Am 15. Juni 2005 gaben die Vereinigten Bühnen Wien der Presse unter dem Motto "Die Vielfalt hat eine Bühne" einen Ausblick auf das, was die Zukunft bringt. Vereinigte Bühnen Wien
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Rebecca und das unheimliche Manderley dräuen am Horizont
Das Wiener Musical muss den Verlust des Theaters an der Wien verschmerzen. Was kommt nach „Elisabeth“?

Der Zuschauerraum des Theaters an der Wien - Foto: Vereinigte Bühnen Wien

Die Wiener Ambitionen, eine Musical-Metropole zu sein und zu bleiben, wurden in den Wiener Medien oft kritisiert. Weil „Stücke, die anderswo angesetzt werden, weil alle Beteiligten viel Geld damit verdienen, hierzulande Jahr für Jahr mit zig Millionen Steuer-Euros ‚gefördert’ werden müssen“, wie der Musikkritiker und Buchautor Wilhelm Sinkovicz am 16. November 2004 schrieb. Die bei den Vereinigten Bühnen Wien (VBW) für Musical verantwortliche Intendantin Kathrin Zechner hat in der Tat ein schwieriges Amt.
   Denn die Ära des Erfolgsmusicals „Elisabeth“ geht zu Ende. Zwar wird das Stück von Michael Kunze und Sylvester Levay nach der Sommerzeit Kathrin Zechner, die für Musical verantwortliche Intendantin der Vereinigten Bühnen Wien - Foto: VBWam 15. September nochmals wieder aufgenommen, aber nur für kurze Zeit. Am 4. Dezember aber ist endgültig Schluss, nicht nur für die langjährigen Leiden und Todessehnsüchte der österreichischen Kaiserin, sondern auch für die fast 35 Jahre alte Tradition im Haus am Naschmarkt. Denn für das Theater an der Wien wird es eine Neuorientierung geben. Es soll in Zukunft als Opernhaus dienen, 2006 zunächst für Veranstaltungen im Rahmen des Mozart-Jahrs.
   Stolz wird von den VBW resümiert, dass allein in Wien über 1,6 Millionen Besucher die „wahre Geschichte der Sissi“, wie sie in Stuttgart heißt, gesehen haben, weltweit sollen es bisher sogar 5,8 Millionen Zuschauer gewesen sein. „Elisabeth“, das erfolgreichste deutschsprachige Musical überhaupt, soll in seiner so genannten Jubiläumsfassung in der zweiten Spielsaison im Theater an der Wien mit über 95 % Auslastung gelaufen sein. Vor dem endgültigen Aus sind die Stars der Wiener Produktion während der Sommerpause noch einmal vom 31. Juli bis zum 6. August zu sehen, allerdings nur in einer konzertanten Fassung vor dem Schloss Miramare in Triest.

Raimund Theater

„Romeo & Julia“ verlängert
   Das ebenfalls zu den VBW gehörende Raimund Theater wird in Zukunft weiterhin ein traditionelles Ensuite-Theater bleiben, wo große Musicalproduktionen gespielt werden sollen. Zur Zeit läuft dort „Romeo & Julia“, ein freches innovatives französisches Pop-Musical für junge Leute. Es ist die erste Neuproduktion unter Zechner, nicht direkt für Wien geschaffen, aber in seiner jugendlichen Frische äußerst erfolgreich. Die Show soll bisher eine Auslastung von über 98 Prozent aufweisen und seit ihrer Premiere am 24. Februar von mehr als einhunderttausend Zuschauern gesehen worden sein. Deshalb wird die Spielzeit wohl auch bis zum Sommer 2006 ausgedehnt werden. Die Auditions und Vertragsverhandlungen für die Verlängerung laufen gerade an. Die Produktion soll darüber hinaus, wie schon „Elisabeth“ und „Tanz der Vampire“, an andere Häuser verkauft werden. Zumindest heißt es, dass Gespräche mit interessierten Produzenten aus Deutschland und der Schweiz gebe, die die Wiener Fassung übernehmen wollen.
Das DramaMusical „Rebecca“
   Nach den zahlreichen von der Presse gemeinhin als Flops bezeichneten Stücken „F@lco“, „Jekyll & Hyde“, „Wake up“ und „Barbarella“ wird es wieder Zeit für ein neues Wiener Musiktheatergewächs, die Uraufführung eines neuen Musicalerfolgs aus eigener Zucht. Sicher ist sicher, und so greift Kathrin Zechner zurück auf ein bewährtes Autorenteam. Am Horizont, genauer im Herbst 2006, zeichnet sich ein neues DramaMusical von dem erfolgreichen Autorenpaar Kunze/Levay ab. „Rebecca“ soll es heißen und soll, wie schon „Elisabeth“ und „Tanz der Vampire“, natürlich in Wien uraufgeführt werden. „Never change a winning team“ kann man hier nur sagen. Herauskommen wird das Stück im Raimund Theater, wo schon die Uraufführung von „Tanz der Vampire“ stattfand. Die Regie soll in den Händen von Francesca Zambello liegen. Die literarische Vorlage ist der romantische Gesellschaftsthriller „Rebecca“ von Daphne du Maurier aus dem Jahr 1938. Der Roman erlangte seine Popularität insbesondere durch die 1940 entstandene eindrucksvolle Verfilmung, in der Laurence Olivier und Joan Fontaine unter der Regie von Alfred Hitchcock spielten. Man darf gespannt sein, ob du Mauriers Erzählung von mehreren hundert Seiten wieder auf ein effektvolles DramaMusical reduziert werden kann, auf einige eingängige Songs, vielleicht sogar basierend auf einer musikalischen Leitthematik wie in „Elisabeth“. Es ist jedenfalls wahrscheinlich, dass sich die epische Story leichter komprimieren lässt, als das immerhin sechzig Jahre dauernde Leben der österreichischen Kaiserin, zumal es ja die erwähnte Filmvorlage gibt.

Das Etablissement Ronacher - Foto: VBW

Das Ronacher wird mobil
   Da das Theater an der Wien für das Musical in Zukunft flach fällt, gewinnt das Etablissement Ronacher als Spielstätte an Bedeutung. Dort jedoch beginnt ab Herbst 2005 die so genannte „Funktionssanierung“. Diese Sanierung des denkmalgeschützten Hauses soll bis Herbst 2007 dauern und rund 46,8 Millionen Euro kosten, wie die „Redaktion GAT Graz Architektur Täglich“ am 22. Mai berichtete. Zechner will in der Zwischenzeit neue Wege beschreiten und unter dem Etikett „Ronacher Mobile“ verschiedenste Ko- und Eigenproduktionen an anderen Spielstätten präsentieren.
   Da gibt es das Projekt „VBW go concert“. Neben der konzertanten „Elisabeth“ in Triest soll es ab 27. November wieder die Weihnachtsshow „Musical Christmas“ geben, vom 13. bis 17. April 2006 „Jesus Christ Superstar“ konzertant, im Mai und Juni 2006 „Mozart! - Musical in Concert“. Für diese Produktionen sind Kooperationen geplant. Außerdem sollen Verhandlungen mit Tournee-Partnern laufen. Die Konzerte werden mit Künstlern der VBW zusammen mit dem VBW-Orchester unter Caspar Richter veranstaltet.
   Aber im Rahmen des „Ronacher Mobile“ soll es nicht nur reine Konzerte geben. „The Little Match Girl“, ein szenisches Konzert von den Tiger Lillies mit Piano, Kontrabass und Schlagzeug, ein Stück frei nach dem Märchen „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, das vom 4. bis 26. Februar 2006 im Odeon dargeboten werden soll, wird immerhin mit Bühnenbildern illustriert. Martyn Jaques vertonte die traurige Geschichte von Hans Christian Andersen über das kleine Mädchen, das im Winkel an einem Hause saß, „in der kalten Morgenstunde mit roten Wangen, mit Lächeln um den Mund - tot, erfroren am letzten Tage des alten Jahres“. Regie soll der Engländer Dan Jammett führen.
   In der Halle E des Museumsquarties soll es im Sommer 2006 eine Uraufführung geben. „Die Weberischen – Ein Bänkelgesang aus dem Hause Schikaneder“ werden als Auftragswerk der „Wiener Mozartjahr Organisations-GmbH“ produziert. Aus einem Sprechstück wird von Felix Mitterer, Martyn Jacques und Intendantin Kathrin Zechner ein „schwarzhumoriges satirisches Musiktheaterstück“ entwickelt, eine Geschichte über die Beziehungen der fünf „Weberischen Frauen“ zu W. A. Mozart. Der Komponist ist ebenfalls Martyn Jacques, und die Tiger Lillies, für die Zechner offenbar eine Präferenz hat, sind ebenfalls dabei. Es muss vielleicht erläutert werden: Die Weberischen sind Constanze, Mozarts Frau, übrigens eine Kusine von Carl Maria von Weber, und ihre Schwestern.
Nach Elisabeth jetzt Kronprinz Rudolf
   Im Rahmen des „Ronacher Mobile“ soll unter dem Arbeitstitel „Die Affäre Mayerling“ ein neues Musical entstehen, das den Roman „Ein letzter Walzer“ („A Nervous Splendor: Vienna 1888-1889“, erschienen 1979; deutsch 1981 bzw. 1997) von Frederic Morton als Vorlage benutzt. Der große historische Roman rund um den Selbstmord des habsburgischen Kronprinzen Rudolf fängt die unterdrückte Spannung im Wien dieser Zeit ein. Zu Mortons berühmtesten Werken gehört übrigens das Familienporträt »Die Rothschilds« (1962; deutsch 1962), das auch schon als Vorlage für ein Broadway-Musical gedient hat.
   Frank Murphy wird für das Buch verantwortlich sein, Frank Wildhorn schreibt die Musik. Die tragische Liebesgeschichte zwischen Kronprinz Rudolf und Mary Vetsera, von Michael Kunze in „Elisabeth“ unterschlagen, wird also neu erzählt werden. Die Uraufführung der österreichisch-ungarischen Koproduktion soll im Mai 2006 im Operettenhaus Budapest stattfinden. Übrigens wird im Mai und Juni 2006 „Mayerling“, das geniale Ballett des englischen Choreografen Kenneth MacMillan mit der Musik des in Ungarn als Sohn deutscher Vorfahren geborenen Komponisten Franz Liszt, ebenfalls in Budapest aufgeführt werden, allerdings im Opernhaus. Eine direkte Konkurrenz ist nicht zu befürchten, denn beide Werke wenden sich an ein völlig unterschiedliches Publikum.

Arthur H. Maute
20. Juni 2005