Gut einen Monat nach der Uraufführung von „Rebecca“ erzählt Wietske van Tongeren ausführlich über ihr Leben und ihre Karriere. „Rebecca“ in Wien
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„Ich glaub, das passiert halt“
Musical-Shootingstar Wietske van Tongeren über ihren phänomenalen Aufstieg zur Hauptdarstellerin in „Rebecca“

Wietske van Tongeren beim Interview am 1. November 2006 in Wien - Sie spielt seit der Uraufführung des DramaMusicals "Rebecca" von Michael Kunze und Sylvester Levay im Raimund Theater fast täglich die namenlose Rolle der "Ich". In einem langen Gespräch erzählt die junge Hauptdarstellerin, wie es zu dieser Karriere kam. - Foto: Copyright © 2006 Arthur H. Maute
Wietske van Tongeren beim Interview in Wien
Sie spielt seit der Uraufführung des DramaMusicals „Rebecca“ von Michael Kunze und Sylvester Levay im Raimund Theater fast täglich die namenlose Rolle der „Ich“. In einem langen Gespräch erzählt die junge Hauptdarstellerin, wie es zu dieser Karriere kam.
Foto: Copyright © 2006 Arthur H. Maute

Wietske, ich freue mich, dass du zum Gespräch gekommen bist und dass wir jetzt ein wenig über deine Kunst und deine Karriere reden können. Du bist ja eigentlich ein richtiger Shooting Star. Wie ich weiß, kamst Du direkt von der Schule nach Wien. Und dann sofort „Elisabeth“ und danach gleich „Rebecca“. Mal ganz dumm gefragt: wie macht man so was?
   Ich glaub, das passiert halt. Nach der Schule hatte ich eigentlich ein Angebot in Holland, und sollte dort einen Job machen. Ein Freund von mir wollte gerne in Wien für „Elisabeth“ Audition machen. Er wollte aber nicht alleine gehen, weil Wien so weit weg ist, sondern er hat gesagt: Geh doch mit, wir machen uns ein schönes Wochenende in Wien, da singen wir nebenbei vor, und dann weißt du auch mal, wie das ist, im Ausland vorzusingen. Ich sag, OK, mach ich, „Elisabeth“ ist ein schönes Stück, ich geh da mal hin. Und das schlimmste, was passieren kann, ist dann passiert. Er war leider gleich raus, und ich kam immer weiter und weiter. Und am Ende gehe ich zurück nach Holland und habe ein Angebot für Wien in der Tasche, obwohl ich gar nicht geplant hatte, nach Wien zu gehen.

Also du hast tatsächlich gleich an der Audition teilgenommen, du bist nicht nur als Freundin oder Bekannte mitgegangen?
   Er wollte nicht alleine gehen. Wir waren beide an der Schule, und es war auch gut, mal im Ausland, in einer anderen Sprache, vorzusingen. Und ich dachte, ich habe eh einen Job, da hab ich nicht so viel Stress, dann schau ich einfach mal, wie das ist. Wien ist eine schöne Stadt, und ich hab gelesen, dass das Vorsingen im Theater an der Wien war. Ich dachte, na, die Chance, da mal vorzusingen ist doch schön, und dann war ich auf alle Fälle mal da. Und dann hatte ich plötzlich einen Callback, und ich musste nochmals nach Wien. Und dann hatte ich plötzlich ein Angebot, und da dachte ich, was soll ich jetzt machen? Ich wollte eigentlich in Holland bleiben, ich hatte das alles so geplant und jetzt kommt mir plötzlich was anderes in den Weg. Aber irgendwie, ja, hat es mich schon gekitzelt. Und dann hat mein Herz mir gesagt: du bist jetzt jung, wenn du weiterkommen willst oder je im Ausland arbeiten möchtest, geh jetzt. Jetzt hast du noch keine Verpflichtungen, du hast noch keine Familie. So habe ich mich dann im letzten Moment doch entschieden, OK, dann geh ich eben nach Wien und schaue mal, was passiert.
Wietske van Tongeren beim Interview am 1. November 2006 in Wien - Foto: Copyright © 2006 Arthur H. Maute   Und vom ersten Tag an, den ich in Wien war, habe ich eine wunderschöne Zeit gehabt. Ich habe in den anderthalb Jahren bei „Elisabeth“ so viel gelernt und auch so viele Chancen gekriegt, andere Sachen zu machen. Ich hab war bei einem „Jesus Christ“ Konzert dabei, bei einem Weihnachtskonzert, und ich durfte dann schließlich beim „Rebecca“ Workshop mitmachen. Und während des Workshops zeigte sich dann schon, dass die Interesse an mir hatten. Eigentlich ist das alles so ein bisschen wie ein Traum an mir vorbeigeflogen, dass ich dachte, nein, das glaube ich nicht… Ja, es wäre toll, wenn ich da eine Zweitbesetzung kriegen könnte. Aber ich hab nie daran gedacht, dass da vielleicht eine Erstbesetzung drin wäre. Und wenn dann plötzlich ein Anruf kommt: Wietske, ja, du brauchst nicht zur Audition zu gehen… Aber ich habe ein Angebot in Holland, ich kann  zurückzgehen nach Holland… Nein, Wietske, bleibe lieber hier, denn wir wollen dich haben für die First Cast von „I“. Da dachte ich, das gibt’s nicht.
Und dann, zwei Wochen später, rufen Michael Kunze und Sylvester Levay an: wir brauchen für ein paar Monate eine Elisabeth in Stuttgart. Hast du Lust, das zu machen? Und ich denk mir: Hab ich Lust? (lacht) Wow, das ist eine Ehre. Ja so bin ich von „Elisabeth“ in Wien zu „Elisabeth“ nach Stuttgart gegangen. Das war eine gute Erfahrung, denn das war eine Erstbesetzung, mit der Verantwortung umzugehen, jeden Abend so eine große Rolle zu spielen. Und es war natürlich außerdem eine gute Erfahrung, bevor das hier in Wien mit der Presse und allem anderen losging. Und jetzt bin ich hier, und ich genieße es, ich genieße jeden Moment, ich lerne immer viel, und, Glück gehabt, sag ich mal.

Aber nicht nur...
   Nicht nur. Ich glaube, es fängt an mit Talent, das man gekriegt hat, und einer - wie sagt man - Passion, Leidenschaft für die Kunst, und dass man auch viel arbeiten muss, um gut zu werden, gut zu bleiben, und, ja, dann ist es halt wichtig, dass du im richtigen Zeitpunkt Leute findest, die an dich glauben und die dir weiterhelfen. Und Gott sei Dank ist es so schnell, so früh passiert.

Und wann hat es wirklich angefangen. Hast du schon als Kind oder als Jugendliche …?
   Ich hab als Kind in einer kleinen Gruppe gesungen. Da hatten wir auch Auftritte, und ich habe immer gespürt, das macht mir richtig Spaß!
 
War das ein Chor?
   Ja, das war ein Chor. Und wir hatten dann auch mal kurze Fernsehauftritte und Konzerte. Und da hab ich mir schon gedacht, ja, das macht mir richtig Spaß. Dann hab ich Abitur gemacht, und während dem Abitur hab ich eigentlich kaum gesungen, die ersten paar Jahre. Denn ich dachte, nein, das alles ist doch nichts für mich, ich sollte besser etwas Gescheites studieren. Nein, das ist alles so unsicher. Da habe ich auch nicht mehr Gesangsunterricht genommen, da habe ich mich vier Jahre nur auf mein Studium konzentriert. Aber während des Abiturs habe ich dann einen Logopäden getroffen, der auch selber Gitarre spielte und selber viel mit Musik beschäftigt war. Er gab mir ein bisschen Gesangsunterricht mit Atemübungen. Wir haben zusammen irische Folksmusik und Countrymusik gemacht. Und dann hat der auch nach ein paar Stunden gesagt, Wietske, du solltest nicht aufhören, zu singen. Es macht dir so viel Spaß. Lass uns einfach jede Woche einmal zusammenkommen. So hat das wieder angefangen.

Musical ... keine Ahnung, was das ist
   Danach war ich auf einer Musicalschule, wo Gesang, Tanz und Schauspiel unterrichtet wurde. Und ich dachte, na ja, Musical … ich habe keine Ahnung, was das ist, aber es ist schön. Ich habe dann mit meiner Mama das Musical „Miss Saigon“ gesehen, ich war im Publikum, und ich wusste gar nichts, ich wusste überhaupt nichts von der Geschichte, ich wusste nicht, was für ein tragisches, was für ein dramatisches Ende das Musical hat. Ich war danach so erstaunt und hab so geweint, und ich dachte, Mann, wenn es irgendwie möglich ist, da auf so einer Bühne so was zu machen, dann wäre das doch toll. Und dann habe ich wieder Gesangsunterricht genommen, war wieder volle Kanne dran. So habe ich dann Audition für das Konservatorium gemacht und mich gleichzeitig für Jura angemeldet. Denn ich dachte, wenn es nicht klappt, dann hab ich noch was anderes, was ich machen kann. Am Konservatorium sollten fünf Leute engagiert werden, von 400 Bewerbern, die sich angemeldet hatten. Natürlich dachte ich, dass das wahrscheinlich nichts werden wird. Und plötzlich geschah es, plötzlich hatte ich eine Anmeldung, dass ich zur Schule gehen kann. Und da dachte ich mir, dann ist es Schicksal, dann muss ich das machen. Und dann war ich vier Jahre in Holland am Konservatorium.

Und als du die Schule gerade beendet hattest, hat sich das mit Wien ergeben?
   Ich habe im Mai den Abschluss gemacht. Im April hat es sich, glaube ich, schon ergeben, dass ich nach Wien fahren konnte. So habe ich also im Mai meinen Abschluss gemacht, wie es geplant war, und bin dann im Juni/Juli nach Wien geflogen, um hierher zu ziehen, hier in dieser Stadt zu wohnen und proben zu gehen.

Und in welchem Jahr war das?
   Das war im letzten Sommer vor zwei Jahren.

Und zwischendurch warst du ja in Stuttgart. Toll. Du hast also zunächst selbst keine Anstrengungen von dir aus entwickelt, dir Kontakte aufzubauen. Üblicherweise machen ja Künstler große Anstrengungen, versuchen möglichst viele Kontakte zu haben. Auch während der Schulzeit hast du diesbezüglich noch gar nichts unternommen?
   Nein, es war so, dass wir während der Schulzeit nicht vorsingen durften. Und ich bin einverstanden damit. Die Ausbildung ist nämlich eh so kurz, und die Gefahr besteht einfach, dass man, wenn man halbfertig in eine Produktion geht, nicht mehr genügend Zeit für die Ausbildung hat. Ich war jeden Tag um zehn in der Schule und habe meine Gesangübungen gemacht. Davor war ich schon um neun Uhr im Ballett, und um zehn war das Einsingen. Danach kam das Singen im Ensemble, dann der Sologesang. Anschließend hatte man noch Kulturgeschichte. Der Tag dauerte bis sechs Uhr. Und nach sechs studierte ich noch bis acht Uhr, bevor ich heimging. Und ich denke auch, dass das ganz wichtig ist, denn da baut man sein Repertoire auf. Ich habe eine ganze Mappe mit Liedern zusammengestellt, bei denen ich dann wusste, das sind Songs, die schon gut gehen, und das sind Songs, an denen ich noch arbeiten muss.
Wir hatten aber auch Projekte, wir hatten in der Schule viele Workshops. Maya Hakvoort aus Wien ist oft gekommen, wir hatten von der Stage Castingleute, die mit uns gearbeitet haben, um uns so gut wie möglich auf Auditions vorzubereiten, damit wir beim Vorsingen Eindruck machen. Es gab da einen Regisseur, der mit uns ein Stück produziert hat. Von ihm habe ich dann direkt nach der Schule auch mein Angebot bekommen. Aber viele Kontakte … nein. Die habe ich erst aufgebaut, oder bin ich jetzt erst am aufbauen, während ich in diesem Beruf wirklich arbeite.

Und wie war das mit der deutschen Sprache? Du sprichst ja auf der Bühne ausgezeichnet deutsch (Wietske lacht), dass man nur ab und zu den Akzent ein bisschen hört. Oder die Sprachmelodie ist ein bisschen anders. Das interessiert mich natürlich, wie das ging mit deiner Sprache. Übrigens kann diese Sprachmelodie ja sogar attraktiv sein. Schließlich hat z.B. Johannes Heesters mit seinen fast 103 Jahren immer noch einen Akzent und war trotzdem ungeheuer erfolgreich. Das kann also sogar positiv sein.
   Deutsch habe ich schon in der Schule gelernt, da war ich aber noch ganz „schulmäßig“. Aber ich habe meinen Abschluss in Deutsch gemacht. Das war aber vom Sprechen her noch nicht so besonders, es war mehr Lesen und Schreiben. Und als ich dann nach Wien kam, war das am Anfang ziemlich spannend, weil ich zwar alles ungefähr verstehen konnte, aber ich habe mich meistens nicht getraut, selbst zu reden, weil ich dachte, dass ich zu viele Fehler mache. So hab ich halb Englisch und halb Deutsch gesprochen und so kommunizieren gelernt.

Wietske, jetzt sprichst du nur noch deutsch
   Aber nach den Proben von „Elisabeth“, sagte unser Abendspielleiter, mehr als Witz: jetzt wird nur noch deutsch gesprochen, Wietske, jetzt sprichst du nur noch deutsch. Und ich dachte: OK, gut, wenn ich es lernen will, dann sollt ich wirklich auch nur noch deutsch sprechen. Ich war in der Garderobe zusammen mit zwei Mädchen, Kerstin Ibald und Nadine Hammer , die ja nur deutsch sprechen, und dann muss man, und langsam traut man sich mehr, und ich bin Gott sei Dank jemand der leicht redet, der gern redet (lacht), Dann geht es eben schneller. Und man hört zu: Ah, nach „für“ kommt der vierte Fall … und so lernt man immer ein bisschen dazu.

Wietske van Tongeren beim Interview am 1. November 2006 in Wien - Foto: Copyright © 2006 Arthur H. MauteAlso du hast die Sprache durch die Praxis gelernt. Auf eine Sprachschule bist du gar nicht mehr gegangen.
   Nein. Ich hatte dabei, was ich in der Schule hatte, die Bücher, und auch alles, was ich damals geschrieben habe, das habe ich schon mitgenommen nach Wien. Ich hab schon immer mal nachgeschaut, wie das alles geht. Aber heutzutage wird man faul, wenn man auf dem Computer irgendwas machen muss. Dann schreibt man deutsch, und dann wird alles korrigiert. Beim Sprechen geht das leider noch nicht. Aber ich hab jetzt auch einen Freund aus Wien, so dass ich jetzt jeden Tag deutsch spreche. Meine eigene Sprache spreche ich jetzt nur noch ganz wenig, nur wenn ich mit meiner Familie telefoniere. Hier im Theater sind auch Holländer, Noud Hell und Susan Rigvava-Dumas, und ich muss sagen, nur mit Noud spreche ich noch öfter Holländisch. Aber Susan und ich sprechen eigentlich viel mehr deutsch als holländisch.
   Ich denk immer, was ist, wenn dieser Beruf nicht klappt? Ich liebe Wien, und möchte, wenn es irgendwie geht, hier mein Leben aufzubauen, in Wien bleiben. Ich fühle mich wohl hier, und dann denke ich, wenn ich doch was anderes machen muss, als Musical, ja, dann würde ich schon auf eine Schule gehen, dass ich dann wirklich perfekt deutsch sprechen kann, wirklich akzentfrei und fehlerfrei. Vielleicht denk ich in einem Jahr anders darüber, aber ich fühl mich vertraut mit dieser Stadt …

Aber ganz akzentfrei zu sprechen ist vielleicht doch nicht so wichtig, oder?
   Ich muss sagen, in Holland sind die Leute diesbezüglich viel strenger. Wenn in Holland Ausländer kommen, um vorzusingen, und man hört bei jemandem einen Akzent, dann ist er sofort weg. Sogar Leute, die nicht so ein „ch“ wie Holländer haben, also mehr Danzig „g“,  kriegen schon Phonetikunterricht. Und wenn ich da an Rudi Carell oder Linda de Mol denke, an Leute, die hier große Karriere gemacht haben, wenn ich die im Fernsehen höre, denk ich, huh, die haben aber schon einen wirklichen Akzent. Ich denke, dass die Leute hier das charmant finden. Ja, das freut mich.

Jetzt mal zurück zum Gesang, vom Reden zum Gesang … Die Gesangsausbildung war also komplett an dieser Schule. Und du hast alle Gesangtechniken, Belting und klassischen Gesang studiert?
   Ich habe auf dem Konservatorium die Richtung Musiktheater studiert. Da wirst du für Musical ausgebildet. Ich habe eine Stimme, die leicht beltet, aber auch leicht in die klassische Richtung geht. Ich habe auch in einem Jahr, in einem Sommerurlaub - wir haben Sommerurlaub von sechs Wochen - sechs Wochen klassisch studiert, weil ich dachte, das ist gut für die Basisentwicklung. Ich muss sagen, ich denke, dass Klassisch wichtig ist und die Basis für vieles, auch für Belting. Für Belting gibt es immer noch viele verschiedene Theorien, wie man das machen soll. Deshalb muss man für sich selber einen guten Gesanglehrer finden, mit dem man vertraut ist. Ich habe in Tilburg, wo ich studiert habe, zwei gute Lehrer gehabt, die ganz verschieden waren. Von beiden konnte ich etwas mitnehmen. Jetzt habe ich Unterricht bei Jack Poppel, der lange in Wien war, und jetzt auch in Essen unterrichtet. Er kommt jeden Monat nach Wien. Während der Probezeit für „Rebecca“ ist er fast jede Woche nach Wien gekommen. Mit ihm hab ich viel gearbeitet, er hat mir viel beigebracht, und tut das noch immer (lacht).

Man wird als Frau auch älter ...
   Ich denke, dass man sowieso nie fertig ist. Ich rede oft darüber mit Carin Filipcic (Mrs. Van Hopper), mit der ich jetzt in einer Garderobe bin. Wir interessieren uns beide sehr dafür, wie jede Stimme sich entwickelt. Und, ja, man wird als Frau auch älter, und Carin ist, glaube ich, Mitte dreißig, ich bin Mitte zwanzig, und, ja, ihre Stimme hat sich auch noch entwickelt. Und in zehn Jahren, da ist die Stimme doch noch anders. Außerdem denke ich, wenn man keinen Unterricht nimmt, besteht schon die Gefahr, dass man sich in eine falsche Richtung entwickelt, und dass es vielleicht nicht mehr so toll bleibt.

Und wie beobachtest du dich selber, zeichnest du etwas auf, beispielsweise zum Kontrollieren?
   Natürlich, Gesang hört man immer zurück. Darum nehme ich die Gesangstunden immer auf. Und mittlerweile hat man sein Ohr ein bisschen entwickelt, dass man schon weiß, oh, in dieser Show war das und das heut gar nicht so toll, na ja, vielleicht morgen, und dann ist am nächsten Tag das alles wieder gut, und man hat wieder andere Stellen, die weniger gut sind.

Warum hab ich da nie Schwierigkeiten?
   Und dann hat man immer gewisse Stellen, wo man weiß, OK, wenn ich mal weniger gut drauf bin, dann muss ich mich hier konzentrieren und da muss ich stützen. Und dann hat man Stellen, die immer fließen, und du denkst, warum hab ich da nie Schwierigkeiten? Und das Interessante ist, darüber nachzudenken, was das ist, wo eine Stimme plötzlich aufgeht, und wo sie andererseits plötzlich doch zurückhält.

Du bist Beltsopran, Mezzosopran und auch klassischer Sopran.  Und die Rolle in „Rebecca“, die „Ich“ ohne Namen, die zweite Mrs. de Winter: wie würdest du die einordnen?
   Das ist eine leichte Sopranstimme mit kräftigem Belt. Sie ist eher leicht. Wenn sie dann mal ihre Meinung sagt, wenn sie mal zur Frau wird, kommt die Kraft aus ihr heraus, und dann kommt die Beltstimme.

Du hast ja auch „Elisabeth“ gesungen. Wo sind die Unterschiede zu „Rebecca“? Sind die Anforderungen total verschieden? Oder verlangt Levay von den Stimmen immer mehr oder weniger dasselbe?
   Wenn man die Musik hört, - ich kann nicht sagen, woran das liegt - aber man kann sofort sagen, ah, das ist Kunze-Levay. Aber ich muss sagen, dass Elisabeth vom Bogen und von der Stimme her in der Höhe sehr stark gefordert wird. Am Anfang dachte ich, die „Ich“ ist leichter zu singen. Aber dann in der Probezeit dachte ich, ja, es ist vielleicht nicht leichter, es ist anders. Die Elisabeth ist reifer, die hat mehr eine runde Kraft in sich, die die „Ich“ erst später kriegt. Ich glaube, die „Ich“ ist am Anfang schneller und entwickelt sich dann breit. Was ich bei Elisabeth so toll finde, ist der Bogen, dass man die Chance hat, eine Rolle zu spielen von 16 bis 60, wo die Frau, die als junges Mädchen noch glaubt, sie kann die Welt verändern, am Ende so schwarz und dunkel denkt, dass sie sich in sich selbst zurückzieht und gegenüber allem verschließt. Das ist für eine Sängerin, für eine Schauspielerin eine Riesenaufgabe, aber es ist äußerst interessant, jeden Abend zu versuchen, das zu spielen. Die „I“ hat, glaube ich, die Entwicklung, die Elisabeth bis zum Ultimatum hat.

Die „I“ entspricht ja ziemlich genau deinem Alter. Ich weiß nicht genau, wie alt sie im Buch ist, ihr Name wird ja auch nicht genannt.
   Sie ist wohl Anfang zwanzig. Sie macht eine Entwicklung durch. Am Anfang tut sie alles für andere Leute, so dass diese Leute zufrieden sind. Was sie selber will, bleibt im Hintergrund, bis es nicht mehr so weitergeht, bis sie sagen muss: nein, jetzt bin ich aber dran, ich muss überleben in diesem Schloss, ich will meinen Mann, und dafür muss ich jetzt die Entscheidung treffen, zu mir selber zu stehen, und wenn mir Leute im Weg sind, dann muss ich ihnen das sagen.

Elisabeth im Spiegel, so stell ich mir die „I“ vor
   Und ich glaub, das ist die Entwicklung, die auch Elisabeth am Anfang macht - vielleicht ein grober Vergleich - aber Elisabeth sagt auch irgendwann, OK, jetzt ist Schluss. Jetzt will ich über die Erziehung meiner Kinder bestimmen, jetzt setz ich meine Schönheit ein, jetzt geht es mal anders, jetzt geht’s mal nicht, wie alle anderen Leute es wollen, jetzt geht’s mal wie ich es will. Dass die Elisabeth da viel weiter geht, und dass es irgendwann auch noch ganz andere Wendungen gibt, dass sie ihre eigenen Kinder wegstößt, ist natürlich eine andere Geschichte. Aber die Entwicklung am Anfang: ich sag immer, Ende erster Akt Elisabeth im Spiegel, so stell ich mir die „I“ vor, wenn sie rauskommt und sagt „Nein“, heut geht’s mal anders, ich mag keine Orchideen, ich möchte es mal, wie ich es will. Da sehe ich wirklich einen Vergleich in den Personen. Nur dass Elisabeth natürlich eine reale Person war, dass die Geschichte, die erzählt wird, wirklich passiert ist. Bei Elisabeth hat man Fotos, sie war wirklich auf dieser Erde, ihr Geist ist noch immer in Wien, das spür ich, und die „Ich“ ist eben fiktiv, ein Charakter in einem Buch.

Könnte es nicht der Charakter von Daphne du Maurier sein?
   Genau. Da bin ich sicher. Ich war in Cornwall. Dort hab ich dann erst mal gespürt, ah, die Daphne hat wirklich viel gemeinsam mit der „Ich“ im Buch, das spürt man wirklich. Erst als ich in Cornwall war, da dachte ich, wow, wie da alles lebt, die Natur, und auch wie bedrohlich sie sein kann. Die Atmosphäre, die sie im Buch erfährt, ist freundlich und doch auch bedrohlich, das alles atmet mit und es kreiert auch. Ich war da zusammen mit Uwe für eine Promotion, und um die Wurzeln von Cornwall, des Buches kennenzulernen. Das hat so viel gebracht, weil ich jetzt weiß, wo die „Ich“ herkommt, und wo sie ihre Träume geträumt hat, wo sie entschieden hat, oh, hier möchte ich leben, und hier bin ich mit meinem Mann happy, und hier will ich kämpfen für meinen Mann. Dort ist die ganze Geschichte geschrieben worden. Erst als ich dort war, habe ich das alles auch besser verstehen können.

Obwohl man auf der Bühne eigentlich den Cornwall-Effekt, sag ich mal, nicht so richtig mitkriegt, hat es dir viel gebracht.
   Ja, für die „Ich“ als Mädchen. Denn sie spricht viel über die Natur, auch am Anfang, wo sie zeichnet, und wo sie denkt, ach, ist es hier wunderschön, die Luft - für alles hat sie eine Metapher. Im Buch sagt sie auch, das riecht so wie das, und wenn ich das rieche, denk ich an das. Und auch im Prolog, wenn ich auf die Bühne komme, sage ich „Der Fliederduft ist so Sehnsucht …“ Sie beschreibt einfach alles. Aber natürlich steht man auf einer  Bühne, mit Vorhängen, und es ist alles nicht so, aber wenn ich an die Erinnerung denke, wie es war in Cornwall, hab ich für mich selber einfach eine Geschichte, die ich dann erzählen kann. Das macht es für mich leichter.

Als Vorbereitung hast du also das Buch gelesen und bist nach Cornwall gereist. Und  der Film?
   Den habe ich natürlich auch gesehen. Das war, bevor ich überhaupt wusste, dass ich die Rolle spielen werde. Ich hab mir den Film mit Kollegen angeschaut. Wir waren gespannt auf das, was jetzt in Wien kommt. Und da gab es den Hitchcock-Film. Ich bin nicht aus der Generation von Hitchcock, und ich dachte am Anfang, das dauert ja ewig, bevor die Geschichte richtig losgeht.

Wenn es um die Entwicklung von Personen geht, braucht man die Action gar nicht
   Aber dann am Ende fand ich, dass das einfach genial gemacht ist. Das musst du schätzen lernen. Denn ich persönlich kenne vor allem die amerikanischen Filme, wo es einfach Action gibt, wo viel passiert. Aber wenn es mal wirklich um die Entwicklung von Personen geht, braucht man die Action gar nicht. Das hat mich fasziniert.

Einen wesentlichen Unterschied gibt es noch zwischen „Elisabeth“ und „Rebecca“.  Elisabeth konntest du dir ja vorher von CDs, von vielen anderen Künstlern, anhören, so oft du wolltest. Aber „Rebecca“ ist eine Uraufführung und da musst du dich in eine ganz neue Musik reinarbeiten und reindenken. Wie machst du das?
   Die erste Woche war ganz spannend. Aber dann denkst du nach der ersten Woche: ich kündige, weil es alles so neu ist. Das musst du dann wirklich in die Kehle singen, wie man sagt. Das ist eine Aufgabe. Und das musste ich irgendwie machen. Der Weg, für mich, das zu machen, ist, das jeden Tag immer wieder zu singen, jeden Tag immer wieder voll zu singen und zu schauen, wo geht’s schief, wo muss ich hin, gesanglich. Und dann schreien alle anderen, markier doch, gib nicht so viel Kraft, spar deine Stimme - nein, ich muss es lernen, ich muss wissen, wo es hingeht, wo es in die Stimme geht. „Elisabeth“ hab ich in der Schule schon gesungen, „Ich gehör nur mir“ hat man hundert mal gesungen, auch wenn es damals nicht so gut war. Aber man kennt das Lied, man weiß die Bogen, man weiß, wo’s hingeht. Das muss man hier alles erst finden. Und auch jetzt immer noch. Ich denke, dass ich es vielleicht in einem Jahr ganz anders singen werde, als ich es jetzt singe. Das ist auch gut so, denn es muss sich entwickeln. Bei „Elisabeth“ hatte ich natürlich Maya Hakvoort in Wien, Maike Boerdam in Stuttgart, und Pia Douwes, die es überall gespielt hat, als Frauen vor mir. Das ist natürlich was, wo man als 24jährige nicht rankommt. Ich kann da nur lernen und hoffen, dass ich in zehn Jahren noch mal die Chance hab, das zu spielen, mit der Erfahrung, die ich dann gemacht habe.

Bei „Rebecca“ musst du alles selber machen
   Bei „Rebecca“ gab es das alles nicht, war das alles anders. Gott sei Dank hab ich hier eine Rolle spielen dürfen, die näher an mir dran liegt. Ein jüngeres Mädchen, das sich entwickelt zu einer jungen, erwachsenen Frau, etwas, das ich selber auch erlebe, und mal mehr, mal weniger schaffe. Mit ihr konnte ich mich viel mehr identifizieren, als mit Elisabeth. Manche Entscheidung von Elisabeth habe ich zuerst nicht verstanden, dann hab ich sie verstanden, aber ich dachte immer noch, warum macht sie es sich so schwer, warum hat sie keine Wärme, hat sie nie kommuniziert? Oder wie kann sie für Heinrich Heine so eine Faszination entwickeln? Es waren so viele Dinge, die für mich ungreifbar waren.
Jetzt konnte ich einfach auf mich selber, auf meinen Körper hören. Und damit ist die „Ich“ für mich viel greifbarer, weil sie halt mehr an mir dran liegt. Deswegen war es für mich besonders interessant und spannend, jetzt ohne Vorbilder spielen zu können. Jetzt konnte ich auf mich selber, auf meinen Körper hören, auf mein Reaktionen und Aktionen achten, darauf hören, wie ich reagieren würde. Und so sind die Schritte entstanden. Du läufst nach links, weil ich nach links will, und nicht, weil irgendjemand irgendwann entschieden hat, dass Elisabeth dahin geht. Es hat mich auch nicht gestört, dass alles schon durchgestellt war, weil man so Punkte hat, die man greifen kann. Also brauchst du darüber Gott sei Dank nicht nachzudenken, die Wege liegen fest, ich muss nur für mich im Kopf fühlen, warum ich das mache. Und bei „Rebecca“ musst du alles selber machen, zusammen mit der Regisseurin.

Francesca Zambello hat also mit euch Darstellern intensiv zusammengearbeitet. Sie hat nicht alles vorgegeben, sondern sie hat mit euch wirklich gearbeitet.
   In der Probezeit waren wir in einem Zimmer mit ihr, mit ihrem Assistenten, am Klavier der musikalische Supervisor, und haben die Szene entwickelt, mal gesprochen, mal auf die Beine gestellt, um zu schauen, was passiert, und zu prüfen, ob man irgendetwas braucht, um zu spielen, Requisiten, Kaffee. So hat Uwe irgendwann eine Brille gekriegt. Und vielleicht funktioniert etwas in einer Woche, und in der nächsten Woche funktioniert es nicht mehr. Dann sind wir wieder zurückgegangen ins Zimmer: warum funktioniert es jetzt nicht mehr, was brauchen wir, was ist verloren gegangen, oder was hat vielleicht doch nicht so gut gepasst, oder vielleicht war es nur ein Moment, wo es gut gepasst hat. Auf diese Weise habe ich auch meine Beziehung mit Uwe so gut aufbauen können, dass ich am Ende, als wir für Durchläufe auf die Bühne gegangen sind, wusste, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Wir konnten uns aufeinander stützen, und das war angenehm. Man musste nicht alles alleine machen.

Du hast also gut mit Uwe zusammen gearbeitet.
   Ja. Uwe und Francesca, das war ein gutes Dreieck.

Und mit Mrs. Danvers wahrscheinlich auch?
   Ja, mit Susan auch. Allerdings ist Mrs. Danvers bedrohlich für mich. Das sieht man ja auch im Bühnenbild, das hört man in der Musik. Und was für mich die schwierigste Aufgabe war, ist, dass ich mich entscheide, dass die „Ich“ sich entscheidet, zu ihrem Mann zu stehen, obwohl er vielleicht seine vorige Frau umgebracht hat. Denn ich muss wirklich eine große Liebe zu dem Mann entwickeln, dass ich zu so einer Entscheidung kommen kann. Das war für mich das Schwierigste. Und ich glaube, dass die Arbeit deswegen so intensiv und auch wichtig war, damit die Szene glaubwürdig gespielt werden kann.

Und inzwischen hast du ungefähr einen Monat lang gespielt, an die dreißig Vorstellungen. Und die Previews. Wie entwickelt sich das in einer solchen Zeit? Die Rolle, und vielleicht auch das Singen? Die Musik, alles zusammen? Da gibt es doch sicher eine starke Entwicklung von der ersten Aufführung bis heute.
   Genau. Vor ein paar Tagen war ein Gesangslehrer von Uwe in der Vorstellung, der gesagt hat: du hast dich noch so entwickelt, auch stimmlich, von der Premiere bis jetzt. Eigentlich ist das einem selbst gar nicht so bewusst.

Warum zieh ich hier die Schulter hoch?
   Das einzige, dessen man sich bewusst ist, ist, dass man weniger aufgeregt ist, dass man locker lassen kann, und auch auf andere Sachen achten kann. Man denkt, warum mach ich hier die Schulter hoch, das sollte eigentlich nicht so sein, in dieser Szene braucht man das nicht. Und das geht besser, je länger man spielt.

Die Schultern hoch, das ist am Anfang.
   Die Schultern sind am Anfang hoch. Und irgendwann müssen die mal runter, weil (lacht) sonst steht man nur sooo da. Am Anfang ist man sich dessen nicht bewusst. Es passiert halt, weil man aufgeregt ist, nicht nur als „Ich“, sondern auch als Wietske. Aber, hey, in dieser Szene braucht man das nicht. In dieser Szene kann sie auch mal normal stehen, normal Konversation machen, statt dass sie das graue Mäuschen ist. Und so entwickelt das sich jetzt langsam, und man fühlt sich langsam immer wohler. Ich gehe mit immer mehr Vertrauen auf die Bühne.

Ohne Lampenfieber?
   Na ja, ohne Lampenfieber ist man nie, und wenn mal was schief läuft, dann ist das Fieber sofort wieder da. Aber die Spannung muss da sein, glaube ich. Sie ist noch immer da, wenn der Vorhang hoch geht: OK, ja, geht ganz gut, OK, es geht gut, und dann geht man los. Ich glaube, ohne Lampenfieber ist man unterspannt, und das sollte auch nicht sein. Einen gewissen Level an Spannung braucht man, um die Geschichte zu erzählen und die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen, so dass es auch noch dran bleibt. Aber es darf nicht sein, dass die Spannung und das Lampenfieber größer sind, als die Leidenschaft, die Rolle zu spielen. Ich glaube, das muss schön in eine Balance kommen. Und ich glaube, langsam entwickelt sich das. Und ich glaube auch, dass, wenn wir vielleicht mal zwei Monate gespielt haben, dass das vielleicht auch mal weniger wird. Wenn man so lange spielt, ist natürlich auch die Gefahr, dass irgendwann …

... Routine aufkommt?
   Ja. Ich hoffe jedoch, dass das nicht passiert. Ich denke auch, dass „Elisabeth“ und „Rebecca“ beides Stücke sind, wo das nicht passieren darf. Jetzt haben wir auch ein Cast, die alle so dedicated sind, dass ich nicht glaube, dass sie das zulassen. Hier gibt es auch einen Abendspielleiter, und Francesca kommt auch mal wieder, um zu sagen, hey, was macht ihr da. Warum machst du das hier so, und nicht mehr so, wie am Anfang.

Habt ihr dann noch mal Proben, oder schauen sie nur Vorstellungen an?
   Na, die schauen Vorstellungen an, und außerdem haben wir Putzproben, musikalisch und choreografisch, aber auch szenisch. Dann setzt man sich auch wieder an den Tisch und sagt, OK, lass uns jetzt mal einfach wieder die Szene lesen, wie am Anfang. Vor der Premiere, bevor die Regisseurin gegangen ist, haben wir uns auch nochmals an den Tisch gesetzt und gesagt, OK, jetzt lesen wir noch mal. Was steht da wirklich? Was wollen wir wirklich erzählen? Ohne Bühnenbild, ohne Kostüme, ohne Maske. Einfach, um mal wieder an den Text ranzugehen, und ich glaube, es ist gut, wenn man es immer wieder wiederholt, für sich selber auch, aber auch mit Kollegen.

Wie die Geburt eines Babys
   Und ich hoffe nicht, dass jemand, der in einem Jahr kommt, sagt, na ja, es war mal eine schöne Geschichte, aber jetzt ist es irgendwie Müll. Das wäre das Schlimmste, was passieren kann, und da hab ich lieber, dass ich drei Töne verkack, ganz daneben sing, als dass die Geschichte nicht glaubwürdig rüberkommt.

Kommen die Autoren, also Sylvester Levay und Michael Kunze, kommen die auch immer mal wieder, um zu kontrollieren, was da auf der Bühne vor sich geht.
   Ja, natürlich. Aber auch, glaube ich, um es zu genießen. Sylvester hat sogar eine Wohnung in Wien. Er war auch bei „Elisabeth“ mal öfter da, er hat sogar, glaube ich, alle Zweitbesetzungen als Elisabeth gesehen, er hat sich die Mühe gemacht, jede anzuschauen, auch um zu genießen, wie andere Darsteller in die Rolle reinschlüpfen. Und auch jetzt kommt er, und auch seine Tochter ist öfter mal hier. Michael Kunze kommt öfter mit seinem Sohn. Und jetzt kommt Mitte November die CD raus, dann sind sie auch da.

Für Autoren ist es wohl auch wichtig, dass ihr eigenes Werk immer mal wieder sehen und hören.
   Das denke ich auch. Man darf nicht vergessen, dass die beiden sieben oder acht Jahre an diesem Stück gearbeitet haben. Sylvester hat einmal gesagt: das dauert ganz lange, das ist so spannend, wie die Geburt eines Babys. Und man will natürlich wissen, wie das Baby wächst, wie das groß wird, wie es sich entwickelt. Deswegen will man das auch immer wieder sehen. Da ist aber auch Respekt gegenüber den Darstellern, dem Orchester, dem Chor und dem Dirigenten. Wenn der Autor und der Komponist mal in der Vorstellung sind, dann hat man noch eine zusätzliche Motivation.

Sagen sich auch Leute von der Stage Entertainment an?
   Da waren Leute von Stage Entertainmen in der Premiere, und letztes Wochenende war jemand vom Colosseum Theater in Essen hier. Wir gehen aber ganz kollegial miteinander um. Ich glaub nicht, dass es da Konkurrenz gibt, obwohl gesunde Konkurrenz immer da ist, denn man will natürlich immer Erfolg haben.

Stage Entertainment hat ja von den Vereinigten Bühnen Wien schon „Elisabeth“ übernommen. Warum nicht auch „Rebecca“?
   Genau. Warum nicht? Berlin und Wien sind zwei verschiedene Städte, die Leute gehen nach Wien oder nach Berlin. Das sieht man dann auch nicht als Konkurrenz. Natürlich ist Wien schon eine Stadt, die immer was Neues machen will, und das finde ich auch besonders interessant.
   Aber die Stage Entertainment bringt, glaube ich, jetzt auch viele tolle Musicals aus Amerika. Ich habe gehört, dass „Wicked“ nach Deutschland kommt. Na ja, ich glaub, die Auditions werden übervoll sein, denn jeder liebt das Stück, weil die Musik so toll ist, und es ist auch was Neues und kommt dann nach Deutschland, das ist auch spannend. „Dirty Dancing“ war auch spannend, und in Holland kommt jetzt „Tarzan“ von Disney, und das ist etwas, wo jeder denkt, wow, die Musik von Phil Collins, das ist ja toll. Jeder hat so seine eigenen Vorlieben.

Kommen die Amerikaner auch zu euch, um mal zu schauen? Die Erfolge lassen ja zu wünschen übrig, was Kunze/Levays Musicals in USA oder überhaupt im angloamerikanischen Raum betrifft.
   Ja, aber ich weiß nicht, ob Musicals, wie „Elisabeth“ und „Mozart!“ überhaupt dahin gehören. Ich finde, diese Musicals gehören zu Wien und zu Europa. Aber sogar in Holland hat man gespürt, dass die Geschichte von Sissi, die wirkliche Geschichte, einfach in Holland nicht so lebt wie in Österreich und in Deutschland, oder auch in Italien und Ungarn.

Aber bei „Rebecca“ könnte es vielleicht anders sein, weil die ursprüngliche Geschichte aus dem englischen Raum kommt.
   Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, wofür die Amerikaner sich interessieren. Ich hab noch nie in Amerika Musical angeschaut. Ich weiß nicht, wo das Interesse des Publikums liegt. Ich weiß auch nicht, ob es das Ziel sein muss, dass man in Amerika oder in London Erfolg hat. Michael Kunze und Sylvester Levay sind jetzt in Japan, weil „Marie Antoinette“ da jetzt Premiere hat. Und die beiden haben in Ungarn, in Deutschland, in Holland, in Österreich und in Japan so viel Erfolg wie man nur haben kann. Wenn es die Leute nicht begeistert, muss man es auch nicht reindrücken, und wenn die Amerikaner es haben wollen: super, und wenn es dann läuft, keiner würde sagen, nein, lieber nicht.

Ein Musical, das man nicht so gut definieren kann
   Speziell „Rebecca“ ist ja ein Musical, das man nicht so gut definieren kann, es ist ein Schauspiel …

… ein DramaMusical …
   Genau. Es ist nicht ein Musical-Musical. Ich weiß immer noch nicht, wie ich es umschreiben soll.

Es grenzt ein bisschen an die Oper, oder nicht?
   Ja es ist Oper, aber auch wieder nicht. Weil es nicht so durchkomponiert ist. Es ist auch so wie ein Schauspielstück, es ist Oper, Musical, Schauspiel… ich weiß es nicht.

… schwer einzuordnen.
   Ja. Schwer einzuordnen. Das finde ich auch. Und deswegen ist es natürlich auch spannend. Gefällt es den Leuten? Ist so ein Krimi-Musical etwas, was dem Publikum gefällt? Oder will das Publikum eher „Dirty Dancing“ oder „Mamma Mia“, sogenannte Feel-Good-Musicals? Ich bin froh, dass es beides gibt. Dass das Publikum sich für beides interessiert, das ist das Schöne.

Aber zurück zu dir. Du bist so begeistert von deinem Beruf und erzählst so interessant, und hast auch schön plastisch dargestellt, wie dir „Rebecca“ nahegebracht wurde, und wie du dir alles erarbeitet hast. Aber es stellt sich natürlich noch eine Frage. Soweit ich weiß, spielst du zunächst mal bis Mitte nächsten Jahres. Das sind also mindestens noch 300 Vorstellungen, die du vor dir hast. Macht man da jetzt schon Pläne für die Zukunft oder hat man dazu keine Zeit.
   Zeit hat man schon. Ich habe das nie gemacht, ich hab das bei „Elisabeth“ auch nicht gemacht. Denn wenn ich das mache, dann kriege ich irgendwie ein Angstgefühl, wie es denn weitergehen wird, und das Angstgefühl mag ich nicht so gern.

Happy mit dem, was ich mache
Wietske van Tongeren beim Interview am 1. November 2006 in Wien - Überlebensgroße Bilder am Raimund Theater - Foto: Copyright © 2006 Arthur H. Maute   Da ist die Tatsache, dass ich jetzt bis Mitte nächsten Sommer einen Superjob habe und jeden Abend genieße, jeden Abend dankbar bin, wenn ich ins Theater gehe, jeden Abend lache über die Bilder von mir, die da noch draußen hängen (lacht), voll mein Gesicht drauf und …

… überlebensgroß …
   … ja genau (lacht herzlich). Was nachher kommt, kommt nachher, und ich glaube, ich glaube an Gott, und ich glaube, Gott hat einen Weg für uns, und wenn, ja, wenn ich mich bemühe, wird der Weg schon weitergehen. Und ist es nicht in einer Hauptrolle, dann ist es etwas anderes. Das Wichtigste für mich ist, das ich happy bin mit dem, was ich mache. Und ich war in „Elisabeth“ happy, jeden Abend. Auch wenn ich im Ensemble vielleicht mal ganz hinten links gestanden habe, hat es mir genau so viel Spaß gemacht wie jetzt auf dieser Bühne oft vorne alleine zu stehen. Und ich glaube, es ist wichtig, dass man Spaß hat bei der Sache. Das ist für mich mein Ziel. Und ich hab nicht irgendwie einen Plan, dass ich diese oder jene Rolle noch spielen will. Das hatte ich auch nicht bei „Elisabeth“. Viele Mädchen haben mir gesagt, oh, das ist eine Traumrolle von mir, und ich habe mir gedacht, das ist eine schöne Rolle, aber ich hab nicht so im Kopf gehabt: das ist meine Rolle, die ich mal spielen möchte. Zwar sind da sind CDs, die man hört und denkt, wow. Da gibt es eine Sängerin, Lara Fabian, die ich liebe, und wo ich denke, ja, wenn ich mal ein Konzert machen darf, vielleicht in Wien oder sonst wo, und ich darf ein Lied von ihr singen, das wäre schön. Solche Träume hat man schon, aber ich denke nicht, nach „Rebecca“ möchte ich mal da und da hin. Ich schau mal. Ich werde vorsingen und ich hoffe, dass es irgendwie wieder weiter geht.

Wietske, ich danke dir. Ich wünsche dir auf deinem Lebensweg - das kann man da ruhig sagen, denn dein ganzes Leben ist Musical - alles Gute und weiterhin viel Erfolg, und ein gutes Publikum dazu, das sich über das freut, was ihr mit Mühe und mit Anstrengung jeden Abend auf die Bühne bringt. Dafür wünsche ich dir alles Gute, und vor allem auch Gesundheit.

Am 1. November 2006 aufgezeichnet von Arthur H. Maute
Fotos: Copyright © 2006 Arthur H. Maute