen Hippiestamm gehörte. Damals hatten sie alle sich mit dem Aquarius-Song vom Sternzeichen des Wassermann ein neues Zeitalter ersehnt. Jetzt feiert die Senioren-Kommune Partys und verherrlicht das Hippieleben. Das geht so lange gut, bis ihr völlig aus der Art geschlagener Nachwuchs auftaucht. Mit dabei sind die Engländer Sandra und Claude. Schnell sind alle überzeugt, dass es sich bei Claude nur um den verlorenen Sohn, Sheilas Aquarius, handeln kann. In den Meinungsverschiedenheiten zwischen Jung und Alt vermittelt Sandra. Claude, der von den Althippies zum Drogenkonsum verführt wird, erlebt im Rausch das Chaos des Krieges. Hier, nachdem die Handlung sich immer wieder zäh von Song zu Song geschleppt hat, ist der Regisseurin die packendste Szene gelungen. Zu Hubschrauberdonner und hartem Disco-Sound wird geflohen, geschossen und gestorben. Bis Claude aus seinem Koma erwacht. Mit dem gemeinsamen Wunsch von Jung und Alt nach Frieden und Freiheit wird das Publikum mit „Let The Sunshine In“ nach Hause geschickt.
   Im Vorjahr bei „Cabaret“ war die Spielfläche noch mit beweglichen Wänden verstellt. Jetzt ist sie völlig entrümpelt, und das ist gut. Nicht einmal die Drehbühne wird benutzt. Abgesehen von einigen Versatzstücken werden die Darsteller in ihrer freien Bewegung nicht behindert. Trotzdem gibt es zahlreiche optische Überraschungen im von der Regisseurin entworfenen Bühnenbild. So verbergen sich hinter den verschiebbaren Wänden im Bühnenhintergrund zusätzliche Schauplätze.

Ein Massenaufgebot an Amateurdarstellern
   Bei der Premiere spielte das Wetter mit, es war nicht mal zu heiß, und der im rechten Moment einsetzende Wind unterstrich die Turbulenzen auf der Bühne. Das Theater unter den Kuppeln hat zweifelsohne einen neuen Hit gelandet. Leider ist die modifizierte Handlung wegen der oft schlechten Textverständlichkeit manchmal schwer nachzuvollziehen. Zwar wird ein solches Handicap auch von den ersten Aufführungen am Broadway Ende der 60er vermeldet. Es handle sich eigentlich um eine lose Aneinanderreihung von wirksamen Szenen und Songs, so hieß es damals, in die erst der Film von 1979 etwas Ordnung brachte. Deshalb können die Songs leicht umgestellt werden, wobei ihnen auch eine andere Bedeutung gegeben werden kann. Diese Möglichkeit wurde auch in Stetten genutzt.
   Wie in jeder Saison zeigt sich das Plus des Theaters darin, ein Massenaufgebot an Amateurdarstellern auf die Beine stellen zu können. Zwar können nicht alle Sänger mit ihren Soli überzeugen. Dafür reißen einen die Chöre im wahrsten Sinne des Wortes vom Stuhl. „Hair“ ist mit seinen zahlreichen chorisch angelegten Songs für Stetten besonders geeignet. Inky Herzberg überrascht mit einer „souligen“ Stimme und hinterlässt in ihrer Rolle als Mutter einen bleibenden Eindruck. Auch Jakob Schulze, als Claude mit kräftiger Stimme agierend, und Marleen Reimann, als Sandra mit einem gekonnten englischen Akzent parodierend, gefielen. Und die zwölfköpfige Band unter Leitung von Sylvio Zondler, der auch die Arrangements schrieb, sorgte für einen beachtlichen Drive, der das Publikum zu einem finalen Begeisterungssturm hinriss.

Arthur H. Maute
16. Juni 2010

Drogentrip - Claude (Jakob Schulze), von Sheila und den Hippies zum Drogenkonsum verführt, fällt aus der Realität und versinkt im Krieg. Angegriffen von donnernden Hubschraubern und bedroht von bewaffneten Soldaten, erschießt er über die Bühne fliehende Menschen („Der Krieg“). - Foto: Stefan Niehof
Drogentrip
Claude (Jakob Schulze), von Sheila und den Hippies zum Drogenkonsum verführt, fällt aus der Realität und versinkt im Krieg. Angegriffen von donnernden Hubschraubern und bedroht von bewaffneten Soldaten, erschießt er über die Bühne fliehende Menschen („Der Krieg“).
Foto: Stefan Niehoff

Spielstätte:
Theater unter den Kuppeln
Gräbleswiesenweg 32
70771 Leinfelden/Echterdingen – Stetten
Freilichtbühne
Vorstellungen
Samstag, 12. Juni 2010, 20:30 Uhr (Premiere)
Freitag, 18. Juni 2010, 20:30 Uhr
Samstag, 19. Juni 2010, 20:30 Uhr
Freitag, 25. Juni 2010, 20:30 Uhr
Samstag, 26. Juni 2010, 20:30 Uhr
Freitag, 02. Juli 2010, 20:30 Uhr
Samstag, 03. Juli 2010, 20:30 Uhr
Freitag, 09. Juli 2010, 20:30 Uhr
Samstag, 10. Juli 2010, 20:30 Uhr
Freitag, 16. Juli 2010, 20:30 Uhr
Samstag, 17. Juli 2010, 20:30 Uhr
Freitag, 23. Juli 2010 20:30 Uhr
Sonntag, 25. Juli 2010, 17:00 Uhr
Freitag, 30. Juli 2010, 20:30 Uhr
Samstag, 31. Juli 2010, 20:30 Uhr
Freitag, 6. August 2010, 20:30 Uhr
Samstag, 7. August 2010, 20:30 Uhr
Tickets:
Theater unter den Kuppeln
Di und Fr von 15:00 bis 18:00 Uhr
Telefon: 0711-795111
Online: www.tudk.de
Eintrittspreise:
EUR 10,00, 13,00, 15,00 (Ermäßigung € 1,- für Behinderte, Schüler, Studenten)